Jagd auf den Super-Keim - DER SPIEGEL
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Jagd auf den Super-Keim

Lebensmittelallergien beginnen oft im Kleinkindalter. Jetzt setzen Wissenschaftler auf frühen Kontakt mit Allergenen und arbeiten mit Hochdruck an einer Impfung.
• aus SPIEGEL Wissen 3/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon beim dritten Löffel Milchbrei war Katharina Zimmermann klar, dass mit ihrer Tochter Carla, damals neun Monate, etwas nicht stimmte: »Sie wurde knallrot um den Mund und hat sich wie verrückt gekratzt«, erinnert sich die Mutter, »dann sind ihre Augen zugeschwollen, und nach einer Stunde kam der Brei oben wieder raus.«

Bereits als Säugling hatte die heute knapp Zweijährige rote, trockene Flecken auf der Haut. »Damals habe ich noch ausschließlich gestillt«, erzählt Zimmermann, »an eine Lebensmittelallergie haben wir deswegen überhaupt nicht gedacht.« Stattdessen zog die Münchner Familie mit ihrem Neurodermitis-Kind vom Kinderarzt zum Hautarzt, vom Hautarzt zum Homöopathen.

Erst ein Bluttest brachte Gewissheit: Carla ist allergisch gegen die meisten Milcheiweiße - auch jene in der Muttermilch -, außerdem gegen Hühnereiweiß, Nüsse und Soja. »Wir müssen höllisch aufpassen, was sie in den Mund steckt«, sagt ihre Mutter. Wenn in der Krabbelgruppe jemand Kekse auspackt, bedauert Zimmermann, »heißt es für Carla jetzt halt oft: Du nicht«.

Bald wird Carla in die Kita gehen: »Davor graust es mir schon ein bisschen«, sagt ihre Mutter , »es muss ja nur mal Butter am Gemüse sein oder Molkepulver im Zwieback.«

Gut möglich, dass das kleine Mädchen mit seiner Spezialdiät im Kindergarten nicht allein dasteht: Experten schätzen den Anteil der Kinder, die an einer Lebensmittelallergie leiden, bundesweit auf vier Prozent. Hühnereiweiß, Kuhmilch, Soja, Weizen und Nüsse sind dabei die Stoffe, die das kindliche Immunsystem am häufigsten aus dem Ruder laufen lassen.

»Allergien sind eins der größten Gesundheitsprobleme im Kinder- und Jugendalter«, erklärt Ulrich Wahn, Chef der kinderallergologischen Ambulanz an der Berliner Charité, »da kann höchstens noch die Fettleibigkeit mithalten.« In den Industrienationen hat die Zahl allergischer Erkrankungen seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts stetig zugenommen. Zwar sei jetzt ein Plateau erreicht, so Wahn, »aber es wird auch nicht weniger«.

Wenn sie älter werden, vertragen die meisten Allergie-Kinder wieder Milch, Eier oder Soja: Frühe Lebensmittelallergien wachsen sich oft aus. Problematisch sind sie dennoch: »Solche Allergien sind ganz häufig ein Zeichen dafür, dass sich ein Kind auf den allergischen Weg macht«, erläutert Wissenschaftler Wahn. Wer als Knirps mit roten Flecken oder Durchfall auf Hühnereiweiß reagiert, trägt ein hohes Risiko, später eine Atemwegsallergie bis hin zum Asthma zu entwickeln - als Reaktion auf Blütenpollen etwa oder Hausstaub.

Auch die Nahrungsmittelallergien selbst können lebensbedrohlich sein. Meist äußern sie sich zwar als lästiger Hautausschlag, Erbrechen oder Schwellungen im Gesicht - möglich ist aber auch Atemnot oder ein anaphylaktischer Schock mit Kreislaufzusammenbruch. Besonders gefürchtet ist die Erdnuss-allergie, die am häufigsten zu echten Schockreaktionen führt und noch dazu im Laufe des Lebens nicht verschwindet.

»Vor kurzem ist ein Kind, das wir in Behandlung hatten, im Urlaub infolge seiner Erdnussallergie gestorben«, sagt Wahn. In den USA, wo Erdnussallergien besonders oft vorkommen, sterben jährlich rund hundert Menschen an den Folgen eines allergischen Schocks.

Es sind wohl auch solche Meldungen, die Mütter und Väter beim Thema Allergien geradezu in Hysterie verfallen lassen: Die Zahl jener Eltern, die glauben, ihr Kind vertrage bestimmte Lebensmittel nicht, ist weit größer als die, bei denen das tatsächlich der Fall ist. »Die Eltern haben wahnsinnige Angst vor Allergien und beobachten ihr Kind sehr genau«, sagt die Münchner Ernährungswissenschaftlerin Imke Reese, »da wird nach jedem neuen Lebensmittel der Körper des Kindes genau inspiziert, und wenn der Po ein bisschen rot ist, lässt man das Lebensmittel lieber weg.«

In Krabbelgruppen und Hebammensprechstunden werden die vermeintlich neuesten Trends der Allergievermeidung ausgetauscht: Statt der guten alten Karotte lieber Pastinake reichen, vor dem ersten Geburtstag am besten ganz auf Kuhmilch und Brot verzichten - und vor allem stillen, stillen, stillen.

