STAHLINDUSTRIE Schlimme Folgen
Nichtsahnend saßen am Montagnachmittag voriger Woche die Spitzenmanager der internationalen Stahlindustrie mit ihren Ehefrauen in der Madrider Stierkampfarena Casa de Campo. Für einige Stunden hatten sie die Jahrestagung ihres globalen Stahlverbands unterbrochen, um bei einem simulierten Stierkampf -- das Tier bleibt dabei am Leben -- in die Geheimnisse der Corrida eingewiesen zu werden.
Fast zur gleichen Stunde hockten im Brüsseler Verwaltungshochhaus der Europäischen Gemeinschaft die ranghöchsten Europa-Bürokraten zusammen, um über die Unternehmen eben jener Manager zu befinden. Sie entschieden, daß den Stahlindustriellen die angestammten Rechte gehörig gestutzt werden müssen.
»Wegen des Rückganges der Nachfrage« im Stahlbereich befinde sich, so das Verdikt von Brüssel, die Gemeinschaft »in einer offensichtlichen Krise«. Nur noch ein amtlich und zentral gelenkter Krisenplan könne die Stahlindustrie aus ihrer Dauerflaute retten.
Den Hüttenchefs, so verkündete der belgische EG-Kommissar Etienne Davignon, soll vorgeschrieben werden, wieviel Rohstahl und Profile, wieviel Bleche und Warmbreitband sie quartalsweise produzieren dürfen: Nach der Landwirtschaft soll auch die Stahlindustrie europäisch dirigiert werden.
Daran, so ist zu befürchten, wird auch der stramm liberale Bonner Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff nichts mehr ändern können. Mit einem Einspruch im EG-Ministerrat, der letzten Genehmigungsinstanz, verschafften sich die Marktwirtschaftler in Bonn eine zweiwöchige Verschnaufpause. Diese Zeit will der Graf nutzen, um Europas Stahlkonzerne doch noch zur Bildung eines freiwilligen Krisenkartells zu bewegen.
»Diese ungeheuerliche Entwicklung in Brüssel«, klagte Hoesch-Chef Detlev Karsten Rohwedder, »wird in erster Linie für die deutschen Firmen schlimme Folgen haben.«
Im Madrider Tagungshotel Melia Castilla jammerten sich während der Kaffeepausen die deutschen Bosse die drohenden Nachteile vor: Kurzarbeit und Entlassungen durch weitere Produktionskürzungen.
Aus Brüssel wollen sie erfahren haben, daß die EG-Beamten die Stahlproduktion noch in diesem Jahr um zehn Prozent zu drosseln planen. Die deutsche Gruppe soll noch weniger Stahl abstechen -- minus 14 Prozent.
Einer durfte in Madrid nicht mitreden. Wenn Herbert Gienow, Chef der Duisburger Klöckner-Werke, vorbeikam, begannen die Kollegen von Thyssen und Krupp, Salzgitter und Hoesch zu tuscheln. Dem auffällig gemiedenen Hüttenchef kreiden die Kollegen an, den »Keulenwurf von Brüssel« (Krupp-Hüttenvorstand Alfons Gödde) provoziert zu haben.
Mit eigenwilligen Aktionen hatte Gienow seinen Kollegen den Plan vereitelt, europaweit zu einer »privatwirtschaftlichen Lösung der Stahlkrise« (Thyssen-Chef Dieter Spethmann) zu kommen.
Die Chancen, den 1976 geschlossenen, aber 1981 auslaufenden Pakt der europäischen Stahlwerke ("Eurofer") neu aufzulegen, standen nicht schlecht. Die Staatskonzerne wie British Steel, Italsider, Cockerill aus Belgien oder Frankreichs Firmen Usinor und Sacilor hatten sich dazu bereit gefunden, den 76er Vertrag zu erneuern.
Der war damals zu einer Zeit zustande gekommen, als das Überangebot an Stahl die Preise purzeln ließ. Weil zuviel Stahl den Markt überschwemmte, teilten sich die Manager mit Brüsseler Genehmigung nach guter alter Kartellsitte ihre Lieferungen ins In- und Ausland einträchtig auf. Argwöhnisch wachte jeder über jeden, damit die mühsam abgesprochenen Quoten auch eingehalten wurden.
Nachweislich drei Jahre lang hielten die Freunde in der Not so ihre Preise hoch und kamen für die gelieferte Ware auf ihre Kosten.
Dann entdeckten Verkaufsmanager von British Steel, daß schwarzer Stahl aus deutschen Hütten auf ihrer Insel die Preise drückte. Tatsächlich wies die britische Einfuhrstatistik eine weitaus höhere Tonnage an Feinblech made in Germany aus als die Ausfuhrtabellen der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl in Düsseldorf. Eine der Mitgliedsfirmen mußte dem Verband falsche Daten gemeldet haben.
Um die Jahreswende wunderten sich dann auch die Verkaufsmanager deutscher Stahlfabriken, daß ihren langjährigen Kunden von bislang unbekannten Händlern billiger Stahl angedient wurde. Um ihre Käufer zu halten, mußten sie in die niedrigeren Preise einsteigen.
