Der Öko-TÜV
Sie kommen nachts, im Tarnanzug, auf dem Kopf eine Stirnlampe. Ein Kamerateam begleitet sie. Einer der Männer kniet im Unterholz. Er dreht sich nach Verfolgern um. Die Szene sieht nach einem Einsatz in Afghanistan aus, doch sie spielt in Velbert, Nordrhein-Westfalen. Der Mann flüstert: »Man kann davon ausgehen, dass hier keine Hühner rumlaufen.«
Es sind vorletzte Beweise wie diese, die die für ihr Über-Engagement berüchtigten Aktivisten der Tierschutzorganisation Peta im Bergischen Land sammelten. Dort, auf einem Hügel, steht ein riesiger Stall mit 20 000 Legehennen. Er gehört dem »Hühnerbaron« Richard Hennenberg und seinem Sohn Andreas.
»Bio« sollen die Hühner und deren Eier sein, obwohl es im Stall nicht danach aussieht: In einer Dunstglocke aus Ammoniak hocken Tausende Hühner mit schütterem Gefieder so dicht aufeinander, dass sie sich kaum drehen können. Es ist der größte Biostall in Nordrhein-Westfalen. Nach der EU-Bioverordnung ist diese Lagerhaltung zulässig - wenn jedes Tier auch vier Quadratmeter Auslauf hat. Doch die nötigen 80 000 Quadratmeter sind nicht vorhanden. Flugs rechneten die Hennenbergs eine Waldfläche hinzu - die allerdings war laut Forstamt nicht für eine derartige Massentierhaltung zugelassen.
Die »taz« sah Anfang September einen »neuen Skandal« auf die Ökoszene zurollen. Eier und Fleisch gelten als Achillesferse der Branche. Hier sind die Gewinnmargen besonders hoch, hier sind, über Futterpantscherei und Schummelei bei der Tierhaltung, Mauscheleien schwer zu ahnden. Und hier tummeln sich oft die Landwirte, die nebenher auch mit konventioneller Ware handeln - wie etwa Berthold Franzsander. Anfang des Jahres kam heraus, dass der Geflügelzüchter aus Delbrück seine vermeintlichen Bioputen an den Kontrolleuren vorbei in großem Stil mit konventionellem Futter schlachtreif gepäppelt hatte.
Franzsander selbst zeigte Reue: »Ich habe Fehler gemacht, und es tut mir aufrichtig leid«, schrieb er seinen Kunden. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld wegen Betrugs.
Auch gegen Hennenberg wird inzwischen ermittelt - wegen des Verdachts auf Verbrauchertäuschung. Wurden Bioeier verkauft, die gar keine waren?
Bestätigt sich dieser Verdacht, dann hätten sich Hennenbergs durch die missbräuchliche Verwendung des Biosiegels einige hunderttausend Euro Profit erschlichen.
Richard Hennenberg, 62, ist seit Jahrzehnten in der Eierbranche tätig. Zu seinem Legebatterien-Imperium gehören 700 000 Hennen - die meisten von ihnen in qualvoller Enge gehalten, ohne Tageslicht, ohne Auslauf.
Doch seit dem Einstieg der Discounter vor nahezu einem Jahrzehnt boomt Bio. Und weil das Standard-Bio nach EU-Verordnung (siehe Kasten) problemlos industriell zu machen ist, gründete auch Hennenberg Biobetriebe, in denen er seine Hühner mit zugekaufter Ökokost füttert, um sie teuer zu vermarkten.
Den Betrugsvorwurf weist Hennenberg weit von sich. Tatsächlich hatten die Ökoqualitätskontrolleure trotz des Auslaufproblems seinen Stall in Velbert durchgewinkt. Sohn Andreas gibt allerdings »Fehler« zu und will die Waldnutzung nachträglich legalisieren.