Die Eltern haben die Hoffnung, dass eine Allergie gar nicht erst entsteht, wenn sie sich nur richtig verhalten - und sind damit ganz nah dran am derzeit wohl heißesten Thema der Allergieforschung: Wie kann man das Immunsystem beizeiten so trainieren, dass es Freund und Feind auseinanderhalten kann und nicht schwerste Geschütze gegen harmlose Substanzen wie Eiweiß oder Nüsse auffährt?

Im Mutterleib wächst ein Kind in einer keimfreien Umgebung heran. Nach der Geburt muss sich seine körpereigene Abwehr auf einmal mit einer wahren Armada von Fremdstoffen, den sogenannten Antigenen, auseinandersetzen. Vor allem Nahrung ist eine echte Herausforderung: Die Immunzellen sind darauf programmiert, Eindringlinge anzugreifen und körpereigene Stoffe zu verschonen. Doch beim Essen bedeutet Fremdes nur selten Gefahr.

Das Immunsystem übt, harmlose Antigene aus der Nahrung von - zum Beispiel - krankmachenden Bakterien zu unterscheiden: Es entwickelt eine Toleranz. Missglückt ihm das für bestimmte Antigene, entsteht eine Allergie. Beim Erstkontakt bilden die Immunzellen Antikörper gegen einen harmlosen Eindringling wie etwa Milcheiweiß. Bei der nächsten Begegnung sind sie dann gerüstet für eine vermeintlich überlebenswichtige Schlacht: Spezialisierte Abwehrzellen fluten den Kreislauf mit dem Botenstoff Histamin, der eine akute Reaktion mit Juckreiz, Niesen oder anderen typischen Symptomen hervorruft.

»Die spannende Frage ist, warum die Mehrzahl der Menschen keine Allergie bekommt«, erklärt Wissenschaftler Wahn. Der Schwerpunkt der internationalen Forschung zum Thema hat sich laut Wahn in den letzten zehn Jahren radikal verschoben: »Wir schauen nicht mehr nur nach den Risiken, sondern wir wollen vor allem wissen, welche Mechanismen es sind, die die Gesunden schützen.«

Die strikte vorbeugende Vermeidung möglicher Allergene ist es jedenfalls nicht, so viel scheint festzustehen. Die nämlich wurde für Kinder aus Allergikerfamilien jahrzehntelang empfohlen: Allergiegefährdete Kinder durften mindestens sechs Monate lang nichts anderes zu sich nehmen als Muttermilch, stillende Mütter sollten auf Eier, Milchprodukte, Weizen, Soja, Fisch und Nüsse verzichten. Oftmals raten Hebammen, Ärzte und Ernährungsberater auch Müttern ohne erhöhtes Allergierisiko zu solchen Maßnahmen.

»Die meisten dieser Empfehlungen lassen sich nicht durch wissenschaftliche Studien belegen - im schlimmsten Fall führen sie zur Mangelernährung von Mutter und Kind«, erklärt Ernährungsberaterin Reese. Noch dazu fördere allzu langer Verzicht sogar die Anfälligkeit für Allergien: »Wenn der Körper kaum Kontakt zu Fremdstoffen hat, stuft er irgendwann alles als gefährlich ein.«

Reese ist Mitglied eines Expertengremiums medizinischer Fachgesellschaften, das die sogenannte Leitlinie zur Allergieprävention erstellt hat. Die Wissenschaftler sichteten dazu sämtliche Studien, die es zum Thema gibt, und extrahierten daraus eine Liste von »do's and don'ts« für junge Familien. In der 2009 aktualisierten Leitlinie ist diese Liste ziemlich kurz.

»Man kann nicht dramatisch viel machen«, bedauert Forscher Wahn, »umso wichtiger ist es, dass das wenige gut umgesetzt wird.« Beim Allergiekongress im September in Berlin stellten Wahn und sein Team den sogenannten Allergie-Risiko-Check vor, einen Fragebogen, den künftig alle Schwangeren von ihren Frauenärzten bekommen sollen. Denn meist sind jene Kinder besonders anfällig für Allergien, deren Eltern auch betroffen sind. Haben etwa beide Eltern Heuschnupfen, beträgt das Risiko für ihr Baby, auch eine Allergie zu entwickeln, rund 60 Prozent.

Solche Risikokinder sollten die ersten vier Monate ihres Lebens voll gestillt werden oder eine hypoallergene Spezialnahrung erhalten - länger aber auch nicht. »Es gibt keine Hinweise, dass ausschließliches Stillen über den vierten Monat hinaus sinnvoll ist«, sagt Ernährungsexpertin Reese, »womöglich verpasst man sogar ein wichtiges Zeitfenster zur Toleranzentstehung, wenn man dem Kind zu spät auch andere Nahrung anbietet.«

Erste Hinweise auf ein solches Zeitfenster lieferte eine eher zufällige Beobachtung: Einer der ersten Babysnacks, den israelische Mütter ihren Kindern reichen, ist ein süßer Erdnussriegel. In vielen anderen Ländern wie England oder den USA wird Eltern dagegen empfohlen, Erdnüsse wegen ihres Allergiepotentials möglichst während der ersten drei Lebensjahre komplett zu meiden. Doch kaum ein israelisches Kind entwickelt eine Erdnussallergie, in England und den USA dagegen werden es immer mehr. Nach einer Studie aus dem Londoner King's College mit über 8000 britischen und israelischen Schulkindern ist die Zahl der Erdnussallergiker im Vereinigten Königreich sogar 20-mal so hoch wie in Israel.

