KONJUNKTUR War's das schon?
Lange hatten die Genossen auf diese Gelegenheit gewartet. Auf den richtigen Zeitpunkt, um nach allem Krisengezeter und Abschwunggejammer die neue Parole verkünden zu können, die bis zur Bundestagswahl tragen soll.
Vorigen Donnerstag war es so weit. Bundeskanzler Gerhard Schröder nahm erstmals »sichtbare Zeichen für eine Erholung in Deutschland« wahr. Die frohe Botschaft: »Wir haben den Tiefpunkt durchschritten.« Finanzminister Hans Eichel ging noch einen Schritt weiter. Die Gefahr einer Rezession sei gebannt, frohlockte er: »Dies wird ein Jahr des Aufschwungs.«
Die Beweiskraft, die solche Zuversicht rechtfertigt, lieferten honorige Persönlichkeiten, die beinahe über jeden ökonomischen Zweifel erhaben sind. Am selben Tag hatten sich die Herren über Dollar und Euro optimistisch geäußert wie seit Monaten nicht mehr. In Washington verkündete US-Notenbankchef Alan Greenspan, »dass der Aufschwung in vollem Gang ist«. Und in Frankfurt versicherte Zentralbankpräsident Wim Duisenberg, dass die Erholung gleich mehrere Jahre andauern werde.
Das war's also schon? War die weltweite, tiefe Rezession, wie sie nach dem 11. September befürchtet wurde, doch nur ein kleiner Schwächeanfall? Die jüngsten Zahlen aus den USA sind jedenfalls verblüffend. Egal ob Auftragseingänge, Investitionsbereitschaft oder Immobilienkauf - alle Kennziffern weisen nach oben.
Schon übertreffen sich Investmentbanken gegenseitig mit ihren Wachstumsprognosen. Um fast vier Prozent werde die US-Ökonomie über das Jahr gerechnet zulegen, verheißt Peter Hooper, Chefökonom der Deutschen Bank in New York. Und die Börse honoriert den Stimmungswandel mit regelrechten Freudensprüngen: Der Dow Jones legte in zwei Wochen gleich sieben Prozent zu, der Dax neun Prozent.
Nur wenige wagen es noch, weiterhin Skepsis zu verbreiten. Unverdrossen warnt Stephen Roach, Chefvolkswirt der Investmentbank Morgan Stanley, vor dem »Double-Dip«; demnach könnte nach kurzer Erholung bald ein zweiter Abschwung folgen. Das düstere Szenario: Die Betriebe füllen jetzt allzu schnell ihre Lager, die Nachfrage bleibt aber aus, weil die Amerikaner erkennen, dass sie weit über ihre Verhältnisse leben.
Das allerdings tun sie seit Jahren. Bislang jedenfalls konnte das Leben auf Pump ihre Konsumfreude nicht schmälern.
So lassen sich auch hier zu Lande die Ökonomen vom Optimismus anstecken - ein wenig jedenfalls. Spätestens in der zweiten Jahreshälfte, so erwarten sie, werde die Konjunktur anspringen. Trotzdem halten sie an ihren mageren Wachstumsprognosen von 0,6 bis 1,2 Prozent für dieses Jahr fest. Kein Forscher in Kiel, München oder Berlin sieht sich schon veranlasst, nach dem Signal aus Amerika die Inlandsprognose nach oben zu korrigieren.
Warum auch? So eng verflochten sind die beiden Volkswirtschaften auch wieder nicht: Von allen deutschen Ausfuhren gehen nur 10,3 Prozent in die USA - aber 56,5 Prozent in EU-Staaten.
Schon der phänomenale US-Boom der neunziger Jahre ist fast spurlos an Deutschland vorbeigegangen. Während die amerikanische Wirtschaft jährlich im Schnitt um 3,5 Prozent wuchs, kam die deutsche über eine Durchschnittsrate von 1,5 Prozent nicht hinaus. Sich allein auf die transatlantische Zugkraft zu verlassen hält der Goldman-Sachs-Volkswirt Thomas Mayer für leichtfertig: »Es ist ein Armutszeugnis, dass die US-Konjunktur das Einzige ist, was uns treiben soll.«
Vielmehr müsste sich ein »hausgemachter Aufschwung« entfalten. Dafür allerdings fehlen die Impulse. Während Amerika zum Beispiel mit Steuererleichterungen und Niedrigzinsen die Verbraucher in die Warenhäuser und Geschäfte gelockt hat, bleibt in Deutschland der private Konsum so flau wie eh und je.
Das dürfte auch kaum besser werden: Die Kosten für die gesetzliche Krankenkasse steigen, der Rentenbeitrag wird demnächst wohl angehoben, die Energiepreise ziehen gerade wieder an, und die nächste Stufe der Steuerreform folgt erst 2003. »Wir schaffen es einfach nicht, eine starke Binnendynamik hinzukriegen«, klagt Michael Hüther, Chefvolkswirt der DekaBank.
Am Ende sind es also wieder die alten Strukturprobleme, die eine kräftige Erholung verhindern. Solange die nicht gelöst sind, könne Deutschland keine Dynamik entwickeln, sagt Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung: »Wachstumsmäßig werden wir das Schlusslicht bleiben.«
So klingt es dann doch etwas verwegen, wenn Finanzminister Eichel 2002 bereits zum »Jahr des Aufschwungs« erklärt. Sein Ministerium jedenfalls belässt die Konjunkturprognose unverändert: bei 0,75 Prozent. JAN FLEISCHHAUER, ALEXANDER JUNG