»Solche Fälle«, so Biozertifizierer Jochen Neuendorff aus Göttingen, Chef des Verbands der EU-Ökokontrolleure in Deutschland, »untergraben unsere Glaubwürdigkeit.« Risikobetriebe wie Hennenberg müssten neben der normalen Kontrolle »mindestens zwei- bis dreimal pro Jahr unangemeldet Besuch bekommen«.
Deutsche Ställe mit 20 000 Hühnern, thailändische »Bio«-Shrimps, für deren Züchtung Mangrovenwälder gerodet werden, und ganze Landstriche in Spanien, die unter Plastikgewächshäusern für Biotomaten verschwinden - kann das wirklich alles Bio sein? Seit mit dem sechseckigen Siegel richtig Geld zu verdienen ist - in Deutschland setzte die Branche 2008 rund 5,8 Milliarden Euro um -, scheinen die Ökos auf dem Weg zu jenen, gegen die sie einst antraten.
Dennoch: Die Sorge vor flächendeckendem Biobetrug ist unbegründet. Kaum ein Nahrungsmittel wird inzwischen so gründlich durchleuchtet wie Bioware. Maria Roth, Leiterin des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes in Stuttgart, untersucht seit sieben Jahren Bioprodukte in einem Ökomonitoring, einem bundesweit einmaligen Projekt. Die Pestizidbelastung bei konventionellem Obst und Gemüse sei »signifikant« höher als bei Bioprodukten, bescheinigt Roth, »und zwar um den Faktor 50 bis 100«.
»Bio ist tatsächlich gesünder«, so die Chefin der Behörde, die als staatliche Einrichtung nicht im Verdacht des Ökolobbyismus steht.
So engmaschig wie heute war das Kontrollsystem nicht immer. Früher reichte es, wenn der eine Demeter-Bauer beim anderen eine Bodenprobe nahm und die esoterische Gesinnung abklopfte. Auch das heutige Prüfsystem baut noch immer zuallererst auf Vertrauen. Unter die Lupe genommen werden nicht die Produkte, sondern die Unternehmen.
Die Biokontrolle ist eine Plausibilitätsprüfung. Kontrolliert wird ein Prozessversprechen - die Verpflichtung, grundsätzlich keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel zu spritzen, pfleglich mit den Tieren umzugehen und zu mindestens 95 Prozent Biofuttermittel zu verwenden. 22 private Firmen, die vom Staat überwacht werden, sind derzeit als Prüfstellen zugelassen. Einmal im Jahr muss sich jeder Produzent, Weiterverarbeiter oder Großhändler von einer Kontrollstelle seiner Wahl testen lassen.
Die Kontrolle besteht aus dem Augenschein vor Ort und einer akribischen Dokumentenprüfung. Stimmt die Anbaufläche mit der Produktionsmenge überein, die Zahl der Hühner mit den verkauften Eiern? Ist der Warenfluss schlüssig? Passt die Menge an Tierfutter zur Größe des Viehbestands? Wenn Unterlagen fehlen, folgen Sanktionen: unangekündigte Besuche, schlimmstenfalls die Sperrung des Betriebs.
Doch mit dem Bioboom und dem Einstieg der Discounter wurde Öko global. Und damit anfälliger für Schmu.
Im Fokus von Zertifizierern und Ökofunktionären stehen dabei Händler aus Italien und China. Seit in der Volksrepublik Bio zum Staatsziel erklärt wurde, hat sich die Anbaufläche dort auf sagenhafte 1,6 Millionen Hektar vergrößert.
Rainer Bächi von der Schweizer Kontrollstelle Imo beispielsweise prüft seit Jahren Biogetreide, -soja und -gemüse in China. Die Schwierigkeit mit der Ware aus Fernost? »Dass nach unserem Realitätsverständnis nichts stimmt«, sagt Bächi. »Die Chinesen unterschreiben Ihnen alles.« Mehrfach wurden in den vergangenen Jahren Einfuhren aus der Volksrepublik nach Japan und Europa gestoppt wegen Schadstoff-Belastungen, Antibiotika-Rückständen oder gar radioaktiver Kontamination.
