Im Bergland von Chile wachsen Gletscher – ganz gegen den weltweiten Trend, der klimawandelbedingt einstmals ewiges Eis rapide schwinden lässt. Allerdings entstehen sie nicht von allein, der Mensch muss nachhelfen. Außerdem ist ihre Größe überschaubar. Das gewaltige Ausmaß natürlicher Eisriesen werden sie nie erreichen. Dennoch sollen sie als künstliche Wasserspeicher dienen.
[Ortsmarke: Valle de las Arenas, Chile]
Roberto Lara, Bauingenieur beim Nilus-Projekt:
»Wir entnehmen das Wasser hier im Arenas-Park, wo unser erster Prototyp steht. Dann wird es innerhalb des Kegels nach oben gepumpt, wo es gefriert. Vor allem nachts, denn in Gebirgsregionen sind die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht besonders groß.”
Der Hintergrund: in den chilenischen Anden sorgt der Klimawandel nicht nur für stetige Gletscherschmelze, sondern auch für eine seit mehr als zehn Jahren andauernde Dürre, ähnlich wie im Westen der USA. Daher die Idee: Im Winter speichern die künstlichen Eiskegel das Wasser. Vom Frühjahr an geben sie es nach und nach als Schmelzwasser ab, das dann zur Versorgung der Menschen und Landwirtschaft in den angrenzenden Tälern genutzt werden kann. Dadurch steht zwar übers Jahr gesehen nicht mehr Wasser zur Verfügung als jetzt. Aber es lässt sich besser dosieren und so den Wassermangel in Trockenperioden zumindest lindern.
Roberto Lara, Bauingenieur beim Nilus-Projekt:
»Wir haben uns überlegt, dass wir Stupas mit einer Kapazität von etwa 2 Millionen Litern bauen wollen. Wenn wir 50 davon bauen, sind das 100 Millionen Liter Wasser, mit denen wir eine Gemeinde von 100.000 Menschen drei Monate lang versorgen können. Das haben wir berechnet, und wir hoffen, dass wir es nächstes Jahr schaffen werden.«
Das Vorbild der Kegel steht im Himalaya. Dort ersann ein indischer Ingenieur vor einigen Jahren die so genannte Eis-Stupa, die das chilenische Team aus Glaziologen, Wasserbauingenieuren und Geologen nun in etwas anderer Form nachbaut.
Enrique Gellona, Leiter des Nilus-Projekts:
»Wir haben das indische Projekt sozusagen adopiert, das war zweifellos eine Inspiration für uns. Ich glaube, ein Teil unserer Arbeit besteht darin, neue Generationen für den Umgang mit der Ressource Wasser und ihre Bedeutung zu sensibilisieren, aber auch andere Lösungen anzuregen. Lösungen, die auf der Natur basieren, denn ich glaube, dass solche Lösungen langfristig Bestand haben können und sich an die Ökosysteme und die Lebensweise der Menschen anpassen können.«
Funktioniert der Modellversuch und verbessert sich dadurch die Wasserversorgung der Region auch in der trockenen Jahreszeit, könnte das Valle de las Arenas zum Vorreiter werden. Dafür ist viel Geld nötig. Der eine bisher vorhandene künstliche Gletscher liefert nicht viel mehr Wasser als der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein.