Streik-Geschichten: Kaffee und Kabbeleien am Gleis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Streik-Geschichten Kaffee und Kabbeleien am Gleis

Volksfeststimmung am Münchner Bahnhof, GDL-Proteste in Berlin, Gedrängel vor Hamburger S-Bahn-Schiebetüren. SPIEGEL ONLINE beobachtete vor Ort die Auswirkungen des Streiks und redete mit den Wartenden - Bahn-Impressionismus zwischen Amazonas und Fulda.
Von Sebastian Fischer, Stefan Schultz und Lisa Sonnabend
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hauptbahnhof München, 7 Uhr. Seit 2 Uhr nachts wird die Bahn bestreikt - aber der Mann an den Lautsprecheranlagen ist so gut aufgelegt wie der Moderator einer Volksmusiksendung: "Liebe Fahrgäste nach Nürnberg, der ICE 512 ist für Sie alle aufpreisfrei nutzbar!" Dann zieht er stolz die Silben in die Länge: "Der Zug hält zuuusätzlich in Erlangen uuund Lichtenfels."

Fotostrecke

Bahnhofs-Impressionen: Gesichter des Streiks

Foto: SPIEGEL ONLINE

Während der DB-Mann sich am Mikrofon müht, arbeiten zwei seiner Kolleginnen direkt am Kunden: Zum Ärger der Kioske und Bäcker verteilen sie neben dem zentralen Info-Stand Croissants, Gummibärchen-Tüten, Wasser aus Tetrapacks und Kaffee aus silbern glänzenden Thermoskannen.

Besonders viel los ist allerdings nicht. Die meisten Kaffee-Kunden schnappen sich einen Gratis-Becher und laufen gleich ans Gleis - zum Zug. Der Streik schlägt noch nicht durch an diesem Morgen. Von elf angekündigten Zügen fallen laut Anzeigentafel gerade vier aus. "Eeersatzlos", flötet der Mann am Mikro, "wir bitten um Ihr Veeerständnis."

Hamburg Hauptbahnhof, 7.45 Uhr. Über den S-Bahn-Steig wuseln die letzten Pendler. Die Bahn nach Hamburg-Harburg fährt ein, die Bremsen quietschen, die Schiebetüren öffnen sich zischend. Ein Pulk Menschen versucht vergeblich, sich gleichzeitig durch die enge Tür in einen ohnehin heillos überfüllten Waggon zu zwängen. "Meine Damen und Herren! Dieser Zug ist ein Langzug", plärrt es durch den Bahnhof. "Bitte benutzen sie doch auch die hinteren Waggons! Die sind nämlich fast leer. Danke."

Mit der Wartezeit ist das so ähnlich wie mit der Temperatur. Früh morgens sind es am Bahnsteig gefühlt immer ein paar Grad weniger und ein paar Warteminuten mehr, dazu die allgegenwärtigen Streikmeldungen. Grund genug für so manchen Wartenden, sich aufzuführen, als käme er nie vom Bahnhof weg. Kommt dann wider Erwarten doch ein Zug, stürzt man sichstante pede hinein. "Dabei fahren fast zwei Drittel der Züge normal", beteuert eine DB-Arbeiterin und kratzt sich durch ihr rotes Käppi hindurch den Kopf.

Auch Jaqueline, 18, Jaques, 17, und Irina, 18, beobachten die Kabbelei an der Schiebetür argwöhnisch. "Wir finden den Streik nicht so schlimm", sagt Jaqueline und rückt sich den Haarreif zurecht. "Zwar kommen wir zu spät zur Berufsschule, aber immerhin sind wir entschuldigt." Sie hält einen giftgrünen DB-Zettel hoch. "Bescheinigung: Betriebsstörung" ist darauf zu lesen. An der S-Bahn wird es langsam ruhig, die drei Berufsschüler steigen ein. Zischend schlägt die Tür zu.

