EINZELHANDEL System der Angst
Das Angebot klingt verlockend: Es gebe »frühzeitig erste Führungs- und Umsatzverantwortung« und »ausgezeichnete Karriereperspektiven« in einer »Branche mit Zukunft«. Zudem stellt die Firma einen neutralen Firmenwagen, der privat genutzt werden kann, und zahlt »von Anfang an ein hohes Gehalt«.
Mit solchen und ähnlichen Traumjobbeschreibungen suchen Lebensmitteldiscounter wie Aldi, Lidl oder Plus »ständig qualifizierte Nachwuchskräfte«. Einzige Bedingung: ein »überzeugender Studienabschluss«.
Je nach Unternehmen heißt der mit gut 50 000 Euro Jahresgehalt dotierte Einstiegsjob dann Verkaufs-, Bereichs- oder Bezirksleiter. »Der Bedarf ist riesig«, sagt Unternehmensberater Ireneusz Kostowski, der selbst eine Zeitlang im Discounthandel gearbeitet hat. Denn anders als die traditionellen Läden verzeichnen die Billighändler weiterhin fast ungebremste Wachstumsraten.
Besonders groß ist die Nachfrage bei der Neckarsulmer Firmengruppe Lidl. Der Branchenzweite hinter Aldi wächst so schnell wie kein anderer Handelskonzern in Deutschland.
Mit insgesamt fast 7000 Filialen verfügen die Schwaben bereits über das größte Netz an Discountmärkten in Europa. Da werden nicht nur ständig neue Verkäuferinnen und Marktleiter gesucht, sondern auch Nachwuchsmanager.
Um die zu ködern, präsentiert sich Lidl neuerdings nicht nur auf Jobmessen, sondern lädt Studenten sogar zu eigenen Wochenendseminaren in noble Hotels ein. »In lockerer Atmosphäre« werden Interessenten da über die Firma und die Karrierechancen informiert. Auf dem flankierenden Unterhaltungsprogramm stehen Besuche von Fußball-Bundesligaspielen oder Ski- und Snowboardtrips. Alles getreu dem Firmenmotto: »Wir achten und fördern uns gegenseitig.«
Der Alltag im Discountgeschäft hat mit dieser anfänglichen Wohlfühlatmosphäre dann allerdings wenig zu tun. Die Nachwuchsmanager beginnen ihre Karriere im Konzern als Verkaufsleiter, nach einer rund halbjährigen Einarbeitungsphase sind sie für bis zu sieben Filialen zuständig.
»Wer das mehr als zwei Jahre übersteht, gilt in der Branche als harter Hund«, sagt Kostowski.
»Lidl-Jahre zählen wie Hundejahre«, glaubt auch H.H., der sich nach zweieinhalb Jahren bei Lidl »ausgepresst wie eine Zitrone« fühlte und seine Kündigung einreichte. Damit gehört der Wirtschaftswissenschaftler bereits zu den Hartnäckigen. »Manche schmeißen schon nach einer Woche die Brocken hin«, erinnert sich ein früherer Lidl-Manager.
Das Unternehmen bestreitet das nicht. Das seien aber Einzelfälle, sagt Firmensprecher Thomas Oberle. Von den 250 Verkaufsleitern, die im vergangenen Jahr neu eingestellt wurden, seien heute noch 191 im Unternehmen. Gut ein Viertel der insgesamt 714 Verkaufsleiter seien sogar schon länger als zehn Jahre dabei.
Die Entzauberung des Traumjobs beginnt indes schnell. »60 bis 70 Stunden an sechs Tagen in der Woche« seien als Arbeitszeit »normal«, sagen Insider, »manchmal sind es auch 80«.
Selbst sonntags ist längst nicht immer frei. Dann würden Neulinge gern mit einem »besonders wichtigen Spezialauftrag« bedacht, erinnert sich Ex-Lidlianer H.H.: Nachwuchsmanager sollen beispielsweise überprüfen, ob die Handzettelverteiler die Lidl-Prospekte auch ordnungsgemäß in alle Briefkästen ihres Bezirks gesteckt haben. H.H.: »Stichprobenartig muss man bei zwei Haushalten pro Straße nachfragen.«
»Bei einem Monatsgehalt von 4500 Euro« sei es »doch wohl normal, wenn eine Firma hohe Anforderungen stellt«, kontert Lidl-Sprecher Oberle. Und wer mit der regulären Arbeitszeit von 40 Stunden nicht auskomme, habe seine »Arbeit eben schlecht organisiert«.
