Verlustquartal Commerzbank verordnet sich Schrumpfkur
Frankfurt am Main - Trotz staatlicher Finanzspritze in Milliardenhöhe und trotz tiefroter Zahlen hat Commerzbank-Chef Martin Blessing sein Selbstvertrauen nicht verloren: Spätestens 2011 will er wieder Gewinne präsentieren. "Diese Bank ist stark genug, um auf Dauer ohne Staatshilfe auszukommen", sagte der Vorstandsvorsitzende des Dax-Konzerns am Freitag.
Commerzbank-Zentrale in Frankfurt: "Diese Bank ist stark genug"
Foto: DPAZunächst allerdings musste Blessing neue Verluste vermelden: In den ersten drei Monaten 2009 schrieb der Dax-Konzern unter dem Strich ein Minus von 861 Millionen Euro und schnitt damit noch schlechter ab als am Markt erwartet.
Im Vorjahresquartal hatte die Commerzbank - die Zahlen der Dresdner Bank zur besseren Vergleichbarkeit mit eingerechnet - noch 236 Millionen Euro Gewinn gemacht. Der operative Verlust betrug jetzt 591 Millionen Euro, nach einem Gewinn auf Pro-Forma-Basis von 470 Millionen Euro ein Jahr zuvor.
Zwar stand die Commerzbank wieder deutlich besser da als im katastrophalen Schlussquartal 2008. Doch die Zahlen zeigen auch, dass der Geldkonzern zum Jahresauftakt weiter mit Belastungen aus der Finanzmarktkrise und den Kosten für die Integration der übernommenen Dresdner Bank - rund 289 Millionen Euro - sowie deutlich erhöhte Rücklagen für Kreditausfälle (844 Millionen Euro) kämpft.
Weitere Bonusklagen erwartet
Ärger droht der Commerzbank zudem im schwelenden Bonusstreit mit den Mitarbeitern der Dresdner Bank. Es gebe bereits eine dreistellige Zahl von Beschwerden, sagte Vorstand Michael Reuther. "Zurzeit ist noch völlig offen, welche Fälle zur Klage kommen werden." Es sei aber ab diesem Sommer mit weiteren Verfahren zu rechnen.
Die Commerzbank hatte nach der Übernahme der Dresdner Bank mit Hinweis auf das schlechte Geschäft im vergangenen Jahr Boni für die Mitarbeiter der Gruppe gestrichen. Vor dem Deal hatte jedoch die damalige Dresdner-Mutter Allianz einen 400-Millionen-Euro-Topf zugesagt - auch um Führungskräfte zu halten. Blessing sagte am Freitag, die Streichung von Bonuszahlungen sei in einem Rahmen vollzogen worden, "in dem wir glauben, dass das auch rechtlich machbar ist".
Konzentration auf den Heimatmarkt
Um zumindest das Geschäft wieder in die Spur zu bringen, will Deutschlands zweitgrößte Bank sich künftig noch stärker auf den Heimatmarkt konzentrieren und sich vor allem um Privat- und Mittelstandskunden kümmern. Die "radikale Neuausrichtung" in vielen Bereichen - etwa in der zuletzt verlustreichen Immobilien- und Staatsfinanzierung sowie im Investmentbanking - werde zwar auch Erträge und Stellen kosten, sagte Blessing. Doch die Commerzbank habe gemeinsam mit der übernommenen Dresdner Bank beste Voraussetzungen, zu einer "nachhaltigen Erfolgsgeschichte" zu werden. Blessings Ziel: Er will die neue Bank zur führenden Privat- und Firmenkundenbank in Deutschland formen.
Die anhaltende Finanzkrise will die Bank ohne weitere Finanzhilfen durchstehen. "Wir gehen unverändert davon aus, dass wir keinen weiteren Kapitalbedarf mehr haben werden, sofern es keine weiteren schweren Verwerfungen an den Märkten mehr gibt", sagte Blessing.
Staatshilfen sollen ab 2012 zurückgezahlt werden
Die Commerzbank wird bislang vom deutschen Staat mit 18,2 Milliarden Euro Kapital gestützt. Der Bund wird mit 25 Prozent plus einer Aktie größter Einzelaktionär. Erst am Donnerstag hatten die EU-Wettbewerbshüter den zweiten Teil der Staatshilfe unter Auflagen gebilligt. "Insgesamt empfinden wir die Vorgaben aus Brüssel als hart, aber akzeptabel", sagte Blessing.
Die Commerzbank muss sich unter anderem von ihrer 2005 als Hoffnungsträger gekauften Immobilientochter Eurohypo trennen. Von der 100-Prozent-Tochter, die Staats- und Immobilienfinanzierung betreibt, versprach sich die Commerzbank bei Erholung der Märkte Zuwächse. Nun werden in der Immobilien- und Staatsfinanzierung bis Ende 2011 etwa 390 Stellen abgebaut, davon 260 in Deutschland. Auch die Investmentbank wird verkleinert.
Blessing verkündete, er wolle die Staatshilfe ab 2012 zurückzahlen - möglicherweise auch mit Hilfe einer Kapitalerhöhung. Eine Prognose für 2009 wagte das Management nicht. Für die nächsten Jahre formulierte der Vorstand aber ehrgeizige Ziele: Ab 2012 will die Bank ein operatives Ergebnis von mehr als vier Milliarden Euro pro Jahr und eine Nachsteuerrendite von rund zwölf Prozent erreichen.
Skeptische Analysten
Die Marktbeobachter konnte der Commerzbank-Chef dennoch nur teilweise überzeugen: Die Zahlen für das erste Quartal seien katastrophal, schrieb Equinet-Analyst Philipp Häßler in einer Studie vom Freitag. Das angekündigte Umbauprogramm scheine auf den ersten Blick nicht allzu ambitioniert zu sein.
Kurzfristig könne er keine positiven Kurstreiber erkennen, so Häßler. Das Institut dürfte auch in den kommenden zwei Jahren unter einer steigenden Risikovorsorge leiden. Diese sei bereits im Auftaktquartal höher als erwartet ausgefallen.
Die Experten der Bank UniCredit erklärten, das wirkliche Problem aus Aktionärssicht dürfte die jährliche Belastung von einer Milliarde Euro sein, die vom Nettogewinn der Commerzbank an den Soffin zurückgezahlt werden müsse. Es dürfte lange dauern, bis die insgesamt 16,4 Milliarden Euro beglichen sein würden.