USA Der gläserne Manager
New York Als sie in Handschellen abgeführt wurden, klatschte ganz Amerika Beifall. Die Festnahme von John Rigas und seinen Söhnen Michael und Timothy Ende Juli diesen Jahres war nicht nur eine Polizeiaktion, sondern ein Medienereignis. Die Vergehen des Adelphia-Gründers und seiner Familie waren auch nicht von Pappe. Der Rigas-Clan hatte den bis vor kurzem sechstgrößten Kabelnetzbetreiber systematisch ausgesaugt. Die nationale Empörung über den Schurken im weißen Kragen war dennoch bemerkenswert: tagelang lief die Szene von Rigas' Verhaftung über alle Nachrichtenkanäle.
-
4 Min
-
2 Min
-
2 Min
In den USA ist momentan eine wahre Jagd auf Unternehmenschefs ausgebrochen. Längst ist es unwichtig, ob überhaupt Verdachtsmomente wie Bilanzmanipulation oder Insiderhandel gegen einen Firmenchef vorliegen. Steve Miller, Chef von Bethlehem Steel, musste sich laut "Newsweek" von verärgerten Mitarbeitern die Frage gefallen lassen: "Herr Miller, der Chef von Enron appellierte an seine Mitarbeiter weiterzuarbeiten, während er nichts anderes tat, als sein eigenes Nest zu polstern. Warum sollten Sie anders sein?"
Besonders deutlich wird das neue Misstrauen gegenüber den einst gefeierten Unternehmenschefs, wenn es darum geht, eine Führungsposition neu zu besetzen. Hier reicht ein Lebenslauf voller Erfolge nämlich längst nicht mehr aus. Der Vorstandsanwärter muss außerdem noch eine weiße Weste haben in jeder Hinsicht. Dazu werden neben den üblichen Headhuntern noch Privatdetektive eingesetzt.
"Wir finden heraus, ob gegen ihn ermittelt wurde, als er 25 Jahre alt war. Wir finden heraus, ob er jemals etwas mit Drogen zu tun hatte oder eine Affäre hatte", sagte Robert Strang kürzlich der "New York Times". Seine Firma Decision Strategies hat sich auf die Überwachung von Führungskräften spezialisiert.
Nach Angaben der Zeitung haben solche Dienstleister mittlerweile Geheimdienstniveau. Viele der privaten Ermittler seien ehemalige CIA- oder FBI-Mitarbeiter, eine Firma habe für diese Aufgaben sogar einen Klatsch-Kolumnisten engagiert.
Der Zeitung zufolge geben Firmen zwischen 20.000 und 50.000 Dollar aus, um ihre neuen Chefs vorher durchleuchten zu lassen. Angesichts de Millionendeals, die diese dann zu verantworten haben, ist dies nicht viel. Außerdem werden die potentiellen Firmenchefs in der Regel vorher gefragt, ob sie einer "Prüfung des Hintergrundes" zustimmen. Einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre weist Robert Strang deshalb weit von sich: "CEOs sind heute wie Politiker. Seit Manager eigene Mitarbeiter um deren Ersparnisse gebracht haben, wird mehr Rechenschaft verlangt. Das ist unvermeidlich. Und wir müssen der Frau ja nicht sagen, dass ihr Mann eine Affäre hatte."
Carsten Matthäus