VW-Hauptversammlung "Kein Obst bitte"
Hamburg - Offensichtlich hatte sich der VW-Vorstand auf einen turbulentere Hauptversammlung eingestellt. Darauf deuteten die Kontrollen am Eingang des Hamburger Kongresszentrums hin. "Kein Obst bitte, Lebensmittel sind nicht zugelassen", beschied der Uniformierte einen älteren Herrn, nachdem er seine Tasche durchsucht hatte.
Die Vorsicht war wohl unbegründet. VW-Chef Ferdinand Piëch vermochte mit seinem Rechenschaftsbericht nur wenige Gemüter zu erhitzen. Im Gegenteil - viele Aktionäre lobten den Vorstand für seine gute Geschäftspolitik. Die Komplimente waren durchaus ernst gemeint. Immerhin verbuchte der VW-Konzern in Geschäftsjahr 2000 das beste Ergebnis in seiner Geschichte.
Im vergangenen Jahr hatte VW den Umsatz weltweit um fast 14 Prozent auf 167 Milliarden Mark gesteigert, das Ergebnis vor Steuern stieg auf 6,8 Milliarden Mark. Der Jahresüberschuss lag mit gut vier Milliarden Mark 144,2 Prozent über dem Ergebnis des Vorjahres. Auch im ersten Quartal 2001 legte Volkswagen beim Umsatz kräftig zu.
Nach Angaben von Finanzvorstand Bruno Adelt liegt der Konzern auch nach den ersten fünf Monaten dieses Jahres weiter auf Rekordkurs. Absatzrückgänge in Deutschland seien durch Exporte ausgeglichen worden, Ergebniseinbußen im Inland durch Sparprogramme neutralisiert. "Dieses Unternehmen ist exzellent geführt worden", lobte denn auch Ulrich Hocker von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Ein Sprecher der Belegschaftsaktionäre gratulierte dem Vorstand sogar.
Einige Beobachter schienen enttäuscht, hatten sie doch geglaubt, die Anträge zweier Fondsgesellschaften würden die Wogen höher schlagen lassen. Liverpool Limited Partnership und Union Investment, eine Tochter der Genossenschaftsbanken, hatten im Vorfeld der Hauptversammlung ihr Veto gegen den Antrag des Vorstands angekündigt, zehn Prozent der eigenen Stammaktien zurückkaufen zu dürfen.
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Für Piëch dienen die Aktien als mögliche Tauschwährung für Akquisition und Kooperationen, nicht zuletzt, um sich gegen feindliche Übernahmen zu wappnen. Diese Situation wollten die Fonds-Manager nutzen, um Druck auf den VW-Vorstand auszuüben. Hintergrund ist das Bestreben der Fonds, ihre Vorzugsaktien in Stammaktien umzuwandeln und so saftige Gewinne einzustreichen.
Doch der Angriff entpuppte sich als Sturm im Wasserglas. Allerdings nicht nur, weil die Gegenanträge von vornherein keine Aussicht auf eine Stimmenmehrheit besaßen; sie wollten auch nicht am gleichen Strang ziehen. Michael Gierse, der Union Invest vertrat, distanzierte sich sogar ausdrücklich von den Anglo-Amerikanern.
Immerhin gelang es Gierse, die Diskussion unter den Kleinanlegern im Foyer anzustoßen, indem er unbekümmert auf die schwächste Stelle des VW-Konzerns eindrosch: den lausigen Aktienkurs. "Der Vorstand kümmert sich zu wenig um die Entwicklung des VW-Papiers", kritisierte Dierse. Seine Einschätzung teilten viele der Kleinaktionäre. "Die VW-Aktie müsste 20 bis 30 Euro mehr wert sein", schimpfte ein älterer Herr und stolzer Besitzer von 850 Stammaktien.
- Volkswagen:Material zur Hauptversammlung
- manager-magazin.de:Interview mit Rolf Drees, Sprecher von Union Investment
In der Einschätzung der Ursachen stimmten alle Beteiligten überein: "Die Sonderrechte von Niedersachsen drücken den Kurs", erklärt der Besitzer der 850 Aktien stellvertretend für viele. Im Übrigen seien die Vorzugsaktien ein Anachronismus. Die großen Investmentfonds in den USA würden die Aufteilung in Stamm- und Vorzugsaktien ablehnen und deshalb das Papier meiden.
VW-Vorstand Jens Neumann ließ sich von der Kritik nicht beirren. Die Vorzugsaktie werde vor allem von den Privatanlegern geschätzt, stellte er fest - nicht zuletzt wegen der 45 Prozent höheren Rendite. VW werde deshalb weiterhin an der Vorzugsaktie festhalten.
Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratsmitglied Sigmar Gabriel (SPD) reagierte am Rande der Veranstaltung ungewöhnlich scharf auf Kritik am VW-Gesetz. "Von Großbanken wie der Deutschen Bank, die hier aufgetreten ist und die DaimlerChrysler mit in die Krise geführt haben, würden wir uns ungern Ratschläge geben lassen", sagte Gabriel. Auch von Analysten lasse er sich ungern etwas sagen. "Das sind die gleichen Leute, die vor einem Jahr Hunderttausende Kleinanleger in die New Economy geführt haben - und das mit gigantischen Verlusten."
Am Ende verlief alles wieder harmonisch. Die Aktionäre stimmten mit großer Mehrheit dem Rückkauf von zehn Prozent der Aktien und der Erhöhung ihrer Dividende zu. Jetzt muss sich der VW-Vorstand möglichst schnell nach einem geeigneten Investment umsehen, das er mit den eigenen Aktien bezahlen kann. Vor dem nächsten Rückkaufprogramm muss er nämlich zunächst die vorhandenen zehn Prozent verwenden, weil der VW nicht mehr als zehn Prozent der eigenen Aktien halten darf.