Ein Samenkorn pflanzen
Die Jungs kommen zuerst. Sie stürmen in die Küche und ziehen sich blaue T-Shirts über. Darauf steht: »Botschafter der Region«. Kichernd trudeln die Mädchen ein, der Lärmpegel ist hoch. Schließlich sitzen alle an dem ovalen, großen Tisch und schauen den »Boss« erwartungsvoll an.
Der Boss heißt Stefan Kannemann, und er beginnt, wie üblich, mit einer kleinen Wiederholung.
Wie viel Zuckerstücke sind in einer Cola? 40, sagt Sabrina. Warum nehmen wir Meersalz? Weil es gesünder ist, sagt Tibor. Putenbrust? Hat wenig Fett. Pumpernickel ist haltbar und gesund. Muss es immer Butter sein? Nein, Pumpernickel, mit Sauerrahm bestrichen und Gemüse belegt, hmmm, sehr lecker.
Wer hat zu Hause eines unserer Rezepte probiert? Fünf Hände gehen in die Luft. Drei haben zu Hause einen gesunden Burger, zwei für ihre Eltern einen Obstsalat zubereitet.
Sehr gut, lobt der Boss. Nächste Frage: Woher kommt das Wort Sandwich?
Von einem englischen Grafen, das war der Earl of Sandwich, sagt Antonia. Der ließ sich zusammengeklappte Brote machen, damit er sein Kartenspiel nicht unterbrechen musste. Richtig, lobt der Boss. So weit, so gut. Heute soll es Fischcurry geben, mit Reis und gemischtem Salat.
Konzentriert und eifrig machen sich etliche der Kinder daran, Zwiebeln, Paprika, Möhren, Lauch und Zucchini zu schnippeln. Die anderen putzen Gurken und zerzupfen Salat.
Kochen ist schön, macht aber viel Arbeit - trotzdem ist Kochen das neue, aufregende Hobby der Kinder. Begonnen hat alles damit, dass Heidi Haenisch, Rektorin an der Grundschule Jenaer Straße in München-Moosach eines Tages ein Angebot erhielt von der »Sarah Wiener Stiftung«. Ob sie Lust hätte, den Kindern einen Kochkurs anzubieten?
Haenisch hatte Lust. »Nichts ist schlimmer, als anregungsarm aufzuwachsen«, sagt sie. 60 Kinder meldeten sich, Platz ist nur für 12. Es sind Viertklässler zwischen neun und zwölf Jahren. Stefan Kannemann, Koch aus Leidenschaft und Vater einer Schülerin, erklärte sich sofort bereit, den Kurs zu leiten. Unterstützt wird er dabei von Lehrerin Gabriele Lemcke und der engagierten Mutter Sabine Schandl.
Anfangs stellten Kannemann und sein Team fest, dass viele Kinder weder Kohlrabi, Basilikum noch krause Petersilie kannten und Pflaumen für Aprikosen hielten. Inzwischen ist der Koch vom Lerneifer und Engagement der Kinder begeistert. Vor einigen Wochen gab es Gemüsesticks mit Dip. Das essen die nie, sagten einige Lehrer. Von wegen: »Alles weggeputzt«, sagt Kannemann.
Er weiß auch, warum: Gemüse und Salat mögen viele Kinder nicht, richtig, das sieht aber anders aus, wenn sie daraus ein Gericht selbst zubereitet haben. »Das eigene Tun macht selbstbewusst«, sagt Kannemann. »Und zu Hause die eigenen Eltern zu bekochen macht stolz und ungeheuren Spaß.«
Hantieren mit Messern und Küchengeräten, immer neue Geruchs-, Tast- und Geschmackserlebnisse, den Tisch decken und gemeinsam essen, all das gehört zum wöchentlichen Ritual. »Handelndes Lernen« nennt Haenisch das, die Kochkurse wirkten in die Familien hinein, und das sei gut. Denn in vielen Familien wird kaum noch gekocht und selten zusammen gegessen. Leider.
