WÄHRUNG Schmaler Wachstumspfad
Ein Mann wie Hans-Olaf Henkel kennt keine Überraschungen mehr. Alles schon gehabt, alles schon mal gesehen. Und so erlebt der BDI-Vizepräsident und Wirtschaftsprofessor der Universität Mannheim in diesen Tagen wieder einmal ein Déjà-vu. »Die wirtschaftliche Situation«, warnt er, »erinnert mich im Augenblick fatal an das Frühjahr 1995.«
Die Ähnlichkeiten sind in der Tat frappierend. Auch damals einigten sich die Tarifparteien auf Lohnabschlüsse von rund vier Prozent. Auch damals verlor der Dollar drastisch an Wert und machte deutsche Exporte teurer.
»Diese Kombination hat den Aufschwung Mitte der neunziger Jahre kaputt- gemacht«, erinnert sich Henkel, und heute sehe es nicht besser aus, im Gegenteil: »Damals wuchs die deutsche Wirtschaft viel kräftiger aus der Talsohle heraus.«
Henkel ist nicht der Einzige, der sich sorgt. Auch der Bundesbank bereitet die Konstellation von hohen Tarifabschlüssen und wieder erstarkendem Euro Unbehagen, obwohl Währungsturbulenzen innerhalb Europas, anders als 1995, nicht mehr möglich sind. Vergangene Woche übersprang die neue Währung die Marke von 94 US-Cents und erreichte damit ein 15-Monatshoch.
»Die konjunkturelle Erholung ist noch kein Selbstläufer«, befürchtet Hermann Remsperger, Chefvolkswirt der Frankfurter Zentralbank. Bewege sich die Wirtschaft wie derzeit auf einem »flachen und schmalen Wachstumspfad«, könnten selbst kleine Störungen den erwarteten Aufschwung gefährden.
Besonders bedrohlich kann es werden, wenn der Euro weiter klettert und sich gleichzeitig die Erholung in den USA abschwächt, befürchten die Bundesbank-Ökonomen. Kein unwahrscheinliches Szenario. Immer wieder gibt es Anzeichen dafür, dass sich die US-Wirtschaft doch nicht so schnell erholt wie erhofft. Das US-Konjunkturbarometer ist zum ersten Mal seit den Terroranschlägen wieder gesunken, die Anträge auf Arbeitslosengeld steigen dagegen.
Doch ein Euro, der zu schnell steigt, kann eine fatale Wirkung als Konjunkturbremse entwickeln. Allein in den vergangenen zwei Monaten gewann die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar etwa sieben Prozent an Wert.
Auswirkungen hat das zwar noch nicht, aber: »Wenn der Euro innerhalb kurzer Zeit um zehn Prozent und mehr steigt, hat das merkliche Folgen für die Ausfuhr«, befürchtet Joachim Scheide, Konjunkturexperte des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Und ein Ende des Höhenflugs ist nicht in Sicht.
Bisher hatte sich die Währung immer nur kurz erholt - um dann gleich wieder abzubröseln. Jetzt sieht es so aus, als ob die Stimmung dauerhaft gedreht habe. Das »Handelsblatt« wittert bereits eine »Trendwende«.
Der Dollar, scheint es, hat seine stärkste Phase hinter sich. Den USA fällt es wegen unsicherer Konjunkturaussichten immer schwerer, Kapital aus dem Ausland anzulocken, um ihr riesiges Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren.
Ausländische Anleger meiden zudem die Börse in New York, weil sich dort die Aktien schlechter entwickeln als Wertpapiere im Rest der Welt. Nach dem Bilanzskandal um den Pleitegiganten Enron ist das Vertrauen in den Standort USA erschüttert. Auch ständig nach unten korrigierte Gewinnerwartungen amerikanischer Unternehmen wirken abschreckend.
Europas Börsen schneiden dagegen besser ab. Die Folge: Investoren verlassen die Wall Street und kaufen europäische Wertpapiere. Das treibt den Euro-Kurs noch weiter in die Höhe, aber noch nicht unbedingt die Konjunktur.
Immerhin: Der alte Kontinent weckt neue Phantasien: »Die Anleger erwarten, dass es nach den Wahlen in Frankreich und Deutschland zu Wirtschaftsreformen kommt, die den Standort Europa stärken und sich dann auch in Kursgewinnen niederschlagen«, sagt Ian Douglas von der Investmentbank UBS Warburg in London. Zwar würden die europäischen Volkswirtschaften wohl nie den Freiheitsgrad der amerikanischen erreichen, aber: »Für den Investor kommt es nicht auf das Niveau der Liberalisierung an, sondern darauf, wo in absehbarer Zeit die größten Veränderungen stattfinden.«
Die Bundesregierung jedenfalls sieht die Entwicklung mit Wohlgefallen. Noch.
Ihre Experten befürchten nicht, dass ein weiter steigender Euro der konjunkturellen Erholung schadet. Er sei nach wie vor unterbewertet, habe also noch Spielraum nach oben. »Ein Wechselkurs von eins zu eins«, meint ein einflussreicher Regierungsökonom, »das wäre doch eine super Sache.« CHRISTIAN REIERMANN