WECHSELKURS Schlechter Scherz
Gerhard Stoltenberg zeigte sich zufrieden. Er sei, so der Bundesfinanzminister am Montag vergangener Woche, »zuversichtlich«, daß die jetzigen Devisenkurse im Europäischen Währungssystem (EWS) »über lange Zeit zu halten« seien.
Der Finanzminister war gerade aus Brüssel zurückgekehrt, wo sich die im EWS verbundenen acht Länder auf neue Wechselkurse geeinigt hatten. Die Mark und der niederländische Gulden wurden gegenüber den übrigen Währungen der Gemeinschaft um drei, der belgischluxemburgische Franc wurde um zwei Prozent aufgewertet.
Stoltenbergs Zuversicht war nicht echt. Auch der Bonner Finanzminister weiß, daß er schon bald wieder ran muß: Die bescheidene Aufwertung der Mark kann dem europäischen Währungsverbund nur eine kurze Atempause verschaffen. Die nächste Krise ist bereits abzusehen.
Obwohl Europas Währungspolitiker zweimal bis in den frühen Morgen konferierten, verfehlten sie in Brüssel ihr Thema. Als wäre das EWS eine abgelegene Insel ohne Kontakt mit der Außenwelt, diskutierten sie gut 20 Stunden lang fast nur über Interna. »Weil die Diskussionen so schwierig waren, mußten wir uns«, so Finanzminister Stoltenberg, »im wesentlichen auf die Währungsrelationen im EWS konzentrieren.«
Die Ursache der jüngsten Spannungen zwischen Europas Währungen, vor allem zwischen Mark und französischem Franc, war jedoch weniger in auseinanderklaffenden Inflationsraten und Handelsbilanzahlen oder den Studentenunruhen und Streiks jenseits des Rheins zu suchen. Der »Wirbelsturm«, der auf Europas Devisenmärkten für Unruhe sorgte, so EG-Kommissionspräsident Jacques Delors, »kam von außen«. Der Störenfried war der US-Dollar.
Die US-Währung, seit Monaten schwach, war gleich zu Beginn des Jahres noch einmal deutlich abgesackt. Auslöser waren die neuesten Handelsbilanz-Zahlen, die für den Monat November ein neues Rekorddefizit in Höhe von 19 Milliarden Dollar auswiesen. Verunsicherte Anleger tauschten daraufhin Milliardenbeträge von Dollar in Mark um.
Obwohl die Frankfurter Bundesbank mit dreistelligen Millionenbeträgen intervenierte, um die US-Währung zu stützen, fiel der Dollar Anfang des Monats auf unter 1,92 Mark, den niedrigsten Stand seit November 1980.
Die scharf anziehende Mark setzte das EWS harten Spannungen aus: Die Währungen der Mitgliedsstaaten sind innerhalb einer Schwankungsbreite von 4,5 Prozent (Italien: 12 Prozent) fest miteinander verbunden. Die nationalen Notenbanken müssen durch Kauf oder Verkauf der Partnerwährungen verhindern, daß diese über die festgelegte Schwankungsbreite hinausrutschen.
Durch die Dollar-Schwäche und die daraus folgende Mark-Stärke rutschte nun die zweitwichtigste EWS-Währung, der französische Franc, gegenüber der
Mark ans untere Ende des Kurs-Bandes. Anders als die Mark ist der französische Franc ebenso wie die übrigen EWS-Währungen als Investitions- oder Reservewährung für internationale Anleger wenig attraktiv.
Der Bonner Regierung kam der neue Aufwertungsdruck auf die Mark - wenige Wochen vor der Wahl - äußerst ungelegen. Die Verteuerung der deutschen Währung gegenüber dem Dollar hatte die deutschen Ausfuhren zuletzt bereits empfindlich schrumpfen lassen - eine Aufwertung der Mark auch gegenüber den Währungen der Handelspartner in Europa mußte weiter auf die Stimmung in der Wirtschaft drücken.
