Affenbaby Andi Gesund, aber nicht normal
Von Affenbabys zu Menschenkindern ist es an der Universität für Gesundheitswissenschaften im amerikanischen Bundesstaat Oregon nur ein kleiner Schritt. Während auf der Wochenstation die Säuglinge brüllen, schreit im Zentrum für Primatenforschung ein Äffchen.
Andi, so der Name des dreieinhalb Monate alten Rhesusaffen, ist gesund, aber nicht normal beides zur Freude seines wissenschaftlichen Vaters. "Das ist ein magischer Moment", jubelt der Primatenforscher und Frauenarzt Gerald Schatten über seinen Andi, den ersten gentechnisch manipulierten Affen der Welt.
Die Existenz des haarigen Verwandten, vergangenen Freitag im Wissenschaftsmagazin "Science" verkündet, lässt die Schreckvision vom gentechnisch veränderten Menschen erstmals als reale Möglichkeit erscheinen. "Spätestens jetzt ist klar: Man kann so etwas von der Technik her mühelos auch beim Menschen machen", kommentiert Franz-Josef Kaup vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen die Geburt des Affen in Beaverton bei Portland.
"Man wird nicht beim Primaten Halt machen", prophezeit Paul Serhal, Reproduktionsmediziner am Londoner Universitätsklinikum . "Das ist nur der Startschuss für die genetische Manipulation des Menschen in der