In der sogenannten Leap-Studie ("Learning Early About Peanut Allergy") wollen britische Forscher jetzt herausfinden, ob sich das gefürchtete Leiden auch bei britischen Kindern durch die möglichst frühe Gabe von Erdnüssen verhindern lässt.

Eine ähnlichen Ansatz verfolgen Ulrich Wahns Mitarbeiter an der Charité: An Berliner Neugeborenen testen die Forscher, ob ein früher Kontakt mit Ei-Antigenen vor einer späteren Hühnerei-Allergie schützen kann.

Auch der Bochumer Albrecht Bufe, Forscher für Lungenkrankheiten und Präsident der Gesellschaft für pädiatrische Allergologie, ist auf der Suche nach frühen Schutzmechanismen: Seine Studienobjekte beschafft sich Bufe mit dem Staubsauger - in bayerischen Kuhställen.

Vor einigen Jahren stellten Wissenschaftler verblüfft fest, dass Kinder, die auf familiengeführten Bauernhöfen in den Alpenregionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz aufwachsen, sehr viel seltener an Allergien erkranken als Stadtkinder. Das Risiko für asthmatische Leiden ist sogar von zwölf auf ein Prozent gesenkt.

»Wir glauben, dass die Stallumgebung Faktoren enthält, die bei frühem Kontakt vor Allergien schützen«, erläutert Wissenschaftler Bufe. »Nicht alle Keime sind böse - manche helfen auch, das Immunsystem in die richtige Richtung zu lenken.« Im Mausmodell haben Bufe und seine Kollegen bereits bewiesen, dass bestimmte Bakterien, die sie zuvor aus dem Stallstaub isoliert hatten, einen erheblichen Schutz vor Asthma bieten. Nun träumt der Forscher von einer Art Stallstaub-Vakzine, einer Impfung, die vor Allergien schützt und die irgendwann alle Neugeborenen bekommen könnten. Seine Firma Protectimmun für die Vermarktung der Idee haben Bufe und Kollegen schon 2007 gegründet.

Der Forscher von der Ruhr-Universität ist nicht allein mit seiner Jagd auf den Super-Keim. Auch die Allergologen von der Charité fahnden mit Hochdruck nach bestimmten Bakterien, die das Immunsystem auf Linie bringen sollen.

Hintergrund der neuen Ansätze ist die sogenannte Hygiene-Hypothese aus den achtziger Jahren. Damals fragten sich Forscher, warum die Zahl der allergischen Erkrankungen scheinbar unaufhaltsam in die Höhe schnellte. Genetische Faktoren, obwohl als Hauptrisiko für Allergien bekannt, konnten den sprunghaften Anstieg nicht erklären. Womöglich sei die zunehmend keimfreie Umgebung, in der die Wohlstandskinder der westlichen Welt heranwachsen, mit schuld an der Verbreitung von Allergien.

Offenbar nämlich begünstigt der Kontakt mit bestimmten Bakterien die Reifung der regulatorischen T-Lymphozyten, einer spezialisierten Art von Immunzellen, die überschießende Abwehrreaktionen wie bei Allergien verhindern.

Einige dieser Bakterien glaubt Wahns Kollegin Susanne Lau gefunden zu haben. Seit 2002 klappert Lau die Entbindungsstationen Berliner Kliniken ab. Das Ziel: möglichst viele Babys aus Allergikerfamilien für ihre Bakterien-Studie zu gewinnen. Etwa 650 Kinder schluckten inzwischen ab der fünften Lebenswoche einen Cocktail aus abgetöteten Darmbakterien und kamen regelmäßig zum Check in die Berliner Ambulanz.

Noch sitzen die Forscher an der Auswertung der Untersuchung, doch Lau ist zuversichtlich, »dass das Immunsystem der Kinder Signale bekommen hat, die der Entstehung von Allergien entgegenwirken«. So fanden sich etwa bei den Studien-Kindern sehr wenige Fälle von schwerer Neurodermitis - obgleich alle aus Allergiker-Familien stammen.

Womöglich kann Ärztin Lau ihren kleinen Patienten in der Kinderallergologie in ein paar Jahren einen Bakteriencocktail verschreiben, der sie vor einer lebenslangen Allergiekarriere schützt. Bis dahin jedoch muss sie immer wieder Kinder vor dem Präventionseifer ihrer Mütter bewahren. »Vor kurzem hatten wir hier ein Kind mit einem richtigen Hungerbauch«, berichtet Lau. Aus Angst vor Allergien hatte die Mutter einfach die meisten Nahrungsmittel vom Speiseplan gestrichen.

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