Smart-Chip-Chancen: Wissen ist Verbrauchermacht - DER SPIEGEL
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Smart-Chip-Chancen Wissen ist Verbrauchermacht

Smart Chips machen Informationen immer und überall verfügbar. Dadurch lassen sich viele Produkte und Dienstleistungen sicherer gestalten - zudem könnte die neue Technologie im Gesundheits- oder Umweltschutz wahre Wunder vollbringen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mark Roberti, Herausgeber des Informationsdienstes "RFID Journal" kann die Big-Brother-Szenarien der Smart-Chip-Kritiker nicht mehr hören. Der Technikexperte, der als Wahl-Hongkonger mehrere Jahre lang im Schatten eines repressiven Regimes gelebt hat, hält die Bedenken von Datenschützern für übertrieben.

Wie bei jeder anderen Technologie auch gebe es bei Smart Chips (genaue Erklärung hier) unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten: "Die Polizei kann Videokameras benutzen, um Bürger zu bespitzeln, aber Bürger können Videokameras verwenden, um Polizeibrutalität aufzuzeichnen", schreibt Roberti in einer seiner Kolumnen. Für ihn sind RFIDs (Radio Frequency Identification Devices) der schlimmste Feind des Großen Bruders.

Der Mann hat einen Punkt. Denn schließlich gibt es bereits Satelliten, biometrische Systeme, Kameraüberwachung und allzeit ortbare Handys. Es ist deshalb kaum einzusehen, warum gerade Smart Chips der bürgerlichen Privatsphäre den finalen Todesstoß versetzen sollten. Die bisherigen Erfahrungen deuten eher darauf hin, dass Informationstechnologie (IT) es für Regierungen und Konzerne schwieriger und nicht einfacher macht, Dinge geheim zu halten und zu kontrollieren.

Sobald es für Funkchips - wie von der Industrie gefordert - offene, einheitliche Standards gibt, kann theoretisch jeder die dort hinterlegten Daten abrufen. So ist es denkbar, dass jeder Verbraucher in Zukunft ein Lesegerät bei sich trägt, mit dem er kontrollieren kann, wo ein Produkt hergestellt worden ist. Fälschungen von Markenklamotten oder verdorbene, umetikettierte Lebensmittel ließen sich damit leicht entdecken. Smart Chips könnten außerdem die Schnäppchenjagd beträchtlich vereinfachen - per Knopfdruck ließe sich der billigste Nike-Schuh in einem Kilometer Umkreis aufspüren. Wahrscheinlich ist auch, dass Verbraucherschützer sich der Technologie bedienen werden, um der Industrie genauer auf die Finger zu schauen.

Linux für Smart Chips

Erste Ansätze hierzu gibt es bereits. Der französische Programmierer Loïc Dachary arbeitet an einer Open-Source-Software für RFIDs , die es interessierten Menschen ermöglichen soll, ihre Besitztümer nach unerkannten Chips zu durchsuchen und auszulesen. Denkbar ist des Weiteren ein "Jammer", ein simpler Störsender, der in der Nähe seines Trägers für Radiowellensalat sorgt und jegliche Versuche konterkariert, die in Klamotten oder auf der Kreditkarte gespeicherten Informationen abzurufen.

Der Internet-Visionär und "Wired"-Mitbegründer Kevin Kelly erwartet, dass in Zukunft jeder einen solchen Störsender besitzen wird. Mit dem werde der Mensch von Morgen bestimmte Kommunikationskanäle (Werbung, Arbeit, Familie, Freunde) selektiv blockieren können: "Wenn wir mit allem verknüpft sind, werden wir ständig mit uns selbst und mit der Gesellschaft darüber diskutieren, in welchem Ausmaß wir Ideen zu uns kommen lassen und in welchem Ausmaß wir sie selber suchen möchten."

Wozniaks "Little Brother"

An Smart-Chip-Lösungen, die eher an Privatpersonen gerichtet sind, arbeitet auch Apple-Mitbegründer Steve Wozniak. Sein Unternehmen Wheels of Zeus (wOz)  will ab 2004 Produkte anbieten, mit denen jeder sein eigenes drahtloses Mini-Überwachungsnetzwerk aufbauen kann. Mit Hilfe des "wOzNet" soll der Eigentümer jederzeit sein Fahrrad, seine Kinder oder seine Katze bestimmen können. Trotz des schrägen Namens und der bisher spärlichen Produktdetails sind Branchenbeobachter überzeugt, dass es sich bei Wozniaks Innovation im Prinzip um die gute alte RFID-Technologie handelt.

Überwachung kann durchaus Sinn machen, nicht nur, wenn es um Dosenpaletten oder Schiffscontainer geht. So hat beispielsweise Taiwan die Technologie in einem Pilotprojekt eingesetzt, um eine weitere Ausbreitung der Lungenkrankheit Sars zu verhindern.  Ärzte und Schwestern wurden mit Chipkarten ausgestattet und ihre Bewegungen innerhalb des Krankenhauses verfolgt - so lassen sich bei neuen Ansteckungen die Übertragungswege rekonstruieren. Singapur experimentiert mit ähnlichen Systemen.

Im Gesundheitssektor sehen Experten viele weitere Anwendungsmöglichkeiten für RFIDs. Einige Großlabors benutzen die Chips bereits, um ihre riesigen Bestände an Gewebe- oder Blutproben zu verwalten. Wenn Arzneimittel lückenlos "gechippt" wären, ließen sich Missbrauch und Fehlanwendungen drastisch reduzieren. Patienten könnten gewarnt werden, wenn sie ein Medikament zu häufig oder zu selten einnehmen. Sehbehinderten, so ein Szenario des von Sun Microsystems  , könnte ein Ausgabegerät Hinweise geben ("Dies ist Aspirin. Nehmen Sie zwei pro Tag"). Alzheimer-Patienten oder demente Senioren könnten mittels RFID-Ansteckern einfach beobachtet werden.

Die Exekutive liest mit

Ein weiterer Bereich, in dem Smart Chips viel bewirken könnten, sind Schutz- und Sicherheitsanwendungen. Beispiel Produktsicherheit: Computer könnten in Zukunft Alarm schlagen, wenn jemand versucht, in ein Flugzeug oder ein Auto etwas anderes als Originalteile einzubauen. Beispiel Arbeitsschutz: Eine Maschine könnte sich automatisch abschalten, wenn sie feststellt, dass ein Arbeiter nicht die notwendigen Schulungen absolviert hat oder nicht die vorgeschriebene Schutzausrüstung trägt.

Für die staatliche Kontrolle von Vorschriften, etwa zum Umweltschutz, böte RFID ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten. Wer würde in Zukunft noch Fässer mit Giftmüll verbuddeln oder Recyclingvorschriften umgehen, wenn jedes Ding durch einen Chip nachverfolgbar wäre, der irgendwann irgendwo registriert worden ist? Möglicherweise werden Greenpeace-Aktivisten in Zukunft RFID-Leser verwenden, um illegalen Genfood-Importen auf die Schliche zu kommen.