Teure Partner - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 11 / 70

Passagier-Schiffahrt Teure Partner

Deutschlands Kreuzfahrt-Reeder wollen nach einer Reihe von Rückschlägen im Seetouristik-Geschäft eine gemeinsame Flotte gründen.
• aus DER SPIEGEL 33/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn nichts Ekelhaftes dazwischenkommt«, plauderte der Geschäftsführer der Deutschen Atlantik Linie, Gilbert Freiherr von Holtzapfel, »werden wir mit Hapag-Lloyd bis zum Jahresende zu einem Kooperationsvertrag kommen.« Auch Hapag-Lloyd-Vorstandsmitglied Horst Willner schwärmte: »Dies ist die Sternstunde, die deutsche Passagier-Schiffahrt unter einen Hut zu bringen.«

Die Partnerschaft wurde von den Reedern in einer Verhandlungskommission beschlossen, die nach jahrelangen Meinungsverschiedenheiten der Schifffahrts-Manager über Preise, Flottenstärken und Reiserouten »neue Denkmodelle« entwickelte. Unter anderem erwägen die Projekte-Schmiede die Gründung einer gemeinsamen Tochtergesellschaft, in die Hapag-Lloyd die 21 514 BRT große »Europa« und die Deutsche Atlantik Linie ihre 25 022 BRT große »Hamburg« einbringen sollen.

Von dem Zusammenschluß erhoffen sich die Reeder auf dem hartumkämpften internationalen Seetouristik-Markt eine entscheidende Positionsverbesserung. Zur Zeit kreuzen auf den Weltmeeren nämlich 151 Musikdampfer (Gesamttonnage: 2 318 215 BRT), deren Kabinenplätze oft nicht einmal zu 70 Prozent belegt sind.

Um in der Gewinnzone zu fahren, hatten die Reeder schon vor Monaten harte Kurskorrekturen befohlen. So mußte die »Europa«, die in nordamerikanischen Gewässern zuletzt nur zu 70 Prozent ausgelastet war, in diesem Frühjahr alle US-Reisen streichen.

Die Deutsche Atlantik Linie (DAL) sah sich nach verlustreichen Reisen so gar gezwungen, ihren Luxuskreuzer »Hanseatic« (25 320 BRT) für 30 Millionen Mark an die Home Lines des Griechen Vernicos-Eugenides zu verkaufen. Erst 1967 hatte DAL-Chef Axel Bitsch-Christensen den Israelis für das Schiff -- damals »Schalom« -- einen Kaufpreis von 62 Millionen Mark gezahlt.

Schlimmer als die Übertonnage wirkte sich bei den deutschen Kreuzfahrern freilich die Dollarabwertung aus, durch die allein der Deutschen Atlantik Linie 15 Millionen Mark Verluste entstanden.

US-Touristen fühlen sich durch Watergate und andere Imponderabilien der amerikanischen Politik zudem so stark verunsichert, daß ihnen der Mut zu maritimen Lustreisen vergangen ist. Gegenüber dem Vorjahr sind die Buchungen in Amerika bereits um 20 Prozent gesunken.

In den Reedereikontoren an der deutschen Wasserkante befürchtet man jetzt, daß immer mehr ausländische Musikdampfer von den Dollar-Küsten abdrehen werden. Preiskämpfe um die billigsten Buchungen zwischen Island und Südafrika könnten die Folge sein.

Das von den Hamburger und Bremer Schiffsherren angestrebte Ziel, gegen ausländische Rivalen »den Markt besser abzudecken« (Willner), hätten die künftigen Partner freilich schon 1968 erreichen können. Damals wurde eine bereits fest vereinbarte Kooperation wegen »unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten« im letzten Augenblick abgepfiffen. In Wirklichkeit glaubte Bitsch-Christensen herausgefunden zu haben, daß er allein mehr Geld verdienen könne.

Die Rechnung des Reeders ("Wir sind jung und frech und werden eine aggressive Geschäftspolitik betreiben") schien aufzugehen. weil er sich 1969 von der Deutschen Wertt das modernste deutsche Passagierschiff bauen ließ: den für 600 Passagiere und 400 Besatzungsmitglieder bestimmten Turbinenkreuzer »Hamburg«.

Mühelos gelang ihm auch die Finanzierung des Luxusriesen (Werftpreis: 100 Millionen Mark), an dem der Reeder 236 Ärzte, Steuerberater und andere wohlhabende Freiberufler beteiligte. insgesamt kassierte er 35 Millionen Mark Kommanditistengelder.

Statt der von Bitsch-Christensen prophezeiten zehn Millionen Mark Gewinn in jedem der ersten fünf Betriebsjahre mußten die Geldgeber jedoch bald feststellen, daß die Einnahmen der »Hamburg« gerade für die Zinsen und die Kredittilgung ausreichten. Selbst nach dem Verkauf der »Hanseatic« hat das Unternehmen noch so hohe Schulden, daß der künftige Partner Hapag-Lloyd bei einer Fusion »nichts überstürzen will« (Willner).

Die vorsichtigen Hapag-Lloyd-Manager sind für schweres Wetter in der Seetouristik ohnehin besser gerüstet als die Deutsche Atlantik Linie. Denn im Gegensatz zu Bitsch-Christensen verfügen sie über eine eigene Reiseorganisation mit 61 Verkaufsbüros.

Das meiste Geld verdient das Unternehmen (Jahresumsatz 1972: 1,1 Milliarden Mark) jedoch mit seiner modernen Frachter- und Containerflotte, in der zur Zeit 59 Schiffe mit 867 000 Tonnen Tragfähigkeit Dienst tun. Seit dem Frühjahr ist die Gesellschaft mit drei Boeing 727 außerdem in der Luftfahrt-Touristik tätig.

Die verzögerte Flottenfusion gab anderen Reiseveranstaltern inzwischen reichlich Gelegenheit, sich auf künftige Marktoffensiven der Reeder vorzubereiten. Die Touristik Union zum Beispiel charterte zu ihrer aus elf Schiffen bestehenden Urlaubsarmada die von Bitsch-Christensen eben erst abgestoßene »Hanseatic« (neuer Name »Doric") und will an Bord der Neuerwerbung »die Preise in allen Klassen um ein Drittel herabsetzen«.

Noch schärfer hat der Frankfurter Versandgroßhändler Josef Neckermann kalkuliert, der mit den Russen-Kreuzern »Taras Schewtschenko« (19 860 BRT), »Iwan Franko« (20 000 BRT) und vier weiteren ausländischen Musikdampfern bis zu 60 Prozent billiger als renommierte westliche Reedereien fährt.

Wenn die Flottenfusion der deutschen Kreuzfahrt-Reeder perfekt ist, wollen die Frankfurter sogar einen zusätzlichen Preisbrecher aus der Sowjet-Union anheuern. Neckermann-Sprecher Günter Euler: »Deutsche Reeder können mit unseren Schiffen nicht konkurrieren -- wenn sie es versuchen, sind sie nach einer Saison pleite.«

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 70

Mehr lesen über