HANDY Total krass
Die bunten Anzeigen sind kaum zu übersehen. Nicht selten füllen sie mehr als ein halbes Dutzend Seiten in Jugendzeitschriften wie »Bravo«, »Popcorn« oder »Yam«.
»Die Tontrulla macht's auch mit deinem Handy«, heißt es da vielsagend. »Super geile Töne«, »Das ist total krass!!!«, »Fun-Faktor 1 000 000«, locken andere Anbieter im Teenie-Slang. Manche geben sich seriös und fordern: »Mach Dein Handy fit«, »Anruf genügt und Du hast es drauf«.
Die Wirkung ist verblüffend. Zu Hunderttausenden bestellen die Kids bei den Hotlines von Firmen wie Logoland, Handystoff oder Jamba ständig neue Klingeltöne für ihre mobilen Telefone.
Bereits ein Drittel der rund acht Millionen Handy-Besitzer im Alter zwischen 14 und 29 Jahren, schätzt der Stuttgarter Marktforscher Mathias Plica, »weichen von der Voreinstellung ihres Geräts ab«. Statt mit dem standardmäßigen Piepton machen sie mit Melodiefetzen aus aktuellen Hits oder Klassikern auf sich aufmerksam. Auf anderen Handys dudeln Tonschnipsel aus Filmmusiken, Hymnen oder Werbejingles. Von Mozart bis Madonna, vom Deutschlandlied bis zum »Planet der Affen« reicht das Angebot.
Wer so richtig in sein will, ändert auch noch die langweilige Netzbetreiber-Kennung im Display und rüstet sein Handy mit so genannten Logos ganz individuell auf. Neuester Schrei sind Mailbox-Ansagen, gesprochen von den Synchronstimmen berühmter Hollywood-Schauspieler.
Mehr als 80 Firmen, allen voran der Telekom-Ableger T-Mobil, tummeln sich inzwischen im Geschäft mit dem Handy-Tuning, für das in diesem Jahr rund 100 Millionen Mark ausgegeben werden. Für die Firmen ist das ein äußerst lukratives Zusatzgeschäft, denn die Kreation eines neuen Klingeltons ist technisch simpel und kostet nur ein paar Mark.
Doch bei den Abnehmern, weiß Branchenkenner Axel Burkert, »gibt es überhaupt keine Preissensibilität«. Bis zu 15 Mark zahlen sie für den Abruf einer Klingelmelodie, ergab ein Test des Mobilfunkportals Xonio. »Preis und Leistung stehen da in keinem Verhältnis«, schimpft Xonio-Chefredakteur Burkert.
Tests der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen bestätigten die Abzockerei. Nur wenige Anbieter halten sich an die Vorgaben der Freiwilligen Selbstkontrolle der Telefonmehrwertdienste. Danach sollen Angebote für Minderjährige nicht mehr als drei Mark kosten.
Der Trick beim Abkassieren ist einfach: Wie beim Telefonsex läuft die Bestellung der Klingeltöne, Logos und Mailbox-Ansagen, die dann per SMS verschickt werden, über Rufnummern, die mit der Kennziffer 0190 beginnen. Meist sind dann 3,63 Mark pro Minute fällig. Und die Anbieter, so Xonio-Mann Burkert, »tun alles, um den Besteller möglichst lange in der Leitung zu halten«.
Der Boom begann vor fast einem Jahr und war, ebenso wie die SMS-Manie, von den Marktforschern überhaupt nicht geplant. Der Hype kam so überraschend, dass die meisten Handy-Hersteller den Trend regelrecht verschliefen. Denn bis vor kurzem ließen sich nur die Handys des finnischen Branchenführers Nokia mit fremden Klingeltönen und alternativen Display-Logos füttern.
»Wir sind selber überrascht, wie schnell sich der Markt trotz der immer noch mäßigen Qualität der Klingeltöne entwickelt«, sagt Martin Ostermayer vom Mobilfunk-Portal Handy.de. »Die Spaßkomponente«, meint Ostermayer, sei aber »jetzt extrem wichtig geworden«.
Seit einigen Wochen jedoch herrscht Alarmstimmung in der Boombranche. Reihenweise verschicken Musikverlage, angeführt von EMI Music Publishing, Abmahnungen an die Klingeltonanbieter. Mit der Handy-Dudelei, so der Vorwurf, werde das Persönlichkeitsrecht der Urheber verletzt. Erschreckt von drohenden Schadensersatzklagen, haben einige Firmen bereits den Verkauf der Klingeltöne gestoppt.
Die massive Aktion kam völlig überraschend. Denn die meisten Firmen zahlen für die Klingelei Gebühren an die Gema - bis Ende Juli stiegen die Abgaben an die Künstlerkasse auf 700 000 Mark.
Doch die Musikverlage berufen sich auf ihre Autoren. Viele Künstler, darunter Stefan Raab und Marius Müller-Westernhagen, seien »sauer darüber, dass ihre Hits zu einem Gedudel verfremdet werden«, behauptet EMI-Manager Peter Ende. Da werde »Schindluder mit dem Copyright« getrieben. Unabhängig von den Gema-Gebühren müsse jeder Klingeltonanbieter das Einverständnis des Komponisten einholen, fordert Ende.
Überzeugend klingen die Argumente für die Gegenseite nicht. »Uns drängt sich der Verdacht auf«, sagt Handy.de-Geschäftsführer Ostermayer, »dass es hier vor allem um Geld geht.«
Die Kids sehen das ähnlich und schreiben sich im Internet ihren Frust vom Leib: »Was die Musikindustrie im Moment abzieht«, meint »ein sehr wütender HolyOle«, »grenzt an Wegelagerei.«
KLAUS-PETER KERBUSK