In Vietnam sollte die Imo eine Gruppenzertifizierung von 1200 Kleinbauern vornehmen, die Bioshrimps züchteten, berichtet Bächi. Er beanstandete die verbotene Rodung von Mangrovenwäldern für die Shrimpsbecken. »Da haben die uns gedroht, die Kontrollstelle zu wechseln.« Gerade in Schwellenländern fehlt den Erzeugern das Fachwissen und oft auch das Verständnis für die strengen Regeln. Kontrollkollege Neuendorff, der viel im Ausland prüft, rät seinen Mitarbeitern, in Verschlägen und Scheunen nach Pestizidpumpen zu schauen.
Als Risikoregion in Europa gilt Sizilien. Im Jahr 2006 etwa inspizierte die Kontrollstelle Ecocert dort 2087 Betriebe, in 601 Fällen kam es zu Sanktionen. Biobauer und Gemüsehändler Rainer Carstens, der große Einzelhändler in Schleswig-Holstein mit Möhren und Salat beliefert, nahm dies zum Anlass, vor Ort selbst nachzusehen. Er reiste auf die Insel und zog bei vier seiner Zulieferer Frucht- und Bodenproben. »Da war alles drin, was man spritzen kann, Fungizide, Herbizide und Insektizide«, so Carstens. Sogar DDT fand sich in der Erde. Die Befunde meldete er an seine Kontrollstelle, die schickte sie nach Italien weiter - wo die Sache versickerte.
Grund genug, zur alten Ökoforderung »Kauft regional« zurückzukehren? Tatsächlich liegt die Beanstandungsquote für deutsches Obst und Gemüse regelmäßig deutlich unter den Mängelquoten aus Südeuropa. Da aber die heimischen Erzeuger nicht zu jeder Jahreszeit all das liefern können, was die Kunden wollen, wird getestet, was die Labore hergeben. Alle ziehen Proben: Großhändler, Verarbeiter und Einzelhändler. Die Discounter wollen nicht auch noch mit Bioware das Pestizid-Fiasko erleben, das ihnen Rechercheure von Greenpeace schon mehrfach bei konventionellen Produkten nachwiesen.
Dass etwa jede Salamischeibe und jede Tomate auf seiner »Bio-Pizza« auch wirklich Bio ist, sichert Tiefkühlpizza-Marktführer Wagner mit einem ausgetüftelten Kontrollsystem ab. Von jeder Charge werden Proben genommen, Lieferanten kennt man meist seit Jahren. Die Biotomaten aus der Emilia Romagna und der Lombardei wachsen im Freiland statt unter Plastik, die Ernten werden teilweise mehr als ein Jahr im voraus geordert. Den Schinken auf seinem Bioflammkuchen kann Wagner angeblich bis in den Stall des Ökosauenhalters im Schwarzwald nachverfolgen.
Auch die Einzelhändler rüsten sich: Um seine Eigenmarken (darunter Bio-Wertkost) zu sichern, baut Edeka gerade eine Obst-und Gemüsedatenbank auf, auf der jeder einzelne »Ausschlag« bei einem Lieferanten zu sehen sein wird. Wer Pestizid-Toleranzgrenzen überschreitet, fällt sofort auf.
Jahrzehntelange Erfahrung mit Bioprodukten hat der hessische Großhändler Tegut der anthroposophischen Gründerfamilie Gutberlet. Andreas Swoboda ist seit 14 Jahren im Unternehmen und leitet das Qualitätsmanagement mit 30 Mitarbeitern. Sicherheit, so Swoboda, erreiche Tegut nicht nur durch das firmeneigene Fleisch- und Backwerk. Für die übrigen Lieferanten - etwa von Obst und Gemüse - gelte eine Risikoskala. Schlichtes Prinzip: Die Kontrollen steigen mit der Kilometerzahl zum Lieferanten. »Je weniger Einfluss wir auf den Prozess haben, desto öfter testen wir die Ware«, so Swoboda.
