Wichtige Chefsache - DER SPIEGEL
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REIFEN-INDUSTRIE Wichtige Chefsache

Offenbar fehlerhafte Lkw-Reifen verursachten schwere Unfälle. Michelin mußte fast 100 000 Pannen-Pneus austauschen.
• aus DER SPIEGEL 34/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei Kilometer 2,360 auf der Autobahn A 8 bei München 8 -- Ramersdorf kam im April ein mit Marmor beladener Lkw aus Österreich ins Schleudern, riß 40 Meter Leitplanke ab und säbelte zwei Bäume um.

Auf der Autobahn A 43 kurz vor Wuppertal geriet wenig später der Transporter der Spedition Imgrund aus Ginderich bei Wesel ins Schlingern, raste rechts die Böschung hoch und überschlug sich. Am Wagen entstand Totalschaden.

Nur der Fahrer aus Österreich wurde verletzt. Auch die Lkw-Halter könnten glimpflich davonkommen: Bei der Schadensregulierung, teilte die Reifenfirma Michelin den betroffenen Spediteuren mit, wolle sie sich ausgesprochen großzügig zeigen. Denn auf beiden verunglückten Lastern waren Reifen der Marke Michelin geplatzt.

Die Unfälle bei Wuppertal und München sind keine Ausnahmen. Seit Monaten müssen sich Polizeidienststellen mit Pannen und Unglücken befassen, in die Laster und Busse mit zerfetzten Michelin-Pneus verwickelt waren.

Auch die Fachhändler haben längst gemerkt, daß mit den Reifen des Typs 12 R 22.5 XZA etwas nicht stimmt. Immer häufiger mußten sie in den vergangenen Monaten zerplatzte Reifen des französischen Konzerns, der Nummer eins unter Europas Produzenten, zurücknehmen.

In mehreren Fällen ermittelt auch schon der Staatsanwalt. Durch Sachverständige wollen sie klären lassen, wie es zu den Unfällen kam.

Reifenexperten in München beispielsweise prüften die Reste eines Reifens, der am 7. Mai in Italien einen schweren Unfall auf der Autobahn bei Verona verursacht haben soll. Einem mit Milchpulver beladenen Sattelschlepper aus Forsting bei München war der Vorderreifen weggeplatzt, der Lkw raste gegen die Leitplanke, der Fahrer kam ums Leben. Jetzt muß vor Gericht geklärt werden, ob Michelin wegen eines Materialfehlers belangt werden kann oder ob beispielsweise Überladung den Reifendefekt ausgelöst hat.

Die Liste der Pannen mit dem Reifen 12 R 22.5 XZA war schon reichlich lang, als Michelin, am 21. Mai, schließlich reagierte. Einige Serien des beanstandeten Typs, schrieb Michelin-Vertriebschef Bernard Ungerer an seine Händler und Spediteure, seien »unter gewissen Einsatzbedingungen vorzeitig ausgefallen«.

Ungerer warnte eindringlich vor dem Gebrauch des eigenen Produkts: »Wir fordern Sie hiermit auf«, hieß es in dem als »wichtige Chefsache« deklarierten Schreiben, diese Reifen »unverzüglich abzumontieren«.

Fast 100 000 Pneus mußte Michelin nach Branchen-Schätzungen umtauschen. Doch beim Reifenwechsel war Michelin mindestens ebenso auf den Ruf der Firma bedacht wie auf die Sicherheit der Lkw.

Ihre Reifenprobleme nämlich hielten die Manager des französischen Konzerns bislang vor der Öffentlichkeit sorgfältig verborgen. Statt öffentlich auf ihr gefährliches Produkt hinzuweisen, schickten sie rund 10 000 schriftliche Warnungen an Reifenhändler und Fuhrunternehmer. Zusätzlich setzte die Firma Vertreter zu den einzelnen TÜV's und den Lkw-Produzenten in Marsch.

Bei der Konkurrenz war das bislang anders; mehrere Reifenfirmen mußten bereits in öffentlichen Appellen und in Zeitungen vor dem Gebrauch ihrer Produkte warnen. Conti nahm 1976 100 000, Veith-Pirelli 200 000 Pkw-Reifen zurück. Auch Metzler und Firestone sahen sich schon zu Rückrufaktionen genötigt.

Michelin war allerdings nicht zu einer öffentlichen Warnung wegen seines Pannenprodukts verpflichtet. Denn Bestimmungen, die den Produzenten zu Rückrufaktionen zwingen, gibt es hierzulande -- im Gegensatz zu Frankreich -- nicht.

Den Münchner Automobilklub ADAC, der besorgt bei Michelin in Karlsruhe anfragte, versucht die Firma mit dem Hinweis auf ihre umfangreiche Kartei zu beruhigen. Alle Michelin-Kunden würden erreicht, versicherte das Unternehmen. Bei der Aktion seien keine Kosten und Mühen gescheut worden. Michelin-Vertreter, die regelmäßig Händler und Fuhrunternehmer besuchen, sorgten für den notwendigen Reifentausch.

Nicht immer allerdings macht die Kundschaft mit. Manchen Fuhrunternehmern scheint es gleichgültig zu sein, mit welchen Reifen ihre Fahrer über S.73 die Autobahnen donnern: Die Umtauschaktion ist ihnen zu teuer.

Denn Michelin behebt die Panne nicht umsonst. Die Firma vergütet nur den Schätzpreis des abgefahrenen Reifens, die Differenz muß der Eigentümer tragen.

Die meisten ausländischen Kunden will Michelin in seine Blitzaktion nicht einbeziehen. Nur die Holländer wurden vor dem gefährlichen Reifen gewarnt. In allen anderen Ländern, argumentiert der Marktführer, würden die Reifen wegen der kurzen Autobahnstrecken nicht so beansprucht wie auf dem dichten Schnellstraßennetz hierzulande.

Zwar weiß auch Michelin, daß täglich Tausende von ausländischen Lkw auch auf den deutschen Autobahnen fahren. Aber eine Umtauschaktion in ganz Europa könnte der Konzern kaum verkraften. Schon beim Reifenwechsel in der Bundesrepublik und den Niederlanden gab es Probleme.

Das Michelin-Werk in Homburg an der Saar war schlagartig an der Kapazitätsgrenze angelangt. Die Michelin-Fabriken in Karlsruhe, Bad Kreuznach, Hallstadt bei Bamberg und Trier, die Pkw-Reifen herstellen, sind ab September auf Kurzarbeit gesetzt, die Produktion von Lkw-Reifen in Homburg dagegen läuft auf Hochtouren.

Mit Verbitterung beobachtete die Konkurrenz, daß Michelin somit aus der Produktpanne sogar noch Nutzen zog. Bei der Umtauschaktion unter Ausschluß der Öffentlichkeit konnte das Unternehmen der Kundschaft auch gleich neue Reifen verkaufen -- und so seinen Marktanteil von knapp 40 Prozent im Lkw-Bereich auf Jahre festigen.

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