BIOTECHNIK Massage im Kuhstall
In Oshimizu leben rund 9000 Menschen und zwei berühmte Rinder. Die beiden heißen Noto und Kaga, und es geht ihnen besser als vielen menschlichen Einwohnern des tristen Orts an Japans Westküste. In einem prächtigen neuen Stall werden sie von früh bis spät umsorgt. Vor allem die ärztliche Betreuung ist vorbildlich. Denn Noto und Kaga sind Symbole für ein ehrgeiziges Projekt: Japan will als erstes Land der Welt den Verzehr von Fleisch geklonter Kreaturen in großem Maßstab zulassen.
Vor fünf Jahren wurden Noto und Kaga als weltweit erste Rinder mit jener Technik erzeugt, die bei Schaf »Dolly« für Aufsehen gesorgt hatte: Körperzellen einer Kuh wurden in zuvor entkernte Eizellen verpflanzt und dann in die Gebärmutter einer Leih-Kuh eingesetzt.
Zielstrebig wie keine andere Nation treibt Japan seither das Klonen von Rindern voran: Im ganzen Land produzierten 40 Institute bis Ende Februar 336 Klon-Rinder. Und möglichst noch in diesem Jahr hofft die Regierung in Tokio, geklonte Rinder als unbedenklich für den menschlichen Verzehr deklarieren zu können.
Eine wesentliche Hürde ist bereits genommen: Im April legten Experten im Auftrag des Gesundheitsministeriums Ergebnisse von Versuchen mit Mäusen vor, die testweise mit Fleisch und Milch geklonter Rinder gefüttert worden waren - ohne nachweisbare Gesundheitsschäden. Ihr Gutachten schlossen die Forscher mit dem Wunsch, dass die Klon-Technik »jetzt, wo der Menschheitstraum Wirklichkeit geworden ist«, zuverlässig voranschreitet.
Das hofft man auch am Labor der Rinderzuchtanlage der Präfektur Mie. Behutsam öffnet Veterinär Masaya Mizutani einen tonnenähnlichen Behälter. Dann steckt er eine Greifzange in die Öffnung, aus der Schwaden von Stickstoff wabern.
Wie in einer Schatzkammer lagern hier bei minus 196 Grad Celsius gefrorene Körperzellen preisgekrönter Rinder. Es handelt sich um Proben so genannter Matsuzaka-Rinder aus der gleichnamigen Zuchtregion. Bei Nippons Gourmets sind sie wegen ihres rot-weiß marmorierten, besonders fetten, weichen Fleisches als Delikatesse heiß begehrt. Auf Auktionen erreicht das Edelvieh Preise von bis zu 50 Millionen Yen (360 000 Euro) pro Stück.
In Zukunft, hofft Mizutani, könnte die Präfektur Mie aus den eingefrorenen Zellen Hunderte Klone züchten und profitabel vermarkten. Dann hätten die Bauern von Matsuzaka zugleich ein Dilemma gelöst: Denn die wertvollen Luxus-Tiere dürfen keinen Nachwuchs gebären, sonst leidet angeblich die Qualität ihres Fleisches.
Das Klonen könnte auch den Alltag von Bauer Jiro Tochigi, 70, revolutionieren. Seit Jahrzehnten gehört Tochigi zu den erfolgreichsten Züchtern preisgekrönter Matsuzaka-Rinder, doch die traditionelle Pflege fordert ihn enorm.
In seinem Kleinbetrieb päppelt Tochigi sechs Tiere einzeln auf, als handelte es sich um Sumo-Ringer. Selbstverständlich nennt er dabei jedes der Tiere bei seinem Namen. Zärtlich krault er dem Rind Sachi den Bauch - zutraulich hebt das Tier sein Hinterbein. Dann nimmt Tochigi einen Schluck aus einer Schnapsflasche und prustet den Alkohol als feinen Sprühnebel über Sachis Körper. Mit einer Bürste aus Reisstroh massiert er anschließend das Fell, bis es tiefschwarz glänzt. Sachi sieht zufrieden aus - und eben das ist wichtig, damit das Tier das zarte Matsuzaka-Fleisch ansetzt.
Zu Fressen gibt Tochigi seinen Tieren hochwertiges Getreide und Heu. Doch an einem heißen Tag wie heute verschlägt es Sachi oft den Appetit. Damit er gleichwohl Hunger kriegt, schüttet Tochigi seinem Schützling langsam eine Flasche »Kirin«-Bier in den Hals. Begierig leckt das Tier den Schaum vom Flaschenrand. Zum Schluss dreht Bauer Tochigi die Stereoanlage im Stall auf - denn wenn Nippons Schlagerstar Saburo Kitajima seine Lieder singt, beruhige das die Tiere.
So bizarr wie in Matsuzaka sieht Rinderpflege nicht überall in Japan aus. Doch teuer ist auch das Fleisch aus konventionellerer Zucht. Denn zwischen den engen Terrassenfeldern des bergigen Insellands fehlt oft der Platz für Großfarmen. Die Kleinbauern jedoch können kaum mit den billigen Fleischimporten konkurrieren - deren Anteil schnellte seit der Öffnung von Japans Fleischmarkt 1991 auf rund 60 Prozent.
Im Klonen nach der »Dolly-Technik« sehen die Agrarbürokraten in Tokio deshalb eine Art Wunderwaffe, um das Überleben der heimischen Viehzucht zu sichern. »Unsere Ziele heißen Veredelung der Rassen und Rationalisierung der Zucht«, sagt Ministerial-Experte Hiroaki Okuchi.
Tokios Klon-Strategie stößt indes auch in der Bauernschaft auf Skepsis. Kritiker verweisen vor allem auf die hohe Zahl von Fehlgeburten und Todesfällen. So verendeten auch in Oshimizu, wo Noto und Kaga leben, alle zuletzt geklonten 13 Rinder vor oder nach der Geburt. Einigen knickten die Vorderbeine weg, andere waren schon als Föten viel zu groß und mussten per Kaiserschnitt entbunden werden.
Deshalb sucht Laborleiter Mitsuo Kita derzeit auch nach einer neuen Leih-Kuh für weitere Klon-Experimente. Die bisherige Leihmutter habe schon zwei Kaiserschnitte hinter sich, »einen dritten können wir ihr nicht zumuten«, sagt Kita.
Allen Rückschlägen zum Trotz ist Kita von der Unbedenklichkeit der bereits geborenen Klon-Rinder wie Noto und Kaga überzeugt. Ohne zu zögern, beteuert er, würde er ihr Fleisch essen.
Aber natürlich geht es dem Klon-Forscher auch um sein eigenes Interesse. Denn wenn nicht bald ein positives Signal aus Tokio kommt, müssen sich die Klon-Pioniere weiter mit bloßen Experimenten begnügen. Und irgendwann, so viel scheint sicher, fließt dann auch nicht mehr so viel Steuergeld. WIELAND WAGNER