Schlecht für schwarze Schafe ist auch das Biomonitoring des Branchenverbands BNN. Seit sechs Jahren gibt diese Info-Börse Auskunft über die Qualität der Erzeuger. »Das hat zu einer deutlichen Bereinigung im Markt geführt«, so Manon Haccius von Alnatura, einer der umsatzstärksten Biomarken (siehe Seite 82).
Zusätzliche Sicherheit versprechen sich die Qualitätsmanager von Tegut und Alnatura auch durch möglichst viel Ware der acht deutschen Anbauverbände. Denn während das staatliche Bio-Siegel, das inzwischen auf über 40 000 Produkten klebt, nur Biomindeststandards sichert, folgen Demeter, Bioland oder Naturland strengeren Regeln (siehe Kasten Seite 68/69).
Ihre Mitgliedsbetriebe müssen komplett auf Bioproduktion umstellen. Futter für ihre Tiere müssen die Verbandsbauern in der Regel zur Hälfte selbst herstellen - bei EU-Bio wird fast alles zugekauft. Als Gütegarantie gilt auch die soziale Kontrolle innerhalb der Verbände.
Naturland etwa grenzt sein verbandseigenes Premium-Bio durch die Kampagne »Bio mit Gesicht« vom massenhaften Billig-Bio ab. Per Produktcode kann der Kunde im Internet den jeweiligen Produzenten seiner Ware finden - und sich per Diashow etwa die Tierfütterung ansehen.
Einen Vollkaskoschutz gegen Betrug bietet jedoch auch ein Bioverband nicht. Putenmäster Franzsander galt als einer der Pioniere von Bioland. Doch durch die soziale Kontrolle des größten deutschen Anbauverbands rutschte er irgendwie hindurch - wie durch alle anderen Überprüfungen auch.
Aufgeflogen ist der Betrug des Geflügelzüchters nicht durch dessen zuständige Kontrollstelle Abcert. Es war ein Prüfer des staatlichen Landesamts für Verbraucherschutz, dem bei einer Kontrolle eines konventionellen Mischfutterbetriebs der Name des Biopioniers auffiel - rein zufällig.
»Franzsander hat beschissen«, sagt Bioland-Chef Thomas Dosch. Er habe konventionelle und biologische »Parallelwelten« aufgebaut, den Betrieb verschachtelt und mit mehreren Prüffirmen gearbeitet. »Das war mit keinem Kontrollsystem zu knacken.«
Bioland und die Abcert gaben im Franzsander-Fall aber auch selbst keine gute Figur ab: Nicht nur, dass die Leute von Abcert - die Kontrollstelle ist eine hundertprozentige Tochterfirma von Bioland - mitunter vor verschlossenen Türen standen. Der Putenmäster pochte offenbar auf die fragwürdige Kontrollregel, dass der Betriebsleiter anwesend zu sein habe. Wenig überzeugend wirkte zudem, dass Bioland mit Franzsander eine Firma zur gemeinsamen Vermarktung von Eiern betrieben hatte.
Die Furcht vor Betrug treibt inzwischen kuriose Blüten. Sogar eine 24-Stunden-Überwachung von Ökohöfen übers Internet wird diskutiert. Bioland-Chef Dosch spricht von »Rasterfahndung«.
Tatsächlich geraten in der Diskussion die Risiken der konventionellen Landwirtschaft fast gänzlich aus dem Blick. Anders als dort scheint in der deutschen Ökobranche trotz aller Rationalisierung nämlich so etwas wie ein gesunder Gründergeist überlebt zu haben.
»Wenn Sie in der Biobranche auf Mängel stoßen«, so die Stuttgarter Lebensmittelkontrolleurin Roth, »dann werden die abgestellt.« Bei konventionellen Produkten könnte ihr Labor alles mögliche rügen. »Ändern tut sich da wenig.«