So lehnte Bundesfinanzminister Stoltenberg denn auch eine Wechselkursanpassung im EWS zunächst glatt ab. Selbst als sein Pariser Kollege Edouard Balladur ihm »Böswilligkeit« vorwarf, stellte sich Stoltenberg stur. Ungerührt ließ er die Bundesbank am Mittwoch der vorvergangenen Woche Milliarden ausgeben, um den französischen Franc innerhalb der festgelegten Bandbreite zu halten.
Doch die Spekulanten ließen sich nicht abschrecken. Mehr als zehn Milliarden Mark an Devisen strömten im Verlauf der Woche ins Land: Der Franc blieb am unteren Interventionspunkt hängen. Tief besorgt über die enormen Liquiditätszuflüsse aus dem Ausland, die Inflationsgefahren mit sich brachten, riet die Bundesbank der Bonner Regierung zur Kursänderung.
Auf einer Sondersitzung des Bank-Direktoriums am Freitag vorvergangener Woche drehten die Währungshüter Stoltenberg um. Nach der Sitzung rief der Finanzminister seinen Kollegen Balladur in Paris an und sagte ihm eine Mark-Aufwertung zu. Die Einzelheiten legten die zuständigen Gremien der Gemeinschaft dann in Brüssel fest.
Stoltenberg, der die Wucht der Marktkräfte unterschätzt hatte, handelte jedoch nicht nur reichlich spät, sondern auch halbherzig. Devisenhändler in Frankfurt und Paris sind keineswegs überzeugt, daß die Aufwertung der Mark reicht, um das spekulative Kapital in eine andere Richtung zu lenken.
»Das ist ein schlechter Scherz«, kommentierte der Frankfurter Devisenhändler Rolf-Dieter Kaiser die Mini-Aufwertung. In Frankfurter Händlerkreisen ist die jüngste europäische Währungskonferenz nur als »Brüsseler Kappensitzung« bekannt. Die Praktiker gehen davon aus, daß vielleicht schon im Februar, kurz nach der Wahl, spätestens jedoch im Sommer die Mark noch einmal aufgewertet werden muß.
»Die halbherzige Aufwertung«, so Kaiser,"hat die Spekulation erst richtig angeheizt.«
In der Tat flossen die in Mark angelegten Spekulationsgelder bisher nicht wieder ab. Anders als bei marktgerechten
Aufwertungen üblich, erlitt die Mark bisher keinen Schwächeanfall. Nach der Aufwertung notierte sie in Paris mit 3,32 Franc nicht einmal einen Centime niedriger als vor der Aufwertung.
Anders auch als nach früheren Aufwertungen der Mark im EWS gewann der Dollar vergangene Woche nicht einmal vorübergehend an Stärke. Im Gegenteil: Obwohl die Bundesbank die US-Währung mit mehreren hundert Millionen Dollar stützte, fiel der Dollar nach der Mark-Aufwertung auf deutlich unter 1,90 Mark ab.
Bleibt der Dollar weiter schwach, die Mark weiter stark, wird eine neue Aufwertung der deutschen Währung im EWS schon bald unausweichlich. Und dann könnte der ohnedies schon erlahmende bundesdeutsche Aufschwung in eine Rezession umschlagen.
Zwar beurteilten die Verbände der Wirtschaft - wohl mit Rücksicht auf den Wahltermin - die Aussichten der bundesdeutschen Konjunktur auch nach der jüngsten Aufwertung öffentlich weiter zuversichtlich. Doch die Börse zeigt, wohin die Reise wirklich geht: Die starke Mark drückt auf die Kurse. Gerade die Aktien exportintensiver Unternehmen wie Daimler-Benz und Siemens wie auch die Papiere der stark in der Exportfinanzierung engangierten Banken erlitten deutliche Einbußen.
Die Bonner Regierung und die Frankfurter Bundesbank erleben einmal mehr, daß die Deutschen viel zu eng mit dem Wohl und Wehe der amerikanischen Wirtschaft verbunden sind. Auch eine schwache US-Währung bleibt die Leitwährung der Welt (siehe Serie Seite 124) - und sie ist allemal stark genug, die Welt für die Schuldenpolitik der Amerikaner bluten zu lassen.