Doch nicht nur die extremen Arbeitszeiten und der raue Umgangston, bei dem Untergebene gern auch mal als »Penner« oder »blöde Zicke« tituliert werden, machen vielen Nachwuchsmanagern zu schaffen. Es sei vor allem die »Mischung aus Willkür, permanentem Misstrauen und dubiosen Kontrollmethoden«, sagt H.H., die den Job im Discountmanagement zu einer ganz besonderen Erfahrung für die Neuen mache.
»Die Verkaufsleiter bekommen mächtig Druck von oben, und den geben die meisten nach unten weiter«, bestätigt Branchenkenner Kostowski. Sie sollen die Umsätze steigern, die Kosten drücken und Inventurverluste möglichst klein halten.
Überwachung und Bespitzelung der Mitarbeiter machen deshalb einen beachtlichen Teil der Arbeitszeit aus. Frühkontrollen, Spät- und Schichtwechselkontrollen, Probekäufe und Ehrlichkeitstests mit angeblich im Laden gefundenen Geldbörsen gehören nach Aussage von Lidl-Managern zum Standardrepertoire.
»Kontrollen im rechtlich vorgegebenen Rahmen« seien »unbedingt notwendig«, verteidigt Lidl-Geschäftsführer Klaus Gehrig den Überwachungseifer seines Konzerns. Schließlich summierten sich die jährlichen Inventurverluste bei der Lidl-Gruppe auf rund 250 Millionen Euro - etwa die Hälfte davon geht nach Branchenschätzungen auf das Konto eigener Mitarbeiter.
Bisweilen bekommen die Nachwuchskräfte deshalb auch den Tipp, so berichten Ehemalige, »zum Einstand immer erst mal ein Exempel zu statuieren und jemanden rauszuschmeißen«. Und »wenn man eine Zeitlang keinen rausschmeißt«, erinnert sich H.H., habe es sofort geheißen: »Wird bei Ihnen nicht mehr geklaut?«
Gründe, um den Leistungsdruck zu erhöhen und Abmahnungen oder gar Kündigungen auszusprechen, finden sich offenbar selbst bei ehrlichen Mitarbeitern immer und überall: Da ist die Warenpräsentation nicht in Ordnung oder der Fußboden schlecht gewischt, da fehlt das Preisschild, da ist die Haltbarkeitsfrist überschritten, da hängt das falsche Plakat im Fenster, oder es ist zu viel Ware im Lager. »Einmal habe ich sieben Abmahnungen an einem Tag bekommen«, erzählt ein ehemaliger Marktleiter bei Lidl.
»Manche Jungmanager«, räumt Konzernsprecher Oberle ein, »sind mit der Verantwortung für bis zu 70 Mitarbeiter überfordert. Wenn uns solche Fälle zu Ohren kommen, ziehen wir aber sofort Konsequenzen.« Nach Art des Hauses.
Ein Ex-Verkaufsleiter erzählt, dass er sich in einem langen Brief an die Konzernspitze den Frust von der Seele schrieb: »Ich persönlich habe in fast zwei Jahren kein anerkennendes Wort vernommen und den Umgang als unmenschlich empfunden«, hieß es in dem mit vielen Beispielen gespickten Schreiben. »Anschließend wurden meine beiden damaligen Vorgesetzten entlassen«, erzählt der Manager.
Zumindest bei Absolventen der Wirtschaftsfakultäten scheinen sich solche Versuche, das Betriebsklima von oben zu verbessern, noch nicht herumgesprochen zu haben. Bei einer Umfrage nach den beliebtesten Arbeitgebern nannten Studenten der Betriebswirtschaft zwar auch acht Handelskonzerne. Auf dem letzten Platz aber: Lidl.
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