US-Konzerne Tage der Abrechnung
Hamburg - Allein in den kommenden zwei Wochen werden 340 der 500 im Leitindex von Standard & Poor's aufgelisteten Unternehmen ihre Ergebnisse präsentieren, darunter Microsoft, Intel, Cisco, General Motors, Boeing oder Exxon. Die Terrorattacken vom 11. September, die beginnende Rezession, neun Zinssenkungen der US-Notenbank in diesem Jahr und eine von US-Präsident George W. Bush kurzerhand verkündete 100-Milliarden-Spritze für die Wirtschaft - alle diese Faktoren werden sich auf die Ergebnisse und die Zukunftsaussichten auswirken. Nur wie, das weiß keiner. Doch alle sind von dunklen Vorahnungen getrieben.
Für das gerade zu Ende gegangene Quartal werden die S-&-P-500-Werte aller Voraussicht nach eine Gewinneinbuße von insgesamt 22 Prozent aufweisen, heißt es etwa bei Thomson Financial/First Call, das die Schätzungen der Wall-Street-Häuser zusammenträgt. Unmittelbar vor den Terroranschlägen war noch mit einer Einbuße von nur 14 Prozent gerechnet worden.
Harter Schlag für Softwarefirmen
Wie schnell das Attentat auf die Geschäfte einzelner Firmen durchschlagen kann, sollte sich bei den großen Autokonzernen Ford und General Motors zeigen: Zum einen standen mangels Nachschub von Bauteilen zeitweise die Bänder still, zum anderen sitzt der Schock bei den Konsumenten tief. Nach Informationen von Ron Zarrella, Nordamerikachef von General Motors, fielen die Autoverkäufe in der Woche nach dem Terroranschlag um rund 30 Prozent geringer aus als sonst.
Auch einige Softwarefirmen dürften hart getroffen sein, denn ein Großteil der Geschäftsabschlüsse wird in dieser Branche traditionell am Ende eines Quartals besiegelt. "Wir bauen immer auf einen großartigen September", bestätigt Sun-Microsystems-Chef Scott McNealy. "Es war nicht gerade gut, dass die USA eine Woche lang stillstanden."
Bei IBM sorgten die Terroranschläge dagegen sogar kurzfristig für einen rasanten Anstieg der Nachfrage, weil die betroffenen Firmenkunden ihre Datenzentren wieder zum Laufen bringen mussten. Trotzdem bereiten sich die Analysten darauf vor, dass IBM im dritten Quartal die bisherigen Umsatz- und Gewinnerwartungen nicht erfüllen kann. Einige von ihnen haben deshalb ihre Gewinnprognosen für IBM bereits reduziert - auch wenn viele die Aktie weiterhin als "langfristigen Kauf" empfehlen. IBM wird die Ergebnisse für das Ende September zu Ende gegangene Quartal am Dienstag nach Börsenschluss in New York veröffentlichen. Im Durchschnitt erwarten Analysten einen Gewinn von 89 Cent pro Aktie.
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Kein Wunder also, dass viele Unternehmen sich mit Voraussagen für die künftigen Gewinnaussichten nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollen. Der Zeithorizont für einigermaßen verlässliche Gewinnprognosen sei von zuletzt sechs auf nur noch drei Monate geschrumpft. "Was danach kommt, weiß keiner", sagt Satya Pradhuman, Analyst für Nebenwerte bei der Investmentbank Merrill Lynch.
Die Situation ist kompliziert. Beinahe scheint es, als hätten viele Anleger das dritte Quartal angesichts der dramatischen Ereignisse bereits abgehakt. So erklären sich zumindest die Händler, warum die Märkte sich nach dem 11. September so schnell wieder erholt haben.
"Die Investoren werden mehr auf die von den Firmen ausgegebenen Prognosen für das vierte Quartal und auf 2002 als auf die Ergebnisse des dritten Quartals schauen", meint Samuel May, Aktienanalyst bei U.S. Bancorp Piper Jaffray. "Wenn das dritte Quartal allerdings sehr schlecht wird, werden die Anleger dem Optimismus der Vorstände für das kommende Jahr nicht folgen", fügt er einschränkend hinzu.
Prognosen unter dunklem Schleier
Doch genau das könnte geschehen. Denn viele Firmenchefs erliegen möglicherweise der Versuchung, Fehler der Vergangenheit unter dem Vorwand der Terroranschläge mit in die Zahlen zu packen. Insofern wird sich der dunkle Schleier über dem Ausblick für die nächsten Quartale kaum lüften. Der Eifer, mit dem die Analysten ihre Prognosen zurücknehmen, spricht aber dafür, dass das vierte Quartal dem dritten kaum nachstehen wird.
Es gebe Befürchtungen, dass die operativen Gewinne im Schlussquartal abermals um mehr als 20 Prozent zurückgehen werden, sagt Chuck Hill von Thomson Financial/First Call. Die Einbußen im zweiten Halbjahr wären dann mit dem Gewinnrückgang während der Rezession von 1990/91 vergleichbar. Und seinerzeit handelte es sich um den stärksten Ergebniseinbruch seit den fünfziger Jahren. Doch damit nicht genug. Nach Einschätzung von Hill sei es jetzt klar, dass die Erträge auch noch im ersten Quartal des nächsten Jahres fallen werden. Es wäre das fünfte Quartal in Folge mit negativen Vorzeichen. Dies hatten die Statistiker letztmals während der Rezession von 1969/70 registriert.
Hoffnung auf SAP und IBM
Diesem umfassenden Pessimismus wollen nicht alle Analysten folgen. Sie knüpfen ihre Hoffnungen an die Quartalszahlen von SAP, die am Donnerstag veröffentlicht werden sollen. "Die Geschäfte müssen sehr gut gelaufen sein. Sonst hätte SAP nicht seine Prognosen nach den Terroranschlägen so deutlich untermauert", meint Kevin Ashton von der Deutschen Bank. Er rechnet mit einem Gewinnanstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um über 90 Prozent.
Auch der Chip-Gigant Intel gilt unter den Experten als Fels in der Brandung. "Wir glauben nicht, dass das Unternehmen im dritten Quartal materiell von den Auswirkungen des 11. September betroffen sein wird", schreiben die Analysten von Salomon Smith, die wie der Durchschnitt der Experten einen Gewinn pro Aktie in Höhe von 0,10 Dollar erwarten. "Nach ein paar Tagen, in denen sich die Auslieferungen verzögerten, hat sich das Unternehmen im Wesentlichen erholt." Der Einschätzung schließen sich auch andere von Thomson Financial/First Call befragte Analysten an.
Gleiches gilt für den Netzwerkspezialisten Cisco, dessen Chef John Chambers die Anleger im Übrigen anscheinend bedingungslos vertrauen. Nachdem Chambers öffentlich versichert hatte, dass die vor den Terroranschlägen abgegebene Ergebnisprognose weiterhin gültig sei, legte der Cisco-Kurs am folgenden Tag um 21,5 Prozent zu, im Wochenvergleich sogar um 22,7 Prozent. Der Kurssprung ist bemerkenswert, denn Cisco ist immer noch mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von mehr als 100 bewertet.