Unterhaltungselektronik Krieg der Systeme
uf den ersten Blick fällt der Unterschied kaum auf. Nur ein kleiner Knopf mit einem roten Punkt unterscheidet den schlichten silberfarbenen Kasten von Dutzenden anderer Geräte mit dem Kürzel DVD auf der Frontseite.
Für Gerard Kleisterlee ist das unscheinbare Gerät aber weit mehr als nur ein neues Produkt im schier unübersehbaren Angebot der Unterhaltungselektronik. Die Maschine, versicherte der neue Philips-Chef am vergangenen Freitag, sei "ein entscheidender Schritt auf dem Weg in die Zukunft unseres Unternehmens". Mit dieser Technik, fabulierte der Niederländer, stehe die Industrie am "Beginn einer neuen Ära" ähnlich wie "nach der erfolgreichen Mondlandung im Jahre 1969".
Das Gerät, das Kleisterlee kurz vor Beginn der Funkausstellung in Berlin präsentierte, soll den endgültigen Abschied vom Videorecorder einläuten und der Branche in den nächsten Jahren zu Umsätzen in Milliardenhöhe verhelfen. Statt auf empfindlichen Bändern in klobigen Kassetten sollen die Fernsehzuschauer ihre TV-Mitschnitte und Filmkopien demnächst auf silber glänzenden Scheiben von der Größe einer Musik-CD aufnehmen und Bild und Ton in digitaler Spitzenqualität genießen.
"Programm aussuchen, Scheibe einlegen, roten Aufnahmeknopf drücken, das ist alles!", schwärmt Kleisterlees Deutschland-Statthalter Hans-Joachim Kamp. Anschließend ist die Aufnahme auf Knopfdruck ohne Spulen auf dem Schirm.
Schon in den nächsten Wochen sollen die ersten DVD-Recorder im Handel zu kaufen sein. Vor Weihnachten werden weitere Hersteller folgen. Und obwohl der Preis von etwa 4000 Mark viele Kunden abschrecken wird, will Philips in diesem Jahr rund 10 000 Geräte absetzen. Mehr Recorder sind im belgischen Hasselt, wo die Neuheit vom Band läuft, auch gar nicht für den deutschen Markt zu bekommen.
Im kommenden Jahr, so hoffen die Marketingexperten, könnte der Absatz bis auf 100 000 Stück steigen, 2003 soll sich die Zahl dann verdreifachen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre, glauben Branchenkenner, könnten die Preise für DVD-Recorder bis auf gut 1000 Mark fallen, und dann, so Kamp, "erobern wir einen neuen Massenmarkt".
So viel Optimismus wie auf der diesjährigen Funkausstellung haben die Manager der Unterhaltungselektronik schon lange nicht mehr verbreitet. Seit Jahren schon fahndet die Zunft nach einer neuen Technik, die jung und alt gleichermaßen begeistern und die Fabriken auf Jahre hin auslasten könnte wie nach der Einführung der Musik-CD vor fast 20 Jahren.
Doch ob Mini-Disc oder Digital-TV, der flache Fernseher oder der MP3-Player mehr als ein im besten Falle auskömmliches Nischenprodukt kam nicht heraus. Der DVD-Recorder, der als vollwertiger Ersatz für den Videorecorder eingesetzt werden kann, soll nun das Blatt wenden und Handel und Hersteller aus der sich abzeichnenden Flaute führen. Denn seit 1999, als die Branche 3,3 Millionen Videorecorder in Deutschland absetzte, geht das Geschäft zurück.
Der Markt ist gesättigt. Inzwischen steht hier zu Lande in mehr als drei Viertel aller Haushalte eine VHS-Maschine. Im laufenden Jahr werden bestenfalls noch 2,9 Millionen Geräte in Deutschland abgesetzt.
Als erster großer Hersteller zog Philips schon die Konsequenz und lagert die Videorecorder-Produktion aus. Einige Fabriken werden von der japanischen Firma Funai übernommen, andere auf die Produktion der DVD-Recorder umgestellt.
Doch die Branche startet mit einer schweren Hypothek in die hoffnungsvolle Zukunft. Denn wie vor gut 25 Jahren in der Anfangszeit der Videorecorder konnten sich die Hersteller auch beim DVD-Recorder nicht auf eine einheitliche Technik einigen. Erneut droht ein jahrelanger Systemkrieg, der die Verbraucher verunsichert.
Zwar unterscheiden sich die Systeme teilweise nur in Details, aber die haben folgenschwere Auswirkungen. Längst nicht jede mit einem DVD-Recorder bespielte Scheibe läuft auch auf einem Gerät anderer Bauart. Und statt einer DVD-Scheibe, die auf allen Recordern eingesetzt werden kann, muss sich der Kunde demnächst mit noch mehr Aufnahmemedien plagen, die äußerlich gleich aussehen, aber ganz verschiedene Einsatzmöglichkeiten bieten.
Dabei wären die Voraussetzungen für die erfolgreiche Ablösung der angejahrten Videokassetten durchaus positiv gewesen. Denn die neue Technik ist den Verbrauchern im Prinzip schon gut vertraut. Seit vor fünf Jahren die ersten Spielfilme auf vorbespielten DVDs im Handel erschienen, hat sich das Medium zu einem wahren Bestseller entwickelt.
Der durchschlagende Erfolg kam selbst für die nicht gerade zum Pessimismus neigenden Manager der Elektronikzunft ziemlich überraschend. Zu lange hatten sich die Streitereien innerhalb des Herstellerlagers über technische Details der Digital Versatile Disc (DVD) und mit der Filmindustrie über Fragen des Kopierschutzes hingezogen. Außerdem, so die weit verbreitete Ansicht, habe ein Gerät ohne Aufnahmefunktion, das nur vorbespielte Kaufvideos abspielt, ohnehin keine großen Chancen.
Zunächst schienen die Skeptiker sogar Recht zu behalten. Nach dem Start auf der Funkausstellung 1997 wurden gerade mal 3000 DVD-Player in Deutschland abgesetzt, im ersten vollen Geschäftsjahr waren es magere 40 000 Stück.
Doch dann begann mit einem Mal der Run auf die Silberscheiben. In Amerika stieg die Wachstumskurve sogar so steil an wie bei keinem anderen Heim-Elektronikgerät. Auch in Deutschland werden im fünften Jahr nach dem Start mehr DVD-Player verkauft als zum gleichen Zeitpunkt nach der Einführung des Videorecorders und der Musik-CD.
Ende des Jahres, so die Prognose der Branche, werden DVD-Player bereits in knapp 2,4 Millionen deutschen Haushalten stehen. Hinzu kommen ungezählte Playstation-Spielkonsolen und Personalcomputer, die ebenfalls mit einem DVD-Laufwerk ausgestattet sind. Weitere zwei Millionen DVD-Player sollen im nächsten Jahr hinzukommen.
Lesen Sie im zweiten Teil,wie die DVD Hollywood rettete