Schuldenabbau Vergesst den Streit über die schwarze Null!
Muss die Bundesregierung ihr politisch gesetztes Ziel eines ausgeglichenen Haushalts 2015 aufgeben, um die europäische Konjunktur zu stabilisieren? Dieser Tage könnte schnell der Eindruck entstehen, an nur dieser Frage entscheide sich die ökonomische Zukunft des Kontinents.
Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), nennt die schwarze Null ein "fatales Signal an Europa", auch andere führende Wirtschaftsforschungsinstitute stellen das Ziel offen in Frage, innerhalb der großen Koalition scheint es wegen der Spardebatte zu brodeln.
Dabei ist die Debatte um die schwarze Null bei näherem Hinsehen wenig zielführend und unter Umständen sogar gefährlich.
Wenig zielführend, weil der fiskalische Spielraum Deutschlands 2015 selbst bei Aufgabe der schwarzen Null nicht groß genug ist, um Europas Konjunktur wirklich anzuschieben. Gefährlich, weil sie den Blick auf die wirklichen Herausforderungen und möglichen Lösungen der Wachstumsschwäche im Euroraum verstellt.
Um einen echten Konjunkturimpuls zu setzen, der über die deutschen Grenzen hinweg zu einer Stabilisierung beitragen könnte, müsste Deutschland nicht die schwarze Null in Frage stellen, sondern die sogenannte Schuldenbremse. Sprich: den im Grundgesetz festgeschriebenen Pfad zu einem strukturell ausgeglichenen Haushalt. In Zeiten einer echten Rezession wäre eine solche Debatte möglicherweise angebracht. Im Moment dagegen nicht. Auch jetzt, da die Bundesregierung ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum gesenkt hat, rechnet sie noch immer mit einem Konjunkturplus von mehr als einem Prozent.
In Wahrheit geht es in der Debatte um weit mehr als um die Frage nach der schwarzen Null. Es geht um den grundsätzlichen Fokus der deutschen Wirtschaftspolitik. Dieser liegt derzeit klar auf dem Abbau der Staatsschulden. Und er ist entgegen der oft im europäischen Ausland vorgebrachten Kritik nicht das Werk ökonomischer Ideologen. Er entspringt einer einfachen Betrachtung des deutschen Schuldenstandes vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung.
Wir sind von den wirklich wichtigen Themen abgelenkt
Die Veränderungen in der Altersstruktur der Gesellschaft der Bundesrepublik könnten eine deutliche Senkung des Wirtschaftswachstums zur Folge haben. Dieses Szenario tritt ein, wenn der Rückgang der arbeitenden Bevölkerung nicht durch eine entsprechend starke Steigerung der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität kompensiert wird. Ist dies nicht möglich, dann müssten in Deutschland mehr Arbeitskräfte freigesetzt werden, zum Beispiel durch Migration oder eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen oder älteren Menschen.
Sollte die Politik nichts davon schaffen, würde das Wachstum immer stärker zusammenschrumpfen. Folgende Grafik illustriert dieses Szenario: Sie zeigt, was passiert, wenn jeder einzelne Arbeitnehmer in Zukunft genau so viel zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt wie jetzt.
Quelle: Eigene Berechnungen auf der Grundlage von Daten des Statistischen Bundesamtes (12. Bevölkerungsvorausberechnung). Das BIP-Wachstum pro Erwerbsperson basiert auf dem Durchschnittswert 1992-2008.
Wendet man diesen Wachstumsbeitrag pro Arbeitnehmer auf die aktuellen Schätzungen zur demografischen Entwicklung bis 2060 an, dann sehen wir eine durchschnittliche Jahres-BIP-Wachstumsrate von nur noch 0,28 Prozent. Die Frage, wie der aktuelle Schuldenstand von gut 2,16 Billionen Euro zurückgeführt werden soll, wenn gleichzeitig die Wachstumsraten fallen und die sozialpolitischen Herausforderungen in einer alternden Gesellschaft tendenziell steigen, ist kaum zu beantworten.
Stimmt die Schätzung auch nur ungefähr, dann hat Deutschland kein zyklisches Problem, sondern ein strukturelles Wachstumsproblem. Neue Schulden in Deutschland sollten entsprechend nur noch in Ausnahmesituationen akzeptiert werden.
Viel wichtiger als die Debatte über die schwarze Null wäre eine Debatte über folgende Themen:
- Wie entwickeln wir einen Investitionsplan, der privates und öffentliches Kapital mobilisiert, ohne den Schuldenstand zu erhöhen?
- Wie wollen wir den strukturellen Herausforderungen, die sich in Deutschland angesichts der demografischen Lage stellen, begegnen?
- Wie kann die Wachstumsschwäche im Euro-Raum überwunden werden? Denkbar wären zum Beispiel ein europäischer Investitionspakt oder eine Debatte darüber, was die Europäische Zentralbank noch tun kann - und was sie besser lassen sollte.
Henrik Enderlein, geboren 1974, ist Professor für Politische Ökonomie an der Hertie School of Governance und Direktor des Jacques Delors Instituts ¿ Berlin. Seine Schwerpunkte sind internationale Wirtschafts- und Finanzbeziehungen und vor allem die Europäische Wirtschafts- und Währungsintegration. Er plädierte schon zu Beginn der Euro-Krise für eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik als einzig mögliche Antwort auf die Krise.
Enderlein arbeitete von 2001 bis 2003 bei der Europäischen Zentralbank, wurde dann Juniorprofessor an der Freien Universität Berlin. 2005 wurde er an die Gründungsfakultät der Hertie School of Governance berufen und war dort von 2007 bis 2012 Vizerektor.
Die Phantomdebatte um die schwarze Null lenkt von diesen wirklich wichtigen Themen nur ab.