REIFEN-INDUSTRIE Wirklich besser
John Nevin genießt in den USA nicht gerade den besten Ruf. »Der Liquidator« wird der Chef des amerikanischen Reifenherstellers Firestone genannt, seit er acht Fabriken geschlossen und etwa die Hälfte der einst über 100 000 Arbeitsplätze gestrichen hat.
Sein schlechtes Image glaubte Nevin nun nachhaltig verbessern zu können. Für eine Milliarde Dollar will der Firestone-Chef 75 Prozent seines Reifengeschäftes an den japanischen Hersteller Bridgestone verkaufen. Davon, schwärmt Nevin, »profitieren alle« - Aktionäre, Mitarbeiter und Kunden.
Mit den Bridgestone-Managern war Nevin schon handelseinig, und seine eigenen Aktionäre, dachte er, würden ganz sicher mitspielen: Beim Verkauf könnten sie ein Schnäppchen machen.
Doch dann mußte Nevin in der Zeitung lesen, daß aus seinem Plan wohl nichts wird. Mit einer Anzeige im »Wall Street Journal« bot der italienische Produzent Pirelli den Firestone-Aktionären 58 Dollar für jeden Anteilsschein. Pirelli-Chef Gianbattista De Giorgi lockt: »Unser Angebot ist wirklich besser als das von Bridgestone.«
Pirelli und Bridgestone streiten sich nun um die amerikanische Firma, als würden in deren Fabriken keine schwarzen Kautschukprodukte, sondern Geldscheine hergestellt.
Die beiden Kaufinteressenten wissen, warum sie so hoch um die teilweise veralteten Firestone-Werke pokern. Der Gewinner steigt durch den Deal zum drittgrößten Reifenhersteller der Welt auf, nach Goodyear und Michelin. Er sichert sich damit eine Position, die gute Aussicht bietet, den globalen Wettbewerb der nächsten Jahre heil zu überstehen.
Stärker noch als in der Autoindustrie erlebt die Reifenbranche einen Konzentrationsprozeß, der über die kontinentalen Grenzen hinausreicht. In wenigen Jahren, das wissen alle Reifenmanager, werden ein paar Konzerne weltweit das Geschäft beherrschen. Überlebenschancen hat nur, wer auf den wichtigsten Märkten, in den USA, in Asien und in Europa, eigene Produktionsstätten besitzt.
Die Sicherung solcher Märkte zwingt die Manager von Pirelli und Bridgestone in den Kampf um Firestone. Bridgestone beherrscht zwar klar den japanischen Heimatmarkt. In den USA und Europa konnte sich die Firma aber noch nicht voll durchsetzen.
Da half es wenig, daß der Firmengründer seinen Familiennamen Ishibashi (deutsch: Steinbrücke) frühzeitig ins Englische übersetzte und die Reifen unter dem Namen Bridgestone anbot, damit niemand auf die Idee käme, es handle sich um Ware aus Fernost.
Die Autohersteller in den USA und Europa statten ihre Neuwagen vorzugsweise mit den Pneus jener Hersteller aus, die auf ihrem Kontinent produzieren. Diese Einkaufspolitik soll die schnelle und pünktliche Lieferung, möglichst direkt ans Fließband, sichern. Bridgestone aber stellt fast ausschließlich in Japan her.
Für eine Milliarde Dollar, so hofften die Japaner nun, könnten sie Firestone-Fabriken in den USA und Europa erwerben und dann auch mit den dort ansässigen Autoproduzenten ins Geschäft kommen. Hinzu kommt: Japanische Fahrzeughersteller wandern mit ihrer Produktion in die USA und nach Europa aus. Bridgestone muß mitziehen, oder die Firma verliert ihre Stammkunden.
Pirelli hat schon mehrmals versucht, mit Firestone anzubandeln. Die Italiener, stark auf dem europäischen Markt, sind vor allem an Produktionsstätten in den USA interessiert. »Wir müssen überall vertreten sein«, hat Pirelli-Chef Giorgi erkannt, »weil die Autoindustrie überall ist.«
John Nevin ließ den Pirelli-Chef stets abblitzen. Entsprechend verärgert war Giorgi, als er erfuhr, daß Firestone nun mit dem japanischen Konkurrenten einig geworden war. Da hatte Giorgi »keine andere Wahl«, als den Aktionären direkt ein Übernahmeangebot zu machen: Nur so kann er den geplanten Verkauf an Bridgestone verhindern.
Den Pirelli-Leuten geht es nicht allein um die USA. Sie finden es gar nicht gut, daß die Japaner mit Firestone auch zum direkten Konkurrenten in Europa würden. Da trifft es sich gut, daß dies auch Michelin, führend in Europa und zweitgrößter Hersteller weltweit, mißfällt. Die Franzosen spielen das Reifenmonopoly mit und unterstützen die Italiener beim Kampf um Firestone.
Pirelli ist nicht so finanzstark, daß die Firma die knapp zwei Milliarden Dollar, die ihr Übernahmeangebot wert ist, mal eben vom Konto abbuchen könnte. Michelin wird deshalb, wenn Pirelli Firestone übernimmt, den Italienern einen Teil der Neuerwerbung sofort für 650 Millionen Dollar abkaufen.
Wie das Spiel um Macht und Marktanteile am Ende ausgeht, wie die beiden Firmen sich das ausgedacht haben, ist noch völlig offen. Die Europäer haben das Rennen noch längst nicht gewonnen. Die Bridgestone-Manager in Tokio prüfen derzeit, ob sie die Offerte von Pirelli überbieten.
Die Manager der Deutschen Conti verfolgen das Gefeilsche mit gemischten Gefühlen: Wer auch immer Firestone übernimmt, er wird damit mächtiger als die Firma in Hannover. Dabei hatte Conti erst vor kurzem für 650 Millionen Dollar den US-Hersteller General Tire gekauft und damit Rang vier der internationalen Reifenliga erreicht. Gegen die neue Machtzusammenballung
werden es die Hannoveraner aber sehr schwer haben.
Unruhig dürfte auch Firestone-Chef John Nevin das Ganze verfolgen. Gewinnt Bridgestone, kann er auf seinem Posten bleiben. Gewinnt Pirelli, wird sein Anstellungsvertrag wohl nicht mehr viel wert sein.
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DIE REIFEN-MULTIS Reifenumsatz der sechs größten Hersteller 1986 in Milliarden Dollar
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