Kleinbrauerei gegen Heineken "Die Großen brauen kein Bier, sie machen Enzymplörre"
András Lénárd: "Weil die Großen sehen, dass unser echtes Bier, das wir nur aus Gerste, Hopfen und Quellwasser brauen, Erfolg hat, wollen sie uns fertigmachen."
Foto: Csíki SörmanufaktúraRumänien wird von internationalen Brauereikonzernen und ihrem Massenbier beherrscht. Ganz Rumänien? Nein. In einem entlegenen Karpatendorf leistet eine kleine Brauerei Widerstand - mit feinem, natürlich gebrautem Bier. Und macht einem mächtigen Konzern das Leben ein bisschen schwerer.
András Lénárd lächelt, wenn man seine Geschichte mit der von Asterix und den Römern vergleicht. Er selbst erzählt sie so: "Die Großen brauen kein Bier, sie machen Enzymplörre. Weil sie sehen, dass unser echtes Bier, das wir nur aus Gerste, Hopfen und Quellwasser brauen, Erfolg hat, wollen sie uns fertigmachen. Aber sie haben sich verrechnet." Wegen solcher Sätze porträtieren ihn rumänische Medien als David, der sich Goliath widersetzt.
Es ist eine illustre Story vom Kampf zwischen dem Weltkonzern Heineken und einem Geschäftsmann aus der transsilvanischen Provinz. Aber nicht nur. Es geht auch um die Macht internationaler Lebensmittelkonzerne und Handelsketten, die in osteuropäischen Ländern zu immer größerem Unmut führt.
Wie aber kam es zum Streit zwischen der Winzbrauerei und dem Biergiganten Heineken? Und wer wird siegen?
Lénárd, 38, stammt aus dem Szeklerland, einer Region im Osten Siebenbürgens, in der mehrheitlich die ungarische Minderheit Szekler lebt. Der zweifache Uni-Abbrecher war unternehmerisch schon in vielen Bereichen unterwegs - von der Pilzzucht über Sporttextilien und Immobilien bis hin zum Wasserkraftwerksbau. Vor einigen Jahren trank er bei einem Besuch in Ungarn zufällig ein Craft Beer - handwerklich gebrauter Alkohol aus einer Kleinbrauerei. Er war begeistert und beschloss, selbst eine Manufaktur zu gründen. Zusammen mit ungarischen Geschäftspartnern kaufte er 2013 in dem 2400-Einwohner-Dorf Csíkszentsimon im Szeklerland das Gelände einer alten Alkoholfabrik. Dort entstand die Csíker Biermanufaktur, eine der ersten ihrer Art in Rumänien.
Sein Bier nannte Lénárd "Echtes Csíker Bier" - und zwar auf Ungarisch: "Igazi Csíki Sör". Ein lokalpatriotischer Marketinggag, denn die Szekler-Ungarn sind stolz auf ihre Kartoffeln, ihren Pflaumenschnaps und ihr Bier. Den Biernamen ließ Lénárd im ungarischen Original als Marke beim EU-Amt für geistiges Eigentum (EUIPO) eintragen.
Ende 2014 kam das Manufakturbier auf den Markt. Und nur kurz darauf erhielt Lénárd Anwaltspost: Der Braukonzern Heineken, in Rumänien einer der beiden größten Bieranbieter, beantragte das Verbot des Namens "Echtes Csíker Bier". Begründung: Der Name "Csíki Sör" ähnele zu sehr dem seiner eigenen Marke, dem Bier "Ciuc". Heineken hatte 2003 in der Kreisstadt Csíkszereda (rumänisch: Miercurea Ciuc) die Großbrauerei Ciuc gekauft, für deren Bier allerdings nur "Ciuc" als Markennamen eintragen lassen, nicht die ungarische Variante "Csíki Sör".
Damit begann eine ebenso abstruse wie langwierige juristische Schlacht: Heineken verlor den ersten Prozess um das Verbot des Markennamens vor einem rumänischen Gericht, klagte zugleich aber auch beim EUIPO gegen Lénárds Markenregistrierung und strengte einen weiteren Markenrechtsprozess in Rumänien an. Besonders absurd wirkt das Vorgehen des Konzerns bei einem Blick auf die Zahlen: Die Jahresproduktion der Csíker Biermanufaktur von rund 30.000 Hektolitern schafft Heineken Rumänien in anderthalb Tagen.
