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Automobile Freier Geist

Fiat und Peugeot/Citroen bringen im Sommer gemeinsam einen Van auf den Markt. Der große Wurf kommt reichlich spät.
• aus DER SPIEGEL 3/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Zeichen grenzenüberschreitender Eintracht trafen sich die mächtigen Industriehäuptlinge Italiens und Frankreichs am vergangenen Mittwoch auf neutralem Boden.

In Genf, Brennpunkt zahlreicher Friedenskonferenzen, reichten sie sich öffentlich die Hand: Fiat-Auto-Chef Paolo Cantarella und Jacques Calvet, Herrscher über das Auto-Imperium PSA, Dachkonzern von Peugeot und Citroen.

»Es war eine wegweisende und mutige Entscheidung«, frohlockte Cantarella. Calvet pries »Beziehungen, die auf gegenseitiger Achtung und Vertrauen beruhen«.

Anlaß des Süßholzraspelns war ein Gegenstand aus kaltem Blech. Gemeinsam haben die Fahrzeugbauer aus Italien und Frankreich eine Großraumlimousine entwickelt.

Unter vier Markennamen wird der Wagen im September in Deutschland auf den Markt kommen: Fiat, Lancia, Peugeot und Citroen - jeweils mit denselben Abmessungen. Zu unterscheiden sind die Varianten nur an Nuancen in der Gestaltung des Kühlergrills. Einzig der Lancia-Van lugt mit seinem verchromten Schmunzelgesicht deutlich aus der uniformen Van-Masse hervor.

Der Verzicht auf Individualität spart Geld. Je zur Hälfte teilten sich die Konzerne die Investition (zusammen knapp 1,8 Milliarden Mark) für das gemeinsame Werk bei Valenciennes.

Dort werden im Sommer die ersten italo-französischen Großraumvehikel vom Band rollen. Jeder der beiden Partner kann die Hälfte der Werkskapazität von 130 000 Wagen pro Jahr nutzen.

Beide Unternehmen kommen mit zehnjähriger Verspätung. Seit 1984 werden in Deutschland Großraumlimousinen verkauft. Der Markt der komfortablen und teuren Minibusse (ab 37 000 Mark) wuchs kontinuierlich.

Mehr als 30 000 Vans werden derzeit jährlich in Deutschland abgesetzt - vorwiegend von Van-Pionieren aus Frankreich und den USA. Rund zwei Drittel der raumsüchtigen Kunden kaufen bei Chrysler den Voyager oder bei Renault den Kunststoff-Gleiter Espace.

Für PSA-Chef Calvet ist der Erfolg von Renault besonders schmerzhaft. Denn gerade Peugeot hätte die beste Gelegenheit gehabt, zuerst in den europäischen Van-Markt einzusteigen.

Die Chance wurde vertan, als Peugeot im Februar 1983 die Beteiligung an der Autotochter des Rüstungskonzerns Matra aufgab, einem Stiefkind aus der gestrandeten und von Peugeot aufgekauften Chrysler-Simca-Kooperation, die zuletzt Talbot hieß.

Zu den letzten Früchten dieser französischamerikanischen Allianz zählten die Baupläne für einen Großraumwagen. Sie lagen bei Matra, beeindruckten den damaligen Peugeot-Chef Jean-Paul Parayre allerdings nicht. Er stieß die Matra-Beteiligung mitsamt dem Van-Projekt ab. Renault griff zu und ließ den Wagen ab 1984 im Matra-Werk Romorantin herstellen. Es war der Espace. Rund 315 000 Stück wurden bis heute verkauft.

Auch andere Hersteller verschliefen die Pionierzeit der eleganten Vans. In Wolfsburg begnügten sich die Produktplaner lange damit, den sperrig-spartanischen VW-Bus mit Veloursteppich auszulegen und »Caravelle« zu nennen.

Erst 1995 wird Deutschlands größter Autobauer zusammen mit Ford ein Großraumfahrzeug moderner Prägung im Billiglohnland Portugal vom Band laufen lassen. Im selben Jahr soll der erste Mercedes-Van präsentiert werden.

Leicht werden es die Nachzügler nicht haben. Denn die Urväter der rollenden Großräume haben auf dem Markt zwei klare Vorteile. Ihr Kundenstamm ist bereits aufgebaut, und sie haben von den Käufern (bei Chrysler weltweit vier Millionen) bereits reichlich Resonanz und Verbesserungsvorschläge für weitere Van-Generationen bekommen.

Chrysler legte nach Kundenbefragungen die um 37 Zentimeter gestreckte Langversion des Voyager nach, vorläufig den einzigen Van in Deutschland, in dem sieben Personen mit Urlaubsgepäck verreisen können.

Renault plant dagegen bewußt einen kleineren Van, um in niedrigere Preisklassen um 30 000 Mark vorzustoßen. Zusammen mit dem Espace-Nachfolger, der Anfang 1996 eingeführt werden soll, ist eine Hochdach-Version des Renault 19 vorgesehen, die auch weniger anspruchsvollen Kunden ein besseres Raumgefühl geben soll.

Der nächste Espace wird nicht größer sein als die aktuelle Version, deren Gepäckraum knapp bemessen ist. Gekauft wird der Wagen angeblich selten von Kunden mit großen Familien und viel Urlaub. Meist, so Firmensprecher Werner Röser, liege es am gesteigerten Raumbedarf von Menschen »mit freierem Geist«. Y

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