Wirtschaftsrückblick Als die Ära der Mickerzinsen begann
Familie am Silvesterabend 2009 in New York: Wie wird das neue Jahr, das neue Jahrzehnt?
Foto: Mike Segar/REUTERSHuch, das ging aber schnell. Erst stand Weihnachten viel früher vor der Tür, als man das irgendwie im Gefühl hatte, und jetzt ist es schon wieder rum. So wie das ganze Jahr, das wird einem ja jetzt erst so richtig bewusst, in diesen gedehnten Tagen bis Silvester. Sicher, im Fernsehen liefen schon vor Wochen diese ganzen Rückblicke, aber die passten so stimmungsmäßig gar nicht zur hektischen Adventszeit. Weihnachtsgeschenke, Projektabschluss im Büro, noch schnell zur Aufführung des Schulchors, ach, und Plätzchen haben wir auch noch nicht gebacken.
Aber eigentlich ist ja immer so viel los, so ganz allgemein, wir Journalisten jedenfalls haben die Suche nach dem Sommerloch inzwischen aufgegeben, das ist irgendwann im Laufe dieses Jahrzehnts einfach verschwunden und kommt wohl auch nicht wieder, allein hier im Wirtschaftsressort halten uns Brexit, Handelskriege, GroKo-, Klima- und Konjunkturkrisen rund um die Uhr auf Trab und... Moment mal: im Laufe dieses Jahrzehnts?
Ach du meine Güte. Das ist ja auch schon wieder vorbei. Ein ganzes Jahrzehnt!
Wie war das denn eigentlich damals, als diese Zehnerjahre noch unmittelbar bevorstanden? Welche Themen, Krisen und Trends waren damals heiß diskutiert und umstritten in der Wirtschaft und in der Sozialpolitik - und was ist daraus in dieser Dekade geworden?
Gut, dass wir jetzt Zeit und Muße haben. Gleich mal im Archiv nachsehen, worüber wir im Wirtschaftsressort des SPIEGEL in jenem Dezember 2009 online berichtet haben... ach, das ist ja witzig, da muss eine aktuelle Meldung versehentlich rückdatiert worden sein, schließlich hatten wir zu dem Thema doch gerade erst eine SPIEGEL-Titelgeschichte ... ah, nein, das war wirklich vor zehn Jahren: "Staatliche Bank-Garantien verderben Sparzinsen".
Dezember 2009: Willkommen in der Ära der Mickerzinsen...
Ebenfalls ein großes Thema waren schon damals die Staatsfinanzen - nur offenbar ein bisschen anders als heute: 2009, die deutsche Wirtschaft schrumpfte in der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit um 5,6 Prozent, pumpte der Bund Milliarden und Abermilliarden in marode Banken und die Abwrackprämie - und plante allein für 2010 mit hundert Milliarden Euro neuen Schulden, für die Folgejahre sahen die Aussichten nicht viel besser aus, weshalb wir deprimierende Berechnungen anstellten, was der Staat mit den anfallenden Zinsen so alles hätte finanzieren können, und die gerade erst angetretene schwarz-gelbe Koalition ihre Steuersenkungspläne wenig später begraben sollte.
Dezember 2009: Das Problem - zu viele Staatsschulden:
Heute bettelt ein SPD-Finanzminister angesichts vieler liegen bleibender Fördermilliarden ("Bitte nehmt das Geld!"), steht in der Kritik, weil der Staat seit vielen Jahren Überschüsse anhäuft, statt das Land mit einem 500-Milliarden-Investitionsprogramm auf Vordermann zu bringen, wie es sowohl die eigene linke Parteiführung als auch wirtschaftsnahe Ökonomen einträchtig fordern. Schulden sind zwar immer noch eine große Gefahr für Deutschlands Zukunft - aber inzwischen eben dann, wenn man sie nicht macht.
2019: Keine Staatsschulden sind das Problem...
Apropos lange vergessene Sorgen: Kurz vor Beginn der nun endenden Dekade erwarteten alle - wirklich alle, von der Regierung über die Wirtschaftsforschungsinstitute und die Gewerkschaften bis hin zum Chef der Arbeitsagentur - die Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit. Stattdessen schufen die Betriebe von da an jedes Jahr im Schnitt 500.000 neue Jobs, die immer neuen Rekordtiefstände bei der Arbeitslosigkeit werden inzwischen als Naturgesetz wahrgenommen, und Sorge bereitet nun eher die Frage, ob das Land künftig noch genug Arbeitskräfte haben wird.
Dezember 2009: Horrorszenarien für den Arbeitsmarkt
Die Hartz-IV-Debatten sind uns aber über all die Jahre erhalten geblieben, wenngleich die Stoßrichtung im Dezember 2009 noch eine andere war. Da forderte der damalige Chef der Wirtschaftsweisen, eine Arbeitspflicht für Bezieher einzuführen und ansonsten den Regelsatz um 30 Prozent zu kürzen. Wochen darauf sprach FDP-Vizekanzler Guido Westerwelle im Zusammenhang mit Hartz IV von "spätrömischer Dekadenz" und "anstrengungslosem Wohlstand", und später geriet das Bildungspaket für Kinder deshalb so bürokratisch, weil Unionspolitiker Hartz-IV-Eltern pauschal unterstellten, sie würden das den Kindern zugedachte Geld ansonsten versaufen und verrauchen. Der SPIEGEL mahnte übrigens schon vor zehn Jahren an, was heute immer noch dringend nötig wäre: Eine "tiefgreifende Reform des Niedriglohnsektors" hin zu auskömmlichen Löhnen - eine Art Hartz V.
Dezember 2009: Hartz-Debatte - aber anders als heute
Als eher kleines Problem erschien im Dezember 2009 übrigens Griechenland - auch wenn Zweifel an den gemeldeten Schuldenzahlen den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu einer ersten Prüfmission nach Athen führten. Das bekomme die EU schon ohne IWF in den Griff, dachte man in Berlin.
Nun ja, es kam ein wenig anders. Der IWF wurde schon bald Teil der bei den Griechen verhassten Troika, Griechenland ging pleite, Irland, Portugal, Spanien und Italien ebenfalls fast, die Eurokrise verelendete Südeuropa. Brüsseler Gipfelkrimis, Varoufakis, Grexit-Drohungen, gigantische Kreditpakete, noch größere Rettungsschirme. In Deutschland formierten sich Eurogegner in einer neuen Partei, man hat ja schon fast vergessen, dass die vor zehn Jahren noch gar nicht existierte.
Dezember 2009: Ein Problemchen namens Griechenland...
Dafür gab es damals noch manches, was heute nicht mehr da ist: Die Versandhandelslegende Quelle zum Beispiel (allerdings nur noch den halben Dezember 2009 lang), einen Handy-Weltmarktführer namens Nokia, Opel-Werke in Bochum. Und ganz viele leer stehende Wohnungen.
Ach ja. What a difference a decade makes.