Coronakrise und Insolvenzen: Wo in Deutschland die »Zombie-Firmen« lauern - und wo nicht - DER SPIEGEL
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Coronakrise und Insolvenzen Wo in Deutschland die »Zombiefirmen« lauern – und wo nicht

Der deutschen Wirtschaft drohe die »Zombiefizierung«, warnen Ökonomen, weil Corona-Hilfen massenhaft marode Firmen künstlich am Leben hielten. Doch eine neue Studie weckt große Zweifel an der These.
Kapitalismuskritische Aktion vor dem G20-Gipfel in Hamburg (2017)
Kapitalismuskritische Aktion vor dem G20-Gipfel in Hamburg (2017)

Kapitalismuskritische Aktion vor dem G20-Gipfel in Hamburg (2017)

Foto: Mike Segar / REUTERS
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Zombiegeschichten kommen super an beim Publikum. Das gilt nicht nur für Hollywood, sondern auch für sonst eher trocken anmutende Titel der Wirtschaftspresse. »Deutschland wird heimgesucht vom Gespenst der Zombiefirmen«, hat etwa die »Financial Times« in der Coronakrise geschrieben. »Zombiefirmen breiten sich im Mittelstand aus«, glaubt die »Börsen-Zeitung«.

Dahinter steckt die nicht ganz unbegründete Befürchtung, staatliche Rettungsmaßnahmen und dauerhaft niedrige Zinsen könnten marode Firmen am Leben erhalten, die wirtschaftlich eigentlich längst schon tot sein müssten.

Das Schlagwort ist griffig, allerdings auch etwas schief angesichts des ihm zugrunde liegenden wirtschaftlichen Phänomens. In Filmen fallen Untote alles in ihrer Umgebung an und stürzen die Welt binnen kurzer Frist in die Apokalypse.

Die von Firmen ausgehende Gefahr ist dagegen eher schleichend: Wenn sich eigentlich unprofitable Unternehmen am Markt halten, dann binden sie damit auch Mittel wie Arbeitskräfte, die an anderer Stelle produktiver eingesetzt werden könnten. Nach dieser Logik ist der massive Einsatz von Kurzarbeit bei der Lufthansa etwa ein zweischneidiges Schwert: Er hat zwar für Tausende Menschen den Sturz in die Arbeitslosigkeit verhindert. Aber auch, dass sie zu Firmen wechseln, die womöglich langfristig deutlich bessere Perspektiven haben als Airlines.

Die Probleme manifestieren sich eher in der langen Frist: Der wirtschaftliche und technologische Fortschritt könnte gebremst werden, weil Arbeitskräfte nicht dort zum Einsatz kommen, wo sie am produktivsten und innovativsten wären.

Tatsächlich haben die staatlichen Hilfsmaßnahmen 2020 offenbar in erheblichem Umfang Firmenpleiten in Deutschland verhindert. Soforthilfen, Kredite und insbesondere die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht hätten eine »signifikante Insolvenzlücke« zur Folge, so eine Studie des »Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung«, die dem SPIEGEL vorliegt.

Die Zahl der insgesamt unterdrückten Insolvenzen beläuft sich laut ZEW auf 25.000 Firmen. Sie alle hätten aufgrund von Überschuldung oder Zahlungsunfähigkeit 2020 eigentlich Insolvenz müssen. Diese identifizierte Insolvenzlücke ist erheblich, vor allen im Vergleich zu den Vorjahren: Seit 2017 lag die Zahl der Firmenpleiten pro Jahr insgesamt stets unter 20.000.

Phänomen reicht »nicht in den Mittelstand hinein«

Allerdings: Für die These einer zunehmenden »Zombiefizierung« der deutschen Wirtschaft finden sich in der ZEW-Untersuchung kaum Hinweise. Die Insolvenzlücke betreffe fast ausschließlich Klein- und Kleinstunternehmen. Besonders das von der Krise stark getroffene Gastgewerbe. Auf Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern entfallen laut ZEW hingegen gerade einmal 0,3 Prozent aller unterdrückten Insolvenzen.

»Die Insolvenzlücke geht nicht in den Mittelstand hinein«, sagt Georg Licht vom ZEW. Er sehe deshalb für Deutschland keine akute Gefahr einer »Zombiefizierung«. Rückblickend zeige sich zwar, dass von der Rettungspolitik der Bundesregierung auch Kleinunternehmen profitiert hätten, die 2020 auch ohne die Krise vom Markt verschwunden wären, etwa im Gastronomiebereich. Dennoch hätten die Hilfen wohl kaum anders ausgestaltet werden können, so Licht. »Es gibt einen nicht auflösbaren Zielkonflikt zwischen ausführlicher Prüfung, wer Hilfe braucht und verdient, und der Geschwindigkeit, die nötig ist, um Firmen zu retten«, sagt der Forscher.

Das ZEW hat für die Untersuchung die Daten einer groß angelegten Unternehmensbefragung gemeinsam mit Daten der Bonitätsauskunft Creditreform analysiert.

Aus: DER SPIEGEL 9/2021
Foto: SVC.OrisWFL

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