Berlin Hauptbahnhof, 8 Uhr. Etwa 50 Lokführer der GDL versammeln sich vor dem Eingang des Berliner Hauptbahnhofes. Statt im Zug zu sitzen, streiken und protestieren sie. Sie haben über ihre dunkelblauen Uniformen Plastikleibchen gezogen, auf denen steht in großen Buchstaben "GDL".

Ein Redner schildert die Situation aus Sicht der GDL, die Lokführer applaudieren. Sie haben Transparente dabei. "Wir fordern gerechte Löhne", steht zu lesen. Einige verteilen Prospekte an die Passanten. Das Team eines Regionalfernsehsenders versucht, ein Streitgespräch zu organisieren.

Die Moderatorin zerrt einen Lokführer und eine Bahnreisende vor die Kamera, bekommt jedoch nicht den gewünschten Schlagabtausch. Beide zeigen Verständnis für die jeweils andere Seite: "Ich kann euer Verhalten gut nachvollziehen", sagt die Passantin; man wolle den Reisenden nicht schaden, betont der Lokführer. Gestritten wird hier nicht mal fürs Fernsehen.

München, 8 Uhr. Zwei junge Frauen, die nach Frankfurt wollen, recken die Köpfe in Richtung Zugplan. "Hoffentlich bleibt die Bahn hart, ich find's gut, dass die dem Schell und der Gewerkschaft richtig Kontra geben", sagt die eine. Die andere: "Na ja, hoffentlich kommen wir morgen wieder ordentlich von Frankfurt zurück nach Hause."

Ein nebenstehender Geschäftsmann outet sich als Mehdorn-Hasser: "Ich hab' vollstes Verständnis für die Gewerkschaft, 100 Prozent", sagt er, pustet in seinen dampfenden Kaffeebecher, beißt ins Croissant. Mit dem Bahnfahren habe bei ihm bislang alles geklappt, mit dem Nachtzug sei er aus Oberhausen zu einem Termin nach München gekommen. Er wisse zwar noch nicht, ob und wie er dort morgen wieder wegkommt, aber "das muss ich in Kauf nehmen".

Hamburg, 8.20 Uhr. Der EC 175 über Ludwigslust, Wittenberge, Berlin, Dresden nach Prag fällt aus. Der ICE nach Berlin kommt 40 Minuten zu spät. In einem sechseckigen Warteraum sitzen Menschen Oberschenkel an Oberschenkel im Halbkreis. Ein bärtiger Mann liest eine türkische Zeitung. In einem Kinderwagen schlummert ein Baby, man redet gedämpft.

"Ich finde den Streik okay", flüstert Roland Garve, 51. "Die Bahn muss den Lokführern dringend ein neues Angebot machen, statt immer nur zu beteuern, sie sei zu Verhandlungen bereit." Garve, von Beruf Zahnarzt, hält heute Nachmittag in Berlin einen Vortrag über Amazonas-Indianer. Er ist selbst mehrere Jahre im brasilianischen Urwald herumgereist, hat darüber zwei Bücher geschrieben, die er nun stolz im Warteraum herumreicht. "Gegen den Amazonas ist der Bahn-Streik wirklich ein Klacks", sagt er und grinst.

Berlin, 9.30 Uhr. Im Untergeschoss des Bahnhofes gehen die Lautsprecherdurchsagen über Verspätungen und Ausfälle ins Leere. Nur wenige Menschen eilen noch mit Koffern vorbei, nur wenige Züge fahren noch ein. Es scheint, als habe der Streik den Bahnhof leergefegt.

Die Reisende Isabell Schlösser hat ihren Zug nach Braunschweig verpasst. "Eigentlich wollte ich einen Mietwagen nehmen", ärgert sie sich. "Doch gestern war keiner mehr zu bekommen."

Johannes Mertens ist auf dem Weg nach Fulda. Er findet es falsch, dass die Menschen beim Streik nicht mehr mit der Bahn fahren. "Wir müssen uns in dieser Situation mit der Bahn solidarisieren", sagt er trotzig.

An den Bahnhofsbäckereien und in den Zeitungsläden bilden sich kleine Schlangen. Die Bahnreisenden bereiten sich auf eine lange Reise vor.

Mehr lesen über