"Wir haben schon jetzt gewonnen"
Zu den Einzelheiten der Prozesse will der Konzern gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht Stellung nehmen. Wohl aus gutem Grund: Für Heineken gerät der Streit zum PR-Desaster. Rumänische und ungarische Medien berichten immer wieder breit über den Kampf des Bier-Weltkonzerns gegen die Dorfbrauerei, auf Facebook gab es zeitweise eine Boykottinitiative gegen Heineken mit 12.000 Unterstützern.
Lénárd hingegen kann sich vor Bestellungen kaum noch retten. Mit ulkigen Animationsfilmen heizte er den Hype um sein Bier zusätzlich an: In einem seiner Werbespots will ein Niederländer das im Karpatenbach gut gekühlte Csíker Bier stehlen, doch ein örtlicher Bauer und ein Bär erwischen den Dieb und holen sich das Bier zurück.
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Sogar der britische Starkoch Jamie Oliver hörte von der Geschichte. In seinem Budapester Restaurant "Jamie's Italian", eröffnet im Mai, gibt es deshalb das "Echte Csíker" vom Fass. "Egal wie die Prozesse ausgehen", freut sich Lénárd, "wir haben schon jetzt gewonnen."
Doch der Fall ist in Rumänien erneut Anlass für eine Debatte über die Macht internationaler Konzerne und darüber, was sie als Getränke und Lebensmittel verkaufen. Der rumänische Biermarkt beispielsweise wird zu etwa 85 Prozent von vier globalen Unternehmen beherrscht, eine Situation, die das rumänische Kartellamt bereits 2014 ungewöhnlich scharf als Oligopol zum Schaden der Verbraucher kritisierte. Wie die Konzerne ihr Bier in Rumänien herstellen, dokumentierten vergangenen Herbst Reporter des Investigativblogs "Rise Project" : mit großen Mengen industrieller Enzyme und Zusatzstoffen.
Nicht erst seit solchen Recherchen wachsen in der rumänischen Öffentlichkeit die Vorbehalte gegen Lebensmittelkonzerne und große Einzelhandelsketten. Seit dem Beitritt zur EU werde der Markt mit billigen westlichen Lebensmitteln voller Lebensmittelzusatzstoffe überschwemmt, klagen viele. Einheimische Produzenten bemängeln, dass ihre Ware selten den Weg in die großen Supermärkte finde. In Rumänien trat deshalb vergangene Woche ein Gesetz in Kraft, das Lebensmitteleinzelhändler ab einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro verpflichtet, 51 Prozent bestimmter Produkte wie Fleisch, Obst, Gemüse oder Milchwaren aus regionaler Erzeugung anzubieten. Das Gesetz gilt ab 2017, Einzelheiten will die Regierung noch ausarbeiten.
Ähnlich viel Unmut herrscht auch in anderen osteuropäischen Ländern. In Tschechien und Kroatien beispielsweise dokumentieren Behörden seit Längerem, dass internationale Konzerne Lebensmittel unter denselben Markennamen in minderer Qualität nach Osteuropa liefern. In Ungarn protestierten Milchbauern im Frühjahr vor Tesco-Filialen gegen die billige Konkurrenzware aus dem Westen. In Litauen riefen Verbraucher im Mai Boykottaktionen gegen Supermarktketten aus, in denen die Preise für bestimmte Lebensmittel deutlich höher liegen als in westlichen Ländern.
Lénárd hat sich für sein Bier unterdessen eine neue Marketingstrategie ausgedacht: Er will das "Echte Csíker" im Szeklerland künftig auch per Drohne ausliefern lassen - bis in die entlegensten Dörfer. Die Technologie dazu entwickelte seine Firma Spider Drone Security. Testflüge im März seien erfolgreich verlaufen.
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Nun wartet Lénárd nur noch auf ein Gesetz zum kommerziellen Drohnenflugverkehr in Rumänien. "Sobald der erlaubt ist", sagt Lénárd, "fangen wir mit den Drohnenlieferungen an."
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