Spiel kaputt - DER SPIEGEL
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EG Spiel kaputt

Die Kleinen der Gemeinschaft lehnen sich gegen die Bevormundung durch die Großen auf.
• aus DER SPIEGEL 15/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankreichs Giscard d'Estaing sah sich umstellt und kapitulierte: Auf Rat des Bonner Kanzlers Helmut Schmidt beugte sich der Franzose den Forderungen seiner EG-Partner, den Kommissionspräsidenten Roy Jenkins durch Einladung zum Londoner Wirtschaftsgipfel der Industrienationen im Mai politisch aufzuwerten.

»Ein Erfolg für die Kleinen«, freute sich Belgiens Premier Leo Tindemans in Rom, wo sich am vorletzten Wochenende EG-Europas Staats- und Regierungschefs anläßlich des 20. Gründungstages der Wirtschaftsgemeinschaft zu ihrem turnusmäßigen Frühjahrsgespräch trafen. Und tatsächlich fühlen sich die fünf kleinen Staaten des europäischen Neunerklubs durch den französischen Rückzieher in neuem Machtgefühl bestätigt.

Die Fünf -- Holland, Belgien, Luxemburg, Irland, Dänemark -- sehen sich als eine Art Aktionsgemeinschaft, die sich der Bevormundung durch die drei Großen in Bonn, Paris und London zunehmend entzieht. Genüßlich vermerkten in der vergangenen Woche hohe Benelux-Diplomaten in Brüssel:

* vor seinem Amtssitz.

»Die Achse Bonn-Paris-London hat keine große Schlagkraft mehr.«

Dies war, zumindest nach Ansicht der Regierungschefs in Bonn und Paris. nicht immer so. Vor Rentendebakel und Abhöraffäre in Deutschland. vor dem offenkundigen Verschleiß Giscards in Frankreich hatten sich die beiden EG-Großen gegenüber ihren Partnern so aufgeführt, daß die Kleinen bereits ein Direktorium der Großen im Neunerklub fürchteten.

Auf Gipfeltreffen der Neun demonstrierten der Deutsche und der Franzose eine Überheblichkeit, die den Holländer Joop den Uyl und den Luxemburger Gaston Thorn zunehmend verärgerte. Als sich etwa der Holländer bei einem Cheftreffen in Brüssel über seine -- von Schmidt nicht geteilten -- Vorstellungen zur Entwicklungshilfe äußerte, nahm der deutsche Kanzler demonstrativ den Kopfhörer ab. Und Schmidts acht Kollegen wußten. daß der deutsche Kanzler kein Niederländisch versteht.

Im gleichen Stil reagierte einige Monate später Valéry Giscard d"Estaing: Bei den Ausführungen des dänischen Premiers Anker Jorgensen über den Nord-Süd-Dialog verzichtete der Franzose auf eine Übersetzung -- obschon er Dänisch nicht versteht.

Gesten dieser Art wurden von Aktionen begleitet, die die Kleinen vollends als Satelliten erscheinen ließen: Bonn. Paris, London und Rom einigten sich im November 1975 mit Washington auf dem Wirtschaftsgipfel von Rambouillet auf Maßnahmen, durch die in Zukunft allzu große Wechselkurs-Schwankungen zwischen den europäischen Währungen und dem Dollar vermieden werden sollten.

Mit Washington, Tokio, Moskau und Ottawa unterzeichneten Paris, London und Bonn noch Abmachungen über den Export von Kernkraftmaterial -- gegen den Protest des belgischen Kabinetts.

Solche Bevormundung durch die Großen veranlaßte schon im vergangenen Jahr Luxemburgs Premier Thorn, Bonn, Paris und London vor allzu großer Selbstherrlichkeit zu warnen. »Ich bereite mich«, so Thorn, »auf die Rolle des Oppositionsführers vor.«

Der Widerstandswille der Kleinen dürfte EG-Europa gewiß nicht zu größerer Integration führen. Er bezog seine Substanz vor allem aus der Erkenntnis, daß es in den Beziehungen zwischen dem Deutschen Schmidt, dem Franzosen Giscard und dem Briten Callaghan auch nicht zum besten stehe.

Und tatsächlich reduzieren sich die Gemeinsamkeiten der drei Großen auf Minimales. Da gibt es das deutschfranzösische Einverständnis über eine wirtschaftspolitische Konvergenz, das heißt: das Versprechen Giscards, Frankreichs Wirtschaft durch Stabilität nach deutscher Art flottzumachen; und die Versicherung Schmidts, die Bundesbank werde in der Zwischenzeit den Franc weiter stützen.

Londons Callaghan und Bonns Schmidt sind sich grundsätzlich nur in einem einig: Die künftigen Rohstoffabkommen mit der Dritten Welt dürften die EG nicht zuviel kosten. »Sonst«, so analysierte ein hoher Brüsseler Diplomat, »ist nicht viel drin.«

Wie schnell sich die drei Großen trotz interner Absprache von den Kleinen auseinanderdividieren lassen, bewiesen sie in der vergangenen Woche in Brüssel. Hier waren die Forschungsminister der Neun zum fünften Male zusammengetroffen, um endlich den Standort für das Kernfusionsprojekt »Jet« zu bestimmen, ein Vorhaben zur Gewinnung von Atomenergie ohne Müllproblem.

Vor dem Brüsseler Treffen hatten sich Bonn, Paris und London abgesprochen: »Jet« sollte ins englische Culham verlegt, ein Franzose Direktor des Projektes werden; die Deutschen sollten die technischen Einrichtungen stellen. Nur noch der Form halber sollten im letzten Stadium der Verhandlungen die Deutschen Garching als Konkurrenz für Culham vorschlagen.

So sicher waren die Briten ihrer Sache, daß sie die kleinen EG-Partner gar nicht erst konsultierten -- nicht ohne Folgen: Plötzlich sprachen sich die fünf kleinen Staaten und Italien mit Bonn für Garching als Standort für »Jet« aus. »Damit«, so ein Benelux-Diplomat, »war das Spiel kaputt.«

Denn die Briten sahen darin eine Verschwörung zwischen Bonn und den Kleinen und sagten entschieden nein.

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