US-Bilanzskandale Mercks milliardenschwere Luftbuchungen
New Jersey - In den Konzernbilanzen des US-Pharmaunternehmens Merck & Co. wurden von 1999 bis 2001 Umsätze in Höhe von 12,4 Milliarden Dollar verbucht, die das Unternehmen überhaupt nicht eingenommen hat. Das berichtet das "Wall Street Journal" unter Verweis auf einen Emissionsprospekt zum bevor stehenden Börsengang der Merck-Tochter Medco. Der Prospekt wurde am vergangenen Freitag bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC eingereicht.
Medco verwaltet für mehrere Millionen Amerikaner die Abrechnungen von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Wenn ein Patient bei seiner Apotheke ein Medikament kauft, werden die Kosten über eine Karte von Medco, AdvancePCS oder einem anderen Anbieter abgerechnet. Lediglich die erforderliche Zuzahlung, die in der Regel 10 bis 15 Dollar beträgt, muss der Kunde in der Apotheke aus eigener Tasche begleichen.
Wegen dieser so genannten Co-Payments, die bei der Apotheke verbleiben und mit denen Medco zu keinem Zeitpunkt buchhalterisch in Berührung kommt, ist Merck bereits vor einigen Wochen in die Kritik geraten. Nach Angaben des "Journals" bucht der Pharmakonzern bei seiner Tochter Medco die Zuzahlungen als eigenen Umsatz. Dadurch wirke Medcos Gesamtumsatz um etwa zehn Prozent höher, als er eigentlich ist.
Widersprüchliche Aussagen von Merck
Merck weist den Vorwurf der Bilanzmanipulation zurück. Die Praxis, die Zuzahlungen in der Gewinn- und Verlustrechnung als Umsatz zu buchen, sei kein Verstoß gegen amerikanische Bilanzierungsregeln nach US-GAAP. Zudem ziehe Merck den Umsatz aus Co-Payments als Ausgabe vom Gesamtumsatz ab, das Ergebnis werde von der Buchhaltungspraxis somit nicht beeinflusst.
Ob Merck mit dieser Argumentation durchkommt, ist fraglich. Erst kürzlich hatte die US-Börsenaufsicht im Fall des Schulbetreibers Edison Schools entschieden, dass es bei der Verbuchung von Umsätzen nicht nur auf eine formale Übereinstimmung mit GAAP ankommt. Auch Edison hatte Umsätze in seine Bilanz eingerechnet, die nach Ansicht der SEC "nie bei Edison ankamen". Eine korrekte Bilanz schütze Unternehmen nicht vor einer Verfolgung durch die Börsenaufsicht, wenn die Finanzberichte "das Geschäft falsch charakterisieren oder wichtige Informationen auslassen", so die SEC in einer schriftlichen Begründung zum Fall Edison Schools.
Kritiker werfen Merck vor, durch die fiktiven Umsätze entstehe der Eindruck erhöhter wirtschaftlicher Aktivität. "Wenn ein Unternehmen wie Merck in seinen Finanzberichten Milliarden von Dollar an Zuzahlungen ausweist, die der Kunde direkt an eine andere Firma leistet - die Apotheke - ... dann reflektiert es nicht das, was ökonomisch gesehen abläuft", so Lynn Turner, Professorin für Rechnungslegung und frühere SEC-Chefbuchhalterin.