VW-Verfahren: Prozess der Peinlichkeiten - DER SPIEGEL
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VW-Verfahren Prozess der Peinlichkeiten

Bordellbesuche, Unterhaltungsdamen, Gespielinnen: Die Vernehmung des früheren Personalvorstands Peter Hartz im VW-Prozess wirft ein grelles Licht auf das Treiben bei Volkwagen. Doch die spannendste Frage bleibt unbeantwortet: Was wusste der damalige Konzernchef Ferdinand Piëch?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Braunschweig - Es soll Menschen geben, die Geheimnisse sogar vor sich selbst haben. Nicht jeder gibt gern die Wahrheit zu, vor allem, wenn sie nicht zum Selbstbild oder zur eigenen Weltsicht passt. Ferdinand Piëch ist ein Meister im Umgang mit Geheimnissen.

Die Treppe wird von oben nach unten gefegt. Unten, wo sich der Dreck anhäuft, nämlich auf der Anklagebank vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Braunschweig, sitzen seit dem 15. November Klaus-Joachim Gebauer, 63, ehemals Personalmanager, und Klaus Volkert, 64, früher Betriebsratschef bei VW. Es wird ihnen Untreue und Anstiftung dazu vorgeworfen. Von Sitzungstag zu Sitzungstag verstärkt sich inzwischen der Eindruck, dass es nur noch am Rande um diese Angeklagten geht. Immer deutlicher wird dagegen, wie Gebauer und Volkert offenbar ganz bestimmten Interessen der obersten Etage des Autokonzerns dienten, wie sie benutzt wurden und funktionierten, auf Geheiß, auf Wunsch, mit Billigung, wie immer man es nennen will.

Das berüchtigte Konto "1860 Vorstand Diverses", über das bei VW unter anderem Reisen des Betriebsrats, Bewirtungen, Nebenkosten, Geschenke und vor allem all das Unaussprechliche, für das es keine Quittung gab, als "Ausgaben im Geschäftsinteresse" pauschal und ohne Beleg abgebucht wurden, war kein Geheimkonto. Bis Ende der neunziger Jahre sei es im Generalsekretariat des damaligen Vorstandschefs Ferdinand Piëch geführt worden, erklärte als Zeuge Helmuth Schuster, früher Personalvorstand der VW-Tochter Skoda. Der Vorstand sei "glücklich gewesen, wenn die Arbeitnehmer zufrieden waren und gute Stimmung herrschte". Dass Piëch davon nichts wusste - absurd. Aber vielleicht hielt er es ja vor sich selbst geheim.

Gebauer war williger Diener zweier Herren

Gebauer steht vor der Öffentlichkeit und den Zuschauern im Gericht als Kammerdiener jener fröhlichen Söldnertruppe Gesamtbetriebsratsausschuss (GBA) da, die es vor allem bei Auslandsreisen in Bordellen krachen ließ ("Gebauer, wo sind die Weiber?"). Viele im Saal sind alte VWler, denen die Empörung in die Gesichter geschrieben steht.

Doch wer gab ihm die Möglichkeit dazu? "Ich war praktisch außerhalb jeder organisatorischen Abrechnung", sagt Gebauer vor Gericht. "Ich hab alles gekriegt, was ich wollte. Irgendwann hört man auf, drüber nachzudenken." Der Zeuge Schuster: "Die Devise des Personalvorstands Peter Hartz war, den Betriebsrat zu pflegen. Man brauche ihn bei vielen unternehmerischen Entscheidungen, er habe eine Machtposition und könne Projekte verhindern. Es ist ja nicht leicht, einen Partner zu finden, der die gewünschte Entwicklung eines Unternehmens nicht behindert. Wenn man da nicht vertrauensvoll zusammenarbeitet, sondern jedes Glas umdreht - das hätte geradezu gestört. Das hätte auch niemand im Vorstand erlaubt!" Gebauer war ein williger Diener zweier Herren - des Betriebsrats und des Personalvorstandes.

Volkert, gelernter Schmied, zum Konzern- und Gesamtbetriebsratschef aufgestiegen, dann sogar zum Europäischen und 1999 gar zum Weltbetriebsratsvorsitzenden und damit fast in den schwindelnden Höhen des Topmanagements angelangt - muss jetzt vor Publikum Rede und Antwort stehen wegen seiner brasilianischen Geliebten, die auf die Lohnliste des Konzerns gelangte. Er muss beantworten, ob er sich auf VW-Kosten auch noch Maßanzüge habe schneidern lassen (er bestreitet das). Immer wieder wehrt einer seiner drei Verteidiger, der Hamburger Rechtsanwalt Johann Schwenn, allzu indiskrete Fragen des Beisitzers oder der Staatsanwaltschaft ab, wenn nach seiner Auffassung allein "maximale Bloßstellung" beabsichtigt ist.

