Entdeckung der Langsamkeit - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 34

Entdeckung der Langsamkeit

Everhard Hüsemann, 49, wollte die Tradition als konventioneller Tierhalter fortsetzen. 1992 stellte er jedoch auf Bio um: Er hatte das Vertrauen in die Chemieindustrie verloren. Ein Erfahrungsbericht.
• aus SPIEGEL Wissen 3/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich bin der Älteste von sechs Geschwistern. Schon bei meiner Geburt stand fest, dass ich den Hof übernehmen würde. Die Grafschaft Bentheim ist der Landkreis mit dem dritthöchsten Tierbesatz in Deutschland, nach Borken und Vechta, und der Betrieb meines Vaters in Nordhorn bildete keine Ausnahme. Er führte einen konventionellen Bauernhof - und ich sollte die Tradition fortsetzen.

Dass ich einmal Biobauer würde, hätte sich niemand träumen lassen. Im Gegenteil: Für meine Eltern war das anfangs ein Alptraum. Nach der mittleren Reife ging ich in die landwirtschaftliche Lehre. Mit 26 habe ich meinen Meister gemacht, nach dem Zivildienst, der damals noch fast zwei Jahre dauerte.

Meine Meisterarbeit drehte sich um die exklusive Haltung von Sauen. Meine Vision war, die Sauenzucht meines Vaters aufzustocken auf, am Ende, 120 Tiere. Dafür wollte ich die Kühe abschaffen. Die Spezialisierung schien betriebswirtschaftlich klug. Unser Betrieb war klein, 34 Hektar, der Boden karg und sandig, er taugt nicht für reinen Ackerbau. Außerdem habe ich die Ferkelaufzucht geliebt. Ich hatte noch einen zweiten Berufswunsch: Pastor. Ich habe mich damals ernsthaft geprüft, ob ich nicht das Abitur nachholen und Theologie studieren sollte. Ich hatte Angst, wie so viele Bauernsöhne mit Mitte dreißig den Hof heruntergewirtschaftet zu haben und als Junggeselle Frust zu schieben. In harten Zeiten hilft es mir bis heute, mich daran zu erinnern, dass ich diesen Beruf mal selbst gewählt habe.

Über die Kirchengemeinde lernte ich Elke kennen. Einmal haben wir so heftig über die Sauenhaltung diskutiert, dass wir uns im Bentheimer Wald verlaufen haben. Ohne Stroh, ohne Auslauf, ohne Tageslicht, das sei nicht artgerecht, hat sie argumentiert. Nach diesem Spaziergang war ich zwar noch kein Öko, aber Elke und ich waren ein Paar.

1988 haben wir geheiratet. Damals wohnten wir bei meinen Eltern unterm Dach. Ich machte die Sauen, mein Vater die Kühe. Freunde drängten uns dann zu unserem ersten Versuch mit der biologischen Landwirtschaft: »Könnt ihr nicht Biokartoffeln anbauen?« Damals war der nächste Biohof 60 Kilometer entfernt, heute sind es immerhin noch 20. Wir pflanzten also zwölf Reihen. Gegen die Kartoffelfäule streute ich in meiner Unwissenheit Kalk auf die Pflanzen. Ökomäßig ist Kalk okay - aber gegen Fäule unwirksam.

Meine Eltern regten sich furchtbar auf, weil das Unkraut wild wucherte. Das gab es auf unseren gespritzten Feldern nicht, auf denen wir Futtermais und Futtergetreide anbauten. Am Ende ernteten wir vor der totalen Vernichtung durch Fäule und Unkraut noch ein paar mickrige Kartoffeln.

Meine Eltern haben sich danach Bio verbeten. Es erinnert sie an die Zeit, bevor es Kunstdünger und Pestizide gab, als man bei schlechten Ernten hungerte.

1991 wurde ich Pächter auf dem Land meiner Eltern. Für unsere Bioexperimente haben wir einen kleinen Resthof dazugekauft. Ich bin damals Fördermitglied des ökologischen Anbauverbands Naturland geworden. Zuvor hatte ich nur Demeter gekannt. Die Leute dieses anthroposophisch geprägten Verbands kamen mir immer reichlich idealistisch vor, ich habe früher sogar Sprüche geklopft wie: »Nach der Ausbeutung der Pflanzen kommt nun die der Menschen.« Biologische Landwirtschaft ist ja sehr arbeitsintensiv. Bei Naturland erkannte ich erstmals betriebswirtschaftliches Denken bei Ökoerzeugern. Unser Hof ist zu klein für Phantastereien, erst recht für zwei Familien: 1990 wurde unsere erste Tochter geboren.

Dass ich dann 1992 den ganzen Hof auf Bio umgestellt habe, dafür gab es drei Beweggründe. Erstens das Soja-Problem. Ich konnte nicht länger über die Tatsache hinwegsehen, dass unsere Art der Tierzucht indirekt fünf Millionen Menschen in Brasilien zu elenden Landlosen gemacht hat. Dass dort jeder verfügbare Hektar von skrupellosen Großgrundbesitzern auf Soja umgestellt wurde, weil wir Erste-Welt-Bauern es als Eiweißlieferant für unsere Tiere abnahmen. Ich habe dann Erbsen angebaut und sie statt Sojaschrot zugefüttert. Das machte aber mein Fleisch um 25 Prozent teurer - zu teuer für den konventionellen Markt.

