Russische Oligarchen Rückkehr der Superreichen
Russlands Reiche: Comeback der Oligarchen
Krise? Welche Krise? Während die russische Wirtschaft im vergangenen Jahr um fast acht Prozent geschrumpft ist, können Russlands Oligarchen schon wieder feiern. Laut der jährlichen Erhebung des Fachmagazins "Finans" haben Russlands Reichste ihr Vermögen binnen eines einzigen Jahres nahezu verdoppelt. Belief sich das Vermögen der Top Ten der Oligarchen Ende 2008 auf 75,9 Milliarden Dollar, waren es Ende des vergangenen Jahres 139,3 Milliarden Dollar - ein Plus von 83,5 Prozent. Auch die Zahl der Dollarmilliardäre insgesamt ist im Krisenjahr 2009 gestiegen - von 49 auf nun 77.
Reichster Russe ist jetzt der Stahlmagnat Wladimir Lissin mit 18,8 Milliarden Dollar, vor einem Jahr lag er mit 7,7 Milliarden noch auf Rang drei (siehe Fotostrecke). Er verwies den Spitzenreiter des vergangenen Jahres, Michail Prochorow (17,85 Milliarden) knapp auf Rang zwei. Auf Platz drei folgt der Besitzer des englischen Spitzenclubs Chelsea, (17 Milliarden).
Der neue Super-Oligarch ist eine Ausnahmeerscheinung unter Russlands Reichen. Im Gegensatz zu anderen vermögenden Wirtschaftsführern weiß man über seine Person wenig. Er soll dem russischen Schützenverband vorstehen, heißt es, und sei gar selbst mit dem Gewehr ein wahrer Meisterschütze. Ansonsten scheut er die Öffentlichkeit, Presseauftritte und Interviews sind eine Seltenheit.
Den "Mann aus Metall" hat ihn "Finans" getauft, in Anlehnung an das Stahlgeschäft, mit dem Lissin seinen Reichtum gemacht hat. Es ist das erste Mal, dass er die Spitzenposition erreicht: "Wir waren selbst von dem Ergebnis überrascht", schreiben die Experten des Wirtschaftsmagazins. "Wir haben alle Kalkulationen nochmals nachgerechnet." Doch schon in den vergangenen Jahren konnte sich Lissin sukzessive nach vorne schieben.
"Zar, Gott und Ehrenbürger"
Das verdankt er vor allem der florierenden Stahlschmiede in seiner Heimatstadt Lipezk, einer 500.000-Einwohner-Stadt, rund 600 Kilometer südlich von Moskau. Rund 70.000 Mitarbeiter beschäftigt Lissins Stahlimperium NLMK, 2008 erzielte das Unternehmen fast drei Milliarden Dollar Gewinn und einen Umsatz von zwölf Milliarden Dollar.
"In Lipezk", schreibt Finans, "ist Lissin Zar, Gott und seit Sommer 2009 auch Ehrenbürger der Stadt." Anders als andere Oligarchen hat Lissin sein Vermögen früh gebündelt und sich auf den Ausbau des Rohstoffgiganten konzentriert. "All meine Arbeit ist darauf gerichtet, die unternehmerischen Kennzahlen des Unternehmens zu verbessern", sagte der Unternehmer 2004.
Tatsächlich formte er aus dem einstigen Sowjetkombinat einen modernen Konzern, international wettbewerbsfähig und hochprofitabel. Obwohl Lissins NLMK weniger Stahl produziert als Konkurrent Sewerstal des Rivalen Alexej Mordaschow (zehn Milliarden Dollar, neunter Platz) wird das Lipezker Unternehmen fast doppelt so hoch bewertet.
"Ich arbeite hart und feiere deshalb auch ausgiebig"
Der Zweitplatzierte Prochorow konnte sein Vermögen ebenfalls steigern, um fast vier Milliarden Dollar, wandte aber laut "Finans" 2009 viel Geld für zweifelhafte Projekte auf, etwa den Kauf des amerikanischen Basketball-Teams New Jersey Nets. Prochorow verfügt über gute Verbindungen zur russischen Führung. Im Auftrag von Premierminister Wladimir Putin soll der Milliardär der russischen Automobilindustrie auf die Beine helfen - und ein russisches Elektroauto entwickeln.
Anders als Lissin gilt Prochorow als Muster des neureichen Russen, er pflegt einen ausschweifenden Lebenswandel. "Ich arbeite hart und feiere deshalb auch ausgiebig", sagte er einmal in einem Interview mit dem SPIEGEL . Prochorows Winterurlaub im französischen Ski-Ressort Courchevel endete 2007 in einem Skandal: Französische Polizisten nahmen den Milliardär unter dem Verdacht fest, die Dienste Prostituierter eines illegalen Callgirl-Rings in Anspruch genommen zu haben. Die Vorwürfe wurden später fallen gelassen. "Wir haben nur eine Party gefeiert", sagte Prochorow.
Eine ausladende Feier richtete Prochorow auch im Juni 2009 aus - und erregte den Unmut von St. Petersburger Kommunisten. Prochorow hatte Regierungsmitglieder, Unternehmer und Showgrößen zu einer Party auf den Kreuzer Aurora in St. Petersburg geladen, jenen Kreuzer, von dem 1917 mit einem Kanonenschuss das Signal zur Oktoberrevolution gegeben wurde. Heute dient das Schiff als Marinemuseum. Die kommunistische Partei protestierte gegen die "Orgie der Kapitalisten an Bord des Revolutionskreuzers".
Deripaskas Comeback
, im vergangenen Jahr von 40 auf 4,9 Milliarden Dollar abgestürzt, feiert laut "Finans" ein bemerkenswertes Comeback. Der Eigentümer der Holding Basel klettert von Platz acht auf Rang sechs und verdreifacht sein Vermögen auf knapp 14 Milliarden Dollar - dank freundlicher Unterstützung des Staates. "Dank der Hilfe des Staates hat Oleg Deripaska seine Hauptaktiva behalten können", notiert "Finans". "Aus der unentrinnbar erscheinenden Schuldengrube mit Treibsand ist ein nicht mehr sehr tiefer Morast geworden. Es ist nicht angenehm darin zu laufen, aber besondere Probleme macht es nicht."
Aber auch außerhalb der Top Ten der reichsten Russen tut sich Bemerkenswertes. Gennadi Timtschenko, seit langen Jahren mit Premierminister Wladimir Putin bekannt, macht im Ranking einen mächtigen Satz um 375 Plätze nach vorn und belegt mit 4,15 Milliarden Dollar jetzt Platz 23.
Unter die reichsten 100 Russen hat es auch Arkadij Rotenberg mit 930 Millionen Dollar geschafft. Er verbessert sich um 315 Plätze auf Rang 80. Auch für den Bankier und Direktor des Sportclubs Jawara-Newa stellt wohl die Bekanntschaft mit dem Regierungschef Putin ein wichtiges Asset dar. Rotenberg war einst Putins Judo-Trainer.