Lebensmittel Nummer eins
Alles hier wirkt luftig, frisch und übersichtlich. Der Besucher begreift sofort, warum Christoph Czekalla ihn nach Curslack geführt hat. Czekalla ist im städtischen Großunternehmen »Hamburg Wasser« der Mann für die Wasserwerke, und hier im Stadtteil Curslack steht eine der modernsten Anlagen Deutschlands. Aus mehr als 230 Brunnen strömt das Grundwasser zusammen, durch grüne Röhren fließt es hinein, durch blaue Röhren fließt es hinaus, in der riesigen Halle rauscht es freundlich wie in einem Frühlingswald.
Und dann das: Es stinkt nach faulen Eiern. Czekalla hat eine Stahlklappe geöffnet, um zu zeigen, wo der frisch geförderte Rohstoff ankommt. Aus der Öffnung schießt ein kräftiger Luftstrom, sofort verfliegt jeder Gedanke an einen Frühlingswald. »Schwefelwasserstoff«, sagt Czekalla. Das Grundwasser muss erst einmal belüftet werden, weil es nahezu frei von Sauerstoff ist und sich deshalb Schwefel und andere Elemente darin lösen. »Wir pusten die Störgase heraus, danach stinkt es nie wieder.«
Bis das Grundwasser aus den eiszeitlichen Sandschichten von Curslack in einem Hamburger Haushalt ankommt, wird einiger Aufwand getrieben: Belüftung, Filterung, Nachentsäuerung, Labortests. Und das ist überall in Deutschland so oder so ähnlich. Die Kundschaft erwartet ein Produkt, das nicht nur zum Wäschewaschen und Duschen taugt, sondern auch zum Kochen und Trinken.
Aber wie bekömmlich ist der Stoff, der aus der Leitung fließt? »Trinkwasser ist das Lebensmittel Nummer eins«, verbreitet das für die Qualitätskontrolle zuständige Umweltbundesamt (UBA). Die Anforderungen sind hoch, die Kontrollen streng. Was daheim aus dem Hahn plätschert, muss laut Gesetz »rein und genusstauglich« sein. Im jüngsten, gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium erstellten Bericht über »Wasser für den menschlichen Gebrauch« ermittelte das UBA »eine gute bis sehr gute Qualität«. Der durchschnittliche Literpreis liegt bei einem fünftel Cent.
Es geht auch anders. 49 Euro, so viel wie ein guter Champagner, kostet ein drei viertel Liter der Luxusmarke »Bling H2O«. Nach Angaben des Internetanbieters »Wasserdepot« stammt das Nass aus einer 800 Meter tiefen Quelle in den Smokey Mountains im US-Bundesstaat Tennessee. Auf der handgefertigten Glasflasche glitzern Swarovski-Kristalle.
An prestigeträchtigen Lifestyle-Wässerchen ist kein Mangel. »10thousand BC« heißt ein kanadisches Edelprodukt, ein Gletscherwasser, das »zehntausend Jahre in ein eisiges Gewölbe eingeschlossen war«, wie es auf der »Wasserdepot«-Seite heißt. Allerhand heilsame Wirkung wird dem äußerst mineralstoffarmen Trunk zugeschrieben: Er »hydratisiert den Körper 28 bis 32 Prozent besser als andere Wasserprodukte, erhöht die geistige Aufmerksamkeit, sorgt für jünger wirkende Haut, kräftigt Haar und Nägel« und anderes mehr.
Ob da etwas dran ist? Im Falle des steinzeitlichen Gletscherwassers dürfte die Antwort eine Glaubenssache sein. Allgemeiner betrachtet, geht es bei den gesundheitlichen Wirkungen des Wassertrinkens im Kern um zwei Aspekte: zum einen um die Inhaltsstoffe, nützliche oder schädliche. Zum anderen um die Menge.
Je nach Alter besteht der Mensch zu 50 bis 80 Prozent aus Wasser. Ein Durstgefühl spürt man, sobald der Körper mehr als 0,5 Prozent seines Gewichts an Wasser verliert. Ab zwei Prozent wird der Mensch unkonzentriert, ab drei Prozent droht ihm Gefahr. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat ausgeklügelte Empfehlungen entwickelt, wie viel man täglich zu sich nehmen soll. Die Richtwert-Tabelle reicht von 620 Millilitern für die Allerjüngsten (0 bis 3 Monate alt) bis zu insgesamt 2710 Millilitern für Stillende. Es gibt getrennte Tabellen für Getränke sowie den Wasseranteil in fester Nahrung. Viel Freude beim Messen und Rechnen!
Die Empfehlungen der meisten Experten sind weniger kompliziert, sie liegen bei eineinhalb bis zwei Litern Wasser für Erwachsene. Und allenfalls Kinder und alte Menschen sollten vielleicht auch dann trinken, wenn sie keinen Durst haben. Gesunde Erwachsene können sich auf ihr Gefühl verlassen.
Weitverbreitet ist aber seit einigen Jahren die Annahme, viel Trinken sei gesund in jeder Lebenslage. Und damit der Pegel nur ja nicht sinkt, gehört die Wasserflasche unterwegs dazu wie Handy und Hausschlüssel.
Handfeste Belege bleiben bisher freilich aus. In einem wissenschaftlichen Leitartikel haben die US-Mediziner Stanley Goldfarb und Dan Negoianu von der University of Pennsylvania im vergangenen Jahr festgestellt, dass »vier große Mythen« im Umlauf sind: Die Vieltrinkerei schwemme Giftstoffe aus dem Körper, stärke die Spannkraft der Haut, reduziere das Hungergefühl und verringere die Häufigkeit von Kopfschmerzen.