Für viele Kinder bedeutet das: Zu viel Fett, zu viel Zucker, zu wenig Obst und Gemüse, zu wenig Bewegung. Jedes dritte Kind ist übergewichtig, verkündete kürzlich Familienministerin Ursula von der Leyen. Nach dem Kinder- und Jugend-Gesundheits-Survey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts mit mehr als 17 000 Teilnehmern sind derzeit 15 Prozent (knapp 2 Millionen ) der deutschen Kinder und Jugendlichen übergewichtig; 6 Prozent (800 000) sind adipös.
Das hat Folgen: Etwa 7 Prozent der Adipösen im Alter zwischen 9 und 20 Jahren leiden unter einem gestörten Glukosestoffwechsel, einer Vorstufe des Altersdiabetes, bei 1,5 Prozent liegt bereits eine handfeste Diabetes-Erkrankung vor.
Dazu kommen Essstörungen aller Art, sie finden sich bei jedem fünften Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren. Ein weiteres klares Ergebnis der KiGGS-Untersuchung: Fehlernährung und Übergewicht sind abhängig vom sozialen Umfeld, sprich vom Bildungsgrad der jeweiligen Familie.
Was tun? Eine Ernährungserziehung mit guter Kochpraxis muss her, dachte sich Starköchin Sarah Wiener. Im November 2007 gründete die Mutter eines erwachsenen Sohnes gemeinsam mit Alfred Biolek und Freunden die Sarah Wiener Stiftung. Ihr Motto: »Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen«. Sinn und Zweck der Stiftung: mit lustvollem Kochen unter Anleitung und einer verständlichen Ernährungslehre die Köpfe der Kinder »möblieren«.
Für Gründerin Wiener ist die Sache eine Herzensangelegenheit. »Viele Menschen essen Fertigprodukte mit Farbstoffen und Geschmacksverstärkern, die Portionen werden immer größer.« Sie gerät in Fahrt und erzählt mit Abscheu vom neusten »Pausenhit": »Das ist ein Asia-Snack, der auf vielen Schulhöfen als der letzte Schrei gilt. Er hat keinerlei Substanz, nur Farb- und Aromastoffe.«
Wiener ist sicher, dass sich die Lust an gutem Essen lernen lässt. »Wir wollen die Kinder zur Selbständigkeit anleiten, ihnen ein Handwerk beibringen, das sie unabhängig macht, ein Samenkorn pflanzen, das hoffentlich irgendwann aufgeht. Dabei gehen wir planmäßig vor, subversiv und ganzheitlich.«
Wieners Kochschulreihe ist für Kindergärten, Horte und vor allem Grundschulen konzipiert, umfasst 12 Module à zwei Stunden und läuft in der Regel mindestens drei Monate. Die Stiftung finanziert sich über Spendengelder und offeriert ein anspruchsvolles Gesamtprogramm: Sie stellt Rezeptpläne her, betreibt Fortbildungen, organisiert kostenlos Küchengeräte und Lebensmittel, möglichst in Bioqualität, sie bietet Unterstützung bei der Anlage von Kräuter- und Gemüsegärten und finanziert Ausflüge zu (Bio-)Bauernhöfen.
Geleitet wird der Kurs von Menschen, die eigens von der Stiftung angelernt werden - in der Regel sind es Lehrer, Erzieher und engagierte Eltern.
Profi Kannemann musste nicht extra trainiert werden. Während der Fisch auftaut und der Reis vor sich hin köchelt, fragt er seine »Lehrlinge« immer wieder ab. Wie viele Geschmackseigenschaften gibt es? »Fünf«, kommt die Antwort im Chor. Bitter, salzig, süß, sauer, umami.
Die Supermarkt-Gemüsebrühe, die Kannemann herumreicht, riecht wie Chips. »Bäh, da sind ja nur Farbstoffe und Geschmacksverstärker drin«, empören sich die Kinder.
Wie nachhaltig wirken die Kurse? Im Idealfall reformieren die begeisterten Kinder die Essgewohnheiten der Eltern, erklärt Lidia Axtmann, Ganztagskoordinatorin an der Primarstufe der Internationalen Gesamtschule Heidelberg. Dort läuft die Kochreihe bereits seit über einem Jahr. »Anfangs war ich skeptisch«, erklärt Axtmann, »jetzt bin ich restlos überzeugt.«
50 verschiedene Nationalitäten hat Axtmann an ihrer Schule. Die Kinder seien wie verrückt nach den Kursen, selbst verhaltensauffällige Schüler machten begeistert mit. Die Stunden seien didaktisch gut aufgebaut, erst geht es um Frühstück und gesunde Pausenbrote, dann um die Zubereitung unterschiedlicher Mittag- und Abendessen. Nebenbei, so Axtmann, lernten die Kochschüler viel über Vitamine, Mineralstoffe, versteckte Fette, Geschmacksverstärker, Farbstoffe.