Der Verdacht fiel gleich auf Gienow. Der Klöckner-Chef hatte zwar den Kartellvertrag unterschrieben, doch bald darauf eine Aufstockung seiner Quoten gefordert: Er sei, so lamentierte er jahrelang, bei der Zuteilung zu kurz gekommen.
Das kann sogar sein. Im Jahr 1974, dem Basisjahr für die Ermittlung der Quoten, hatte Klöckner wegen technischer Mängel seiner neuen Anlagen in Bremen vergleichsweise wenig produziert; entsprechend niedrig fiel seine Zuteilung aus.
Überdies hatte Gienow sich beim Zugriff auf die Quoten verkalkuliert: Er wählte, anders als etwa der Konkurrent Thyssen, eine besonders hohe Inlands- und eine relativ niedrige Auslandsquote. Das einträglichere Geschäft war aber mit großen Mengen draußen zu machen.
Dezente Recherchen des Düsseldorfer Stahlverbandes über die Produktion in der Bremer Klöckner-Hütte und die Schiffsladungen im Hafen machten den Verdacht dicht, daß sich S.132 Gienow mit schwarzen Lieferungen zu Kampfpreisen flüssig macht.
Mit einem Trick wollten andere Kartellkollegen den Abweichler in ihren Reihen bloßstellen: Sie legten unabhängigen Wirtschaftsprüfern ihre Lieferlisten offen und forderten Gleiches von Gienow. Doch der dachte nicht daran.
Der Bruch im Klub war nicht mehr zu kitten. Da half auch jenes »Eingeständnis der Untat« (so ein Stahlmanager) nicht mehr, das Klöckners Hausbankier Friedrich Wilhelm Christians, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, nachlieferte. Er signalisierte dem Freundeskreis der Stahlkaufleute eine freiwillige Klöckner-Buße von drei Millionen Mark in die Klubkasse.
Die Kollegen winkten ab: Bei der vereinbarten Vertragsstrafe von 75 Dollar für jede schwarz gelieferte Tonne wäre bei Einsicht in die Klöckner-Bücher möglicherweise der zehnfache Betrag zustande gekommen.
Mehr noch hätte den mutmaßlichen Kartellsünder eine andere mögliche Strafe gekostet: der Abzug der schwarzen Menge von seiner Quote im nächsten Quartal. Doch dazu kam es nicht mehr. Gienow verließ im Juni »Eurofer« und ließ, ganz konsequent, die Mitgliedschaft beim deutschen Stahlverband ruhen.
Die Folgen des Schwarzhandels spürten die Verkäufer: Die Tonne Feinblech, Stabstahl und Warmbreitband-Stahl wurde im letzten halben Jahr um 50 bis 100 Mark billiger.
»Um das Jahr 1981 für Europas Stahlindustrie zu retten«, dozierte Davignon Ende September vor den nach Brüssel zitierten Hüttenchefs, werde er mit seinen Mitteln den »erbarmungslosen Preiskrieg« beenden -- auf europäische Art, wie sich zeigt, durch S.133 gänzliche Beseitigung von Wettbewerb. Wie jeder dirigistische Eingriff dürfte auch dieser von Dauer sein. Da hilft auch kaum mehr, daß sich Gienow am Wochenende doch noch mit seinen alten Klubfreunden aus Düsseldorf auf die Fortsetzung eines privat gemanagten Kartells verständigte.
Denn die Kollegen aus dem Ausland werden nicht mehr mitmachen wollen. Unter Davignons Regiment entfällt nämlich für die Manager der meist in Staatsbesitz befindlichen Stahlwerke in England, Frankreich oder Italien jedweder Druck, ihre veralteten Klitschen aufzumöbeln.
Schon seit Jahren werden diese Fabriken von ihren Regierungen gepäppelt. Zum Ausgleich ihrer Bilanzen kassierten British Steel und Cockerill, die Firmen in Frankreich und Italien in den letzten fünf Jahren rund 20 Milliarden Mark Subventionen, 50 Mark pro Tonne Rohstahl.
»Man kann noch so ein fröhliches Gemüt haben«, bedauert Thyssen-General Spethmann sein deutsches Fähnlein von Privatkonzernen, »aber gegen die vereinigten Steuerzahler dieser Länder kommen wir nicht an.«
Salzgitter-Chef Ernst Pieper, der seine Belegschaft in den bundeseigenen Werken am Zonenrand um 5000 Stahlwerker abbaute, schwant Schlimmeres: Mit Einzug der Planwirtschaft in die Branche würden die Kollegen im Ausland »noch ungenierter die Verantwortung für die Verluste ihren Regierungen anlasten können«. Denn die hätten das Dekret von Brüssel eingesegnet. Und da die EG-Behörde nun mal die Stahl-Planwirtschaft verordnet habe, werde sie bald auch um die Hilfszahlungen angegangen.
Schließlich ist ja nicht einzusehen, daß nur die Bauern aus der europäischen Kasse gefüttert werden.