Im Hinblick auf den Giftstoff-Mythos sagt Goldfarb: »Die Nieren reinigen das Blut sehr effektiv. Und sie tun es unabhängig davon, wie viel Wasser man zu sich nimmt. Wenn man eine große Menge Wasser trinkt, passiert nur eins: Man produziert mehr Urin, aber es lösen sich nicht mehr Giftstoffe im Urin.« Schädlich sei ein etwas überhöhter Wasserkonsum allerdings auch nicht. Andere Forscher sind der Meinung, man könne gefahrlos bis zu zehn Liter am Tag trinken, solange die Nieren mitmachen.
Bleibt die Frage: Was ist drin in der Flüssigkeit? Pures H2O servieren weder die Wasserwerke noch die Getränkehersteller. Je feiner die Analyse, umso länger die Liste der erwünschten oder unerwünschten Inhaltsstoffe. Sie kann mehrere Seiten füllen und umfasst zum Beispiel: willkommene Mineralien wie Kalzium oder Magnesium, gelöste Metalle wie Eisen oder Mangan, Spuren von Hormonen und Pestiziden, Mikroorganismen wie Bakterien oder Rädertierchen.
Mitunter steckt das Problem in der Leitung. Alte Blei- oder Kupferrohre im Haus können dazu führen, dass hervorragendes Wasser auf den letzten Metern kontaminiert wird. Empfohlen wird ohnehin, morgens oder nach längerer Abwesenheit das Wasser erst eine Weile ablaufen zu lassen, denn im Stagnationswasser können sich Keime vermehren.
Mancherorts haust in den Leitungen auch Getier, das von Bakterien lebt: Asellus aquaticus, die Wasserassel. Eine Gesundheitsgefahr geht von den bis zu zwei Zentimeter großen Krebstierchen aber nicht aus, auch der bräunliche Asselkot, den selbst Klempner häufig für Rost halten, ist eher ein ästhetisches Problem.
Die Labore der Wasserwerke und Getränkehersteller ermöglichen immer genauere Kontrollen. Denn die Sensibilität der Verbraucher wächst - und damit der Sinn für Gefahren, die bisher keine Rolle zu spielen schienen.
So schlug im vergangenen Jahr die Organisation Foodwatch Alarm, nachdem sie Informationen über den Urangehalt in Leitungswasser gesammelt hatte. In zwei Prozent der untersuchten Kommunen wurde der UBA-Leitwert von zehn Mikrogramm pro Liter überschritten. Hermann Dieter, der zuständige Fachmann in der obersten deutschen Umweltbehörde, erläutert: »Zehn Mikrogramm sind unbedenklich. Doch wer sein Leben lang einer höheren Belastung ausgesetzt ist, muss statistisch ab dem 70. Lebensjahr mit einer leichten Nierenschädigung rechnen.« Deshalb müsse das Uranproblem in den betroffenen Wasserwerken »unbedingt angegangen werden«.
Viel Aufmerksamkeit gilt sein einigen Jahren auch der Frage, welche Spuren Medikamente, Röntgenkontrastmittel und Hormonpräparate wie die Pille im Wasser hinterlassen. Das Labor von »Hamburg Wasser« zum Beispiel hat für eine halbe Million Euro aufgerüstet. Seit dem vergangenen Jahr steht dort ein Massenspektrometer Typ AB Sciex Qtrap 5500, der pharmazeutischen Rückständen im Nanogrammbereich auf die Spur kommen kann. »Bei uns ist zum Glück nichts drin, unsere Grundwassersituation ist geradezu fürstlich«, sagt Bereichsleiter Czekalla. Aber er rechnet damit, dass die Fahndung nach Arzneimolekülen bald verpflichtend wird: »Wir befinden uns mitten in einer Grenzwertdiskussion.« Wohl im nächsten Jahr könnte die Trinkwasserverordnung um entsprechende Angaben ergänzt werden.
Ein Sorgenthema vor allem in Bayern und Baden-Württemberg sind Rückstände aus der Landwirtschaft. Immer mal wieder werden die Grenzwerte für Nitrat oder Pestizide überschritten, dabei handelt es sich durchweg um örtlich eingrenzbare Problemgebiete. Die zuständigen Behörden können befristete Ausnahmegenehmigungen für den Weiterbetrieb einer Anlage erteilen, bis die Wasserwerke - zum Beispiel durch neue Brunnen - Abhilfe schaffen. Die Kunden müssen genau informiert werden, damit sie zum Trinken oder Kochen auf andere Quellen, etwa Mineralwasser, zugreifen können.
Aber auch das abgefüllte Nass sorgt gelegentlich für Alarmmeldungen. So haben Wissenschaftler von der Frankfurter Goethe-Universität im vergangenen Jahr auf mögliche hormonelle Belastungen durch Pet-Flaschen aufmerksam gemacht. Allerdings hielt das Bundesinstitut für Risikobewertung die Studie für methodisch nicht stichhaltig, es seien weitere Kontrollen nötig.
Auf ein vergleichbares Pet-Problem hat 2008 die Stiftung Warentest hingewiesen. Danach fanden sich in mehreren Discount-Wässern »hohe Mengen an Acetaldehyd«, einer Chemikalie, die einen fruchtig-aromatischen Geschmack hat. Problem dabei: die Pet-Einwegflaschen. Die teureren Mehrweg-Behältnisse sind gewöhnlich mit einem Acetaldehyd-Blocker versehen.
Pfandflaschen sind also nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch besser für die Gesundheit.