Weltwirtschaft: Die Angst vor der nächsten Krise - DER SPIEGEL
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Weltwirtschaft "Die nächste Krise könnte schlimmer werden als 2008"

Die Welt trudelt in den Abschwung - seit Monaten gibt es diese Sorgen, jetzt stützt sie der Internationale Währungsfonds mit konkreten Zahlen. Schuld daran soll auch US-Präsident Trump sein.
Hafen von Shanghai: "In drei Jahren könnte die globale Wachstumsrate negativ sein"
Hafen von Shanghai: "In drei Jahren könnte die globale Wachstumsrate negativ sein"

Hafen von Shanghai: "In drei Jahren könnte die globale Wachstumsrate negativ sein"

Foto: Qilai Shen / Bloomberg via Getty Images
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Donald Trump sprach unaufgefordert. "Der Wirtschaft geht es sehr, sehr gut", proklamierte er, noch bevor ihm die Reporter vor dem Weißen Haus eine Frage gestellt hatten. "Wir sehen Zahlen von Konzernen, die alle Erwartungen übertreffen. Die Steuersenkungen klappen sehr, sehr gut. Wir sind sehr stolz auf die Wirtschaft."

Doch natürlich ist es, wie so oft, viel komplizierter. Das zeigte sich zur selben Stunde zwei Straßen weiter, im flaggengeschmückten Glaspalast des Internationalen Währungsfonds (IWF), der sich dort zu seinem Frühjahrstreffen versammelt hat.

"In drei Jahren könnte die globale Wachstumsrate negativ sein", warnte IWF-Manager Tobias Adrian, als er den globalen Finanzstabilitätsbericht vorlegte, einen durchwachsenen Ausblick auf die Weltwirtschaft mit kaum verklausulierten Seitenhieben auf Trumps Politik. "Es gibt keinen Spielraum für Selbstzufriedenheit."

Rosige Rhetorik und raue Realität klaffen oft auseinander, doch selten so wie dieser Tage. Je länger die Boom-Zeiten währen, desto akuter scheint die Angst vor dem nächsten Abschwung, der nächsten Krise, die man bloß nicht übersehen will wie damals, beim letzten Mal.

Und desto greller werden die Schönfärbereien derer, die von der Illusion eines ewigen Aufschwungs politisch profitieren. Zum Beispiel eben Trump, dessen Wiederwahl an der US-Konjunktur hängt. "Uns geht es wirklich gut", versicherte er.

"Eine kompetente Antwort auf einen Crash ist alles andere als sicher"

Aber nicht nur in den USA mehren sich die Warnsignale. Weltweit wachsen die Sorgen bereits seit dem vergangenen Herbst, und beherrschen inzwischen große Teile der Finanzwelt.

Spätestens seit dieser Woche lassen sie sich nun mit konkreten Zahlen stützen:

  • So senkten die IWF-Volkswirte die globalen Wachstumsprognosen für 2019 von 3,5 auf 3,3 Prozent - wegen "negativer Revisionen" für die EU, die USA, Kanada, Lateinamerika und Australien. 70 Prozent der Weltwirtschaft, so der neue World Economic Outlook (WEO) des IWF, werde dieses Jahr einen Abschwung erleben.

  • Für die USA sieht der IWF einen Abstieg von 2,9 Prozent Wachstum (2018) auf 2,3 Prozent (2019) und schließlich 1,9 Prozent im US-Wahljahr 2020. Das ist weniger als die Hälfte der von Trump versprochenen vier Prozent.

  • Das Wachstum in der Eurozone wird nach IWF-Ermessen von 1,8 Prozent (2018) auf 1,3 Prozent (2019) sinken und dann wieder leicht auf 1,5 Prozent (2020) steigen. In Deutschland läuft die Dreijahreskurve noch flacher: 1,5 Prozent (2019), 0,8 Prozent (2019), 1,4 Prozent (2020). Alle diese revidierten Zahlen liegen unter den ursprünglichen IWF-Prognosen vom Oktober vorigen Jahres.

"Die Weltwirtschaft befindet sich in einem heiklen Moment", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde in ihrer Auftaktrede zur Frühjahrstagung. Dazu bemühte sie auch den Wetterbericht: Letztes Jahr habe die Sonne geschienen, dann seien "Wolken am Horizont" aufgezogen, und heute sei die Lage "zusehends unbeständig".

IWF-Chefin Lagarde (l.) mit US-Präsident Donald Trump: "Politische Fehltritte vermeiden"

IWF-Chefin Lagarde (l.) mit US-Präsident Donald Trump: "Politische Fehltritte vermeiden"

Foto: Evan Vucci / AP

Kein Problem sei dabei so ausschlaggebend wie der Handel, sagte Lagarde. Wenn alle Zölle zwischen den USA und China um 25 Prozentpunkte angehoben würden, würde dies das jährliche Bruttoinlandsprodukt in beiden Ländern stark senken - in den USA um 0,6 Prozentpunkte, in China sogar um 1,5 Prozentpunkte. Das seien "potenziell selbstverschuldete Wunden" und "politische Fehltritte", die man vermeiden müsse.

"Es ist sehr wichtig, dass die politischen Entscheidungsträger es diesmal richtig hinkriegen", warnte auch IWF-Chefökonomin Gita Gopinath. Sie verwies ebenfalls auf Trumps Handelskrieg - namentlich die von ihm weiter angedrohten Autozölle, die zu "enormen Störungen der globalen Lieferketten" führen würden.

Darüber hinaus gibt es noch weitere Risikofaktoren:

  • Politische Wirren: IWF-Manager Adrian beschreibt weltweite Polarisierung, Populismus und den "Aufstieg autokratischer Führer" als "potenzielle Risiken" für die globale Finanzstabilität. "Die politische Unsicherheit hat historische Ausmaße erreicht", sagte er. Dabei müsse die Politik ausgerechnet jetzt schlau handeln, "so lange sie das noch kann". Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff ist pessimistisch: "Eine kompetente Antwort auf einen Crash ist alles andere als sicher", schrieb er im "Guardian".

  • Staatsverschuldung: Laut IWF liegt die weltweite Staatsschuldenquote inzwischen bei 250 Prozent der Wirtschaftsleistung - 30 Prozentpunkte höher als zu Beginn der letzten Krise. Der frühere IWF-Ökonom Desmond Lachman nennt das eine der "verstörendsten Verwundbarkeiten der Weltwirtschaft", verursacht durch die "ultra-unorthodoxe Geldpolitik" der Zentralbanken: "Die nächste Finanzkrise könnte schlimmer werden als 2008."

  • Risikodarlehen: Zuletzt häuften sich Berichte über eine wachsende Zahl an Risikodarlehen von Banken an bereits hochverschuldete Unternehmen. Jay Clayton, der Vorsitzende der US-Börsenaufsicht SEC, sagte am Montag, er sehe darin ein Echo der Zeit unmittelbar vor 2008, als der Markt die Verbindung zur Realität verloren habe. Bei einem Abschwung könnte das "eine verstärkende Wirkung" haben, warnte auch US-Zentralbankchef Jerome Powell schon im Februar.

Powell ist freilich der Letzte, auf den Trump im Moment hört. Aber das ist eine andere Geschichte .