Der zweite Grund war Atrazin. Der Hersteller dieses beliebten Unkrautvertilgers, Ciba-Geigy, hatte immer behauptet, dass sich Atrazin nach vier Wochen restlos abbaue. Nun fand man dieses Herbizid, das als krebserregend gilt, im Grundwasser. Man konnte sogar nachweisen, dass es etwa 25 Jahre zuvor gespritzt worden war. Da baute sich also gar nichts ab. Mein Vertrauen in die Chemieindustrie war erschüttert. Ich mochte auch kein einziges Schädlingsbekämpfungsmittel mehr spritzen.

Der letzte Auslöser für die Umstellung war dann meine eigene Tierzucht. Ich musste sämtliche Sauen keulen. Alle 60 Tiere hatten MMA, eine bakterielle Krankheit, gegen die die Tierärzte nichts ausrichten konnten. Danach habe ich den Stall desinfiziert und monatelang austrocknen lassen. Dann habe ich 60 Tiere einer anderen Rasse gekauft. Nach einem halben Jahr bot sich das gleiche Bild: Alle waren unheilbar an MMA erkrankt. Mein Traum von der Sauenhaltung war für immer ausgeträumt.

Meinen Eltern verursachte die Umstellung große Bauchschmerzen. Der Kuhstall war für die Anbindehaltung ausgelegt, daran konnte ich als ihr Pächter nichts ändern. Um den Naturland-Richtlinien trotzdem zu genügen, nach denen die Tiere mindestens die Hälfte der Zeit auf der Weide stehen müssen, trieb ich sie Tag für Tag raus. Auf die Spalten kam Stroh, das alle vier Wochen ausgemistet werden musste.

Erst vor zwei Jahren, als ich Eigentümer des Hofs geworden war, habe ich angefangen, einen neuen Boxenauslaufstall zu bauen. Jetzt können meine Kühe rein- und rauslaufen, wann sie wollen.

Wir haben dann mit Hühnern angefangen. Heute haben wir zwei Herden, eine mit 600 und eine mit 800 Hennen. Um genügend Auslauf anzubieten, haben wir vor zwei Jahren eine Brücke über die Straße vor unserem Haus gebaut. Die Behörde hat verlangt, dass sie 4,50 Meter hoch ist. Allein die Statik hat 1000 Euro gekostet! Wir sind der einzige Hof mit so einer Hühnerbrücke. Wir waren selbst gespannt, ob die Hennen sie annehmen würden. Aber sie tun es. Es sieht jetzt hier ein bisschen wie bei Pettersson und Findus aus, mit Hühnern, die hoch über der Straße gackernd wandern, und den Katzen vor unserer Haustür.

Es ist aber auch gut, dass die Leute, die unsere Eier bei uns im Hofladen kaufen, jetzt sehen können, was Bio bedeutet. Wir verkaufen Eier, Milch, Rindfleisch, Suppenhühner und Kartoffeln, Weizen, Dinkel. Das Brotgetreide und die Kartoffeln bauen wir auf unserem Land - mit Pachtland sind es jetzt 64 Hektar - an, daneben noch zwei Drittel des Futters für unsere Tiere.

Bevor ich auf Bio umstellte, habe ich viele Naturland-Höfe besucht. Für die erfolgreichen galt, dass man entweder vom Hof aus eine Kirchturmspitze sieht - also eine Stadt in der Nähe ist, wo Kunden wohnen. Oder man sieht weit und breit keinen Kirchturm, hat dafür aber die rotbraune gute Krume an der Sohle kleben. Bei uns klebt der Boden nicht. Deshalb haben wir einen Hofladen und verkaufen auf dem Wochenmarkt.

Ich muss jetzt noch mal so lange Biobauer bleiben, wie ich es schon gewesen bin, um meine Schulden für den neuen Stall bei der Raiffeisenbank abzubezahlen. Das macht mir aber keine Angst. Aus den Erfahrungen der letzten 15 Jahre schöpfe ich Zuversicht. Auch mein Vater freut sich mittlerweile über die Fortschritte, die unser Hof macht.

Natürlich werden wir jedes Jahr als Biobetrieb offiziell kontrolliert. Aber viel wirkungsvoller ist die soziale Kontrolle. Als ich das erste Mal Kupfer auf unsere Kartoffeln aufbrachte, was nach den Ökorichtlinien erlaubt ist, ging ich selbst mit der Spritze aufs Feld. Sofort sprach sich wie ein Lauffeuer herum: »Der Hüseman spritzt.«

Heute schicke ich einen Lohnunternehmer zum Spritzen raus, der auch für konventionelle Landwirte arbeitet. Der erzählt den benachbarten Bauern hinterher, wie er mit Aktivkohle die Spritze von Giftrückständen reinigen musste, damit sie vollkommen sauber sei, und dass der ganze Aufwand für ein bisschen Kupfer betrieben werde. Für ihn sind das ja nur homöopathische Mengen. »Und was bringt das?«, wird er dann ungläubig gefragt. Und der zuckt auch bloß mit den Achseln.

Natürlich ernten wir nicht so viele Kartoffeln wie unsere Kollegen, die bei Düngung und Krautfäule zu ganz anderen Mitteln greifen. Aber dafür ist es mit meinen Kartoffeln wie mit meinen Tieren: Sie wachsen langsamer und haben dadurch mehr Substanz. Die verschiedenen Feldfrüchte haben durch die vielseitige Fruchtfolge und die organische Düngung einfach mehr Inhaltsstoffe und Aroma. Und das schmeckt man.

AUFGEZEICHNET VON ANNETTE BRUHNS

Zur Ausgabe
Artikel 18 / 34