Längst wurde an ihrer Gesamtschule der Kiosk »umgerüstet«, dort gibt es jetzt Apfelsaft und Bionade statt Cola, in der Mensa steht jeden Tag ein frisches Salatbuffet bereit, es gibt häufiger Obst und Quark zum Nachtisch. Und die Kinder, berichtet Axtmann, brächten deutlich weniger Süßigkeiten mit.
Wie »nachhaltig« der erste Kurs an der Jenaer Straße in München wirkt, lässt sich noch nicht sagen. Die Fortschritte beim Gemüseputzen lassen sich von Stunde zu Stunde beobachten, und Koch Kannemann reagiert gelassen auf die Nachricht, dass viele seiner Eleven den Fisch zwar gern zubereiten, aber nicht unbedingt essen wollen.
Das macht nichts, es herrscht Probier-, jedoch keine Verzehrpflicht. Das Schollenfilet wird zerteilt und kommt in die erste Pfanne, das zerkleinerte Gemüse in die zweite. Drei Kinder geben jeweils einen Esslöffel Currypulver dazu. »Curry ist eine Gewürzmischung aus Indien«, sagt Johanna.
Amar und Antonia rühren sorgsam in den Pfannen. Beim Joghurtdressing fehlen noch Salz und Pfeffer, dann gibt Johanna es behutsam in die große Salatschüssel. Tibor träufelt noch etwas Zitronensaft über den Fisch.
Den Tisch sauberzumachen übernehmen Boris und Marco. Anfangs wollten die Jungs nicht spülen, sagt Kannemann, jetzt machten sie alles ohne Murren - welch wundersame Verwandlung. Aber der Boss erledigt schließlich auch sämtliche Küchenarbeiten, und der ist, klarer Fall, ein großes Vorbild.
Schließlich ist das Fischcurry fertig. Viele Mädchen mögen es, die meisten Jungen nicht, sie essen Reis, Gemüse und Salat. Beim Essen geht es erstaunlich gesittet zu: Begonnen wird erst, wenn alle etwas auf dem Teller haben, niemand legt die Ellbogen auf den Tisch.
Sarah Wiener würde es gefallen. »Ich möchte Essen als wertvolles Kulturgut bewahren«, sagt sie und freut sich über die positive Resonanz der Schulen: Die Kinder kochen für oder mit Eltern, Großeltern, Verwandten. Der Kochunterricht, loben die Lehrer, schult Feinmotorik, Selbstvertrauen, Kreativität.
Ob sich das Angebot der Stiftung in dieser Form aufrechterhalten lässt, ist fraglich: Das Konzept wird deutschlandweit bereits in über hundert Einrichtungen praktiziert, die Nachfrage ist enorm, sagt Wiener, »wir brauchen unbedingt mehr Spendengelder«. Die Kurse, so ihr Anspruch, sollen kostenlos bleiben - solange es irgendwie geht.
Eins jedenfalls hat Kannemann in seiner Truppe bereits erreicht. »Koch« oder »Köchin« heißt der aktuelle Berufswunsch der Kinder. Tibor, dessen Eltern in München zwei Gaststätten mit ungarisch-deutscher Küche betreiben, möchte sich später ein Schiff kaufen und darauf ein Bordrestaurant aufmachen.
Auch wenn wieder andere Berufspläne aufkommen - Sabrina und Samira finden es äußerst praktisch, wenn Männer kochen können. »Ich komme nach Hause und ruh mich nach der Arbeit aus«, sagt Sabrina. »Dann sag ich: 'Schatz, mach du schon mal das Abendessen.'« Gekicher und Gelächter. Aber die Jungs finden auch, dass ein Kerl, der nicht kochen kann, kein ganzer Kerl ist.