Aufbau Ost: Verblühende Landschaften - DER SPIEGEL
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Aufbau Ost Verblühende Landschaften

20 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es blühende Landschaften in Ostdeutschland - hier und da. Doch auf den großen Boom warten die meisten Bundesländer noch. SPIEGEL ONLINE zeigt, wer von der Wende profitiert hat und wer zu den Verlierern zählt.
Werftarbeiter in Warnemünde (Archivbild): Bewegende Geschichte
Werftarbeiter in Warnemünde (Archivbild): Bewegende Geschichte

Werftarbeiter in Warnemünde (Archivbild): Bewegende Geschichte

Foto: Bernd W¸stneck/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - 11.600 Tonnen schwer und mehr als 200 Meter lang war Wismars Hoffnung, die an diesem Wochenende die Hafenstadt verlässt. Die Großfähre "Stena Britannica" wird sich von Mecklenburg-Vorpommern auf den Weg zu ihrem neuen Besitzer in Schweden machen, der Reederei Stena. Zurück in der Hansestadt bleiben dann die Arbeiter der Nordic-Yards-Werft. Wiederkehren dürften dann die alten Fragen: Wie geht es langfristig weiter für die Schiffsbauer?

Rund ein Jahr nach der Insolvenz der ehemaligen Wadan-Werften in Wismar und Warnemünde und dem anschließenden Einstieg eines russischen Investors gilt die Zukunft der Nordic Yards trotz einiger Erfolgsmeldungen noch immer nicht als endgültig gesichert. So sieht es zumindest die IG Metall Küste, die kürzlich warnte: Beiden Standorten fehlen langfristige Großprojekte. Ohne sie sei das Überleben beinahe unmöglich.

So besonders die Lage bei den Nordic Yards scheint: Sie ist bezeichnend für die bewegende wirtschaftliche Geschichte im vereinten Deutschland. Sie ist ein Beispiel dafür, wie viele Nachfolgeunternehmen aus der Ex-DDR bis heute - 20 Jahre nach der Einheit - nicht zur Ruhe gekommen sind. Sie ist auch ein Beispiel dafür, dass das Aufdrücken der westdeutschen Marktwirtschaft auf die Planwirtschaft der DDR nicht so einfach funktionierte, wie es sich die Politik damals ausmalte.

40 Prozent der Jobs gingen Anfang der Neunziger verloren

Zugegeben, in manchen Fällen glückte das ökonomische Zusammenwachsen. Doch sehr oft misslang es auch. So wechselten die Nordic Yards nicht nur viele Male den Namen und den Besitzer, auch die Belegschaft wurde mit den Jahren massiv verkleinert. In anderen Fällen blieb der Treuhandanstalt in den neunziger Jahren nur die Abwicklung. Ein beachtlicher Teil der rund 14.000 Volkseigenen Betriebe (VEB) und 40 Prozent der Jobs gingen damals schlagartig verloren.

Die Nachwehen sind bis heute zu spüren: Die gesamte ostdeutsche Wirtschaft hinkt der westdeutschen massiv hinterher. Um aufzuschließen, müsste Ostdeutschland schneller wachsen als die alten Länder - doch jetzt, da die exportstarke Westindustrie wieder boomt, öffnet sich die Schere sogar wieder. Selbst die gewaltigen Transfers von rund 1,3 Billionen Euro in den vergangenen beiden Jahrzehnten konnten den Abstand nicht wesentlich reduzieren. Der Grund: Bis heute gibt es quasi keine international wettbewerbsfähigen Industrieunternehmen in den östlichen Bundesländern. Die sichtbarste Folge des Rückstands ist, dass die Arbeitslosenquote noch immer etwa doppelt so hoch ist wie im Westen.

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Wirtschaft in Ost und West: Schleichende Annäherung

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"Was dem Osten fehlt, sind Konzernzentralen", sagt Ulrich Blum, Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH). Tatsächlich hat von den 100 größten deutschen Dienstleistern nicht ein einziger seinen Hauptsitz in Ostdeutschland. Stattdessen finden sich dort verlängerte Werkbänke großer Westfirmen und viele kleine und mittelständische Betriebe. Es fehlen also Unternehmen, die Tausende Mitarbeiter beschäftigen, die Wirtschaft ihrer Region prägen und zugleich Innovationen vorantreiben.

Subventionen

Und dennoch: Die massiven haben auch Erfolgsgeschichten hervorgebracht.

  • Immerhin beträgt die Wirtschaftskraft im Osten pro Kopf aktuell gut 70 Prozent des Westniveaus - 1991 waren es erst 33 Prozent.
  • Die Arbeitnehmer im Osten verdienen zwar nach wie vor weniger als ihre Kollegen im Westen. Dennoch liegt der durchschnittliche Nettolohn je Arbeitsstunde inzwischen bei gut 77 Prozent des Westwertes.
  • Das verfügbare Einkommen pro Kopf - also auch Kinder und Nicht-Erwerbstätige mitgerechnet - liegt in den neuen Bundesländern heute bei rund 15.600 Euro. 1991 waren es nur knapp mehr als 8000 Euro. In den alten Bundesländern verfügt der Durchschnittsbürger heute über knapp 20.000 Euro.
  • Der Anteil der durch staatliche Transfers gestützten Bauwirtschaft sowie der öffentlichen Dienste an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung ist gesunken.
  • Das Verarbeitende Gewerbe hat inzwischen seine Bruttowertschöpfung auf fast ein Fünftel ausgebaut (siehe Grafiken oben).

So findet sich heute manch wirtschaftlicher Leuchtturm in Ostdeutschland. "Blühende Landschaften, wie sie Helmut Kohl damals versprochen hat, existieren heute tatsächlich, aber es gibt schwarze Löcher", sagt IWH-Leiter Blum. Vor allem größere Städte haben sich gut entwickelt. Dresden und Leipzig sind sicher die bekanntesten Beispiele. Aber auch Erfurt, Chemnitz und Zwickau zählen dazu. Daneben wird Jena gerne als Vorzeigestadt gepriesen mit seiner bekannten Universität, dem Traditionsunternehmen Carl Zeiss und den vielen Biotech-Firmen.

Thüringen hat noch den stabilsten Arbeitsmarkt

Sachsen

Thüringen

Autoindustrie

Maschinenbau

Zugleich haben die massiven Geldspritzen sogenannte Cluster - also Branchenschwerpunkte - entstehen lassen: In gibt es mit "Silicon Saxony" eine erfolgreiche Halbleiterindustrie. Auch Solarfirmen, etwa das westdeutsche Unternehmen Solarworld, hat es in den vergangenen Jahren dorthin gezogen, andere Hersteller wie Q-Cells produzieren in Sachsen-Anhalt. Und in Sachsen und sind und wie schon zu Vor-DDR-Zeiten vergleichsweise stark.

Beispiel Opel: Mit mehr als 1600 Beschäftigten ist der Autobauer im thüringischen Eisenach einer der wichtigsten Arbeitgeber. Aber auch BMW und Bosch produzieren in dem südlichen Bundesland. "Thüringen sticht dank seiner vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenzahl als ostdeutsches Musterland hervor", sagt Klaus-Heiner Röhl vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. "Bei der Wirtschaftsstärke ist Sachsen sicher ganz weit vorn."

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Grafiken: Ost und West im Vergleich

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Bundesländern

Was bei der Betrachtung auffällt: Die Top-Standorte im Osten liegen alle in den südlichen , kein einziges aber in einem nördlichen. "Die Industrialisierung und Reindustrialisierung hat vor allem dort gut funktioniert, wo gute technische Hochschulen sitzen", sagt IWH-Experte Blum. Erst die Kombination von Forschung und Investitionen mache wirtschaftlichen Erfolg möglich. Dies gelte aber für den Westen genauso. Für Blum verläuft die ökonomische Trennlinie deshalb nicht so sehr zwischen Ost und West als vielmehr zwischen Nord und Süd - entlang einer Achse "von Aachen bis Dresden".

Hinzu kommt, dass Thüringen und Sachsen-Anhalt viele Grenzkilometer mit westdeutschen, wirtschaftlich teils sehr starken Bundesländern teilen. In diesen ostdeutschen Regionen entsteht mehr Wohlstand allein dadurch, dass es eine nicht zu unterschätzende Gruppe an Berufspendlern gibt - die ein Westgehalt beziehen, aber ihr Geld im Osten ausgeben.

Geld nicht mehr mit der Gießkanne verteilen

"Wirtschaftlicher Erfolg hängt aber nicht nur vom Umfeld ab, sondern auch von einzelnen Personen", sagt Ökonom Blum. "Es gibt zum Beispiel keinen auf Anhieb ersichtlichen Grund, warum Bautzen funktioniert." Nur eine intelligente und engagierte Politik habe in der ostsächsischen Kleinstadt zu erfolgreichen Ansiedlungen geführt. Ein Gegenbeispiel sei dagegen Berlin mit seinem Technologiepark Adlershof. Zwar seien alle für den Erfolg wichtigen Strukturen vorhanden, dennoch habe Adlershof bei weitem nicht die internationale Ausstrahlung wie manche Regionen in Sachsen-Anhalt.

Es wäre aber übertrieben, Berlin und die anderen nördlichen Bundesländer im Osten als verloren zu bezeichnen. "Nordostdeutschland hat einen starken Tourismussektor und eine gute Landwirtschaft", sagt Blum. Klar ist aber auch: Gerade Mecklenburg-Vorpommern stirbt vielerorts aus. Manche Regionen sind vergreist, in den kommenden Jahrzehnten dürfte sich das Problem verschärfen. Das Gleiche gilt für Teile Brandenburgs und auch Sachsen-Anhalts.

Solidaritätszuschlag

Irgendwann, sagt Blum, müssten die Bürger verstehen, dass es sich nicht lohnt, Geld mit der Gießkanne zu verteilen - und das, noch bevor der im Jahr 2019 ausläuft. "Man kann doch nicht in der Pampa wohnen und universitäre Versorgung verlangen." Besser sei es, heutige Schwerpunkte verstärkt zu fördern. Und damit die bereits blühenden Landschaften weiter am Leben zu halten.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Die anderen Gegenden müssen aufgegeben werden.