Hätte man nicht auch in ein Hotel gehen können, anstatt eine Wohnung auf VW-Kosten zu installieren? Die Vorsitzende Richterin Gerstin Dreyer geht mit Geschmacklosigkeiten nonchalant um. Natürlich hätte man. Doch Peter Hartz, 66, ging nicht ins Bordell oder in ein Hotel. Er ließ sich die Huren bringen.

Gebauer: "Ich kannte ja seinen Geschmack."

Verteidiger Schwenn: "Sie machten sich also auf die Suche entsprechend den Wünschen von Herrn Hartz? Das war ein Auftrag?"

"Ja, natürlich", antwortet Gebauer. Von sich aus macht das doch keiner.

Der Erörterung solcher Peinlichkeiten war Hartz, der eigentliche Verursacher der VW-Affäre, gelernter Industriekaufmann mit Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, der es bis zum Betriebswirt brachte, dadurch entgangen, dass sein Verfahren abgetrennt und im Januar 2007 per Deal abgewickelt worden war: ein dünnes Geständnis über heimliche Sonderzahlungen an Volkert, das er noch nicht mal selbst über die Lippen brachte, sondern seinen Verteidiger Egon Müller verlesen ließ. Sogar Fragen an den Angeklagten beantwortete am zweiten Verhandlungstag der Verteidiger. Keine Zeuginnen aus dem Rotlichtmilieu und kein Wort über Vorlieben.

Heute stand Hartz als Zeuge vor Gericht - reumütig, fast kleinlaut

Dafür geht es bei Gebauer und Volkert nun umso intensiver um das im Hartz-Prozess Ausgesparte. Es kommt die VW-Wohnung zur Sprache, in der die Gespielinnen empfangen wurden, und die Bettwäsche, die Gebauers Putzfrau wechselte. Und es geht um die Damen vom Begleit-Service in Indien, Korea und Shanghai, "Unterhaltungsdamen", wie sie der ehemalige Betriebsarzt Bodo Marschall ("Dr. Viagra" hieß er vielsagend in der Boulevardpresse) als Zeuge nannte, die angeblich wie Studentinnen aussahen und mit "sexuellen Handlungen" nichts im Sinn hatten. "Aber sie wurden bezahlt", sagt darauf trocken die Vorsitzende. Klar, man ließ die netten Studentinnen auch nachkommen, wenn der Betriebsrat weiterreiste. Und Hartz war der Delegationsleiter.

Volkert ließ sich mitreißen vom fast religiös anmutenden Sendungsbewusstsein des Saarländers Hartz ("Ich bin ein Überzeugungstäter"), das Land von der "Geisel" Arbeitslosigkeit zu "erlösen" und Großes für alle Menschen auf den Weg zu bringen bis zum Sieg der Arbeiterbewegung. Am Ende aber kamen doch nur Filz, Mauschelei und das, was nach unten gefegt wird, heraus.

Als Zeuge konnte sich Hartz heute nicht mehr hinter seinem Anwalt verstecken. Er gab sich reumütig, fast kleinlaut, sichtlich bemüht, den Angeklagten und vor allem Ferdinand Piëch nicht zu schaden: "Ich habe die politische und strafrechtliche Verantwortung ja übernommen. Ich habe weggeschaut, ich habe meine Bedenken weggeschoben, ich wusste, dass Prostituierte über das Unternehmen abgerechnet wurden und die brasilianische Freundin auch." Es war seine Entscheidung, wie Volkert finanziell ausgestattet wurde und dass das nicht nach draußen drang.

Volkert durfte Spesen in unbegrenzter Höhe machen

Aber, und da gerät Hartz ins Schwärmen, da waren doch andererseits die "wertschöpfende Mitbestimmungsphilosophie" mit dem obersten Ziel der Beschäftigungssicherung, "die sozialste Aufgabe eines Unternehmens überhaupt", im Wettbewerb mit den USA und Asien, und das gute Einvernehmen mit den Arbeitnehmern, die gute Stimmung. "Bei dem Volumen der Aufgaben, die wir uns vorgenommen hatten, da wollte ich keinen Trouble, der nur den Blick verstellt", sagt er und nennt Milliardenbeträge. Es galt, "in den großen Themen weiterzukommen" und nicht pfennigfuchserisch Hotelrechnungen zu kontrollieren, schon der Einfachheit und vor allem der Diskretion halber. Außerdem habe sich der kapitalisierte Börsenwert des Unternehmens von VW seit 1993 verdreifacht.

Im Prozess vor dem Braunschweiger Gericht erscheint Volkert als das typische Hartz-Opfer. Der Aufstieg bis vor die Tür des Konzernvorstands beseelte offenkundig seinen Glauben an die eigene Wichtigkeit. Er wurde "im Kontext der VW-Kultur" zum "Co-Manager" und von Hartz "mit ins Boot" genommen, so dass er sich auf "Augenhöhe" fühlen durfte, was allgemein akzeptiert wurde. Ein Parkplatz neben den Vorstandsauto, Erste-Klasse-Flüge und vor allem die Berechtigung, Spesen machen zu dürfen wie der Vorstand - in unbegrenzter Höhe also, die weder beantragt werden mussten noch nachzuweisen waren. Er hätte ein Heiliger sein müssen, um der Versuchung zu widerstehen.

Beide Angeklagte haben gestanden. Das heißt, sie haben berichtet, wie es zuging, wenn der "innere Kreis" des Gesamtbetriebsrats mit seinen Gästen ins Bordell zog, und wer dazu gehörte und wer nicht. Es muss Kämpfe darum gegeben haben, wer mitgenommen wurde. Einer soll sogar selbst bezahlt haben, was aber gar nicht gern gesehen wurde.

"Einige wussten viel und viele einiges", sagte ein VW-Zeuge. Nur Piëch wusste angeblich gar nichts. Denn er delegiert ja gern. "Mir ist im Nachhinein nur aufgefallen", sagte Hartz, "dass Piëch nur unterschrieb, wenn auch die fachliche Unterschrift etwa von mir geleistet war."

Ein paar 100.000 Euro waren "irrelevant"

Es ging im Übrigen nicht um viel Geld, vergleichsweise. "Das hat mich nicht weiter beschäftigt", sagt gelassen der frühere Finanzvorstand Bruno Adelt als Zeuge. Es habe keinerlei Hinweis auf Unregelmäßigkeiten gegeben. Sogenannte Eigenbelege ohne Nachweis habe es schon immer gegeben. "Früher hieß das 'nützliche Abgaben', also Schmiergelder, für die es ja keine Quittung gibt. Das war in der ganzen deutschen Industrie üblich." Die Fixkosten hätten bei VW um die 20 Milliarden gelegen. "Schließlich hatten wir einen Weltkonzern-Betriebsrat eingerichtet, da nahmen die Aufgaben natürlich zu", erklärt Hartz. Da seien ein paar 100.000 Euro "irrelevant". Betriebswirtschaftlicher Schaden? Noch nicht mal "Peanuts", würde Herr Kopper sagen.

Das berüchtigte "System VW" funktionierte so lange, bis es durch die Maßlosigkeit Gebauers kippte, der sich in einem Berliner Hotel so aufführte, dass die Geschäftführung den VW-Vorstand informierte. Die Affäre flog auf - denn Gebauer wollte nicht allein den Kopf hinhalten.

Heute, am späten Nachmittag, wurde die Sitzung, die bis dahin von der sichtlich angespannten Vorsitzenden vorsichtig und an der Oberfläche freundlich geführt wurde, plötzlich turbulent. Volkerts Verteidiger Schwenn geriet in Händel mit dem Zeugenbeistand Hartz’, seinem damaligen Verteidiger Egon Müller. Denn Verlauf und Ergebnis des Hartz-Verfahrens geben durchaus Anlass zu Nachfragen - was die Vorsitzende Richterin Dreyer, die damals auch Vorsitzende war, ungeschickt abzuwehren versuchte. Was war die Gegenleistung für die rasche Abwicklung und die Ausklammerung der Peinlichkeiten? Wieso wurde Hartz von der Justiz "erster Klasse" behandelt, wunschgemäß und überaus diskret, Volkert und Gebauer aber à la "Holzklasse"?

Und dann fällt so nebenbei ein Satz, der einen tragischen Schatten auf das Bild der allzu lustigen Männergesellschaft wirft. "Meine Frau ist seit fünf Jahren schwer krank", sagt Hartz leise. Da gerät ein Leben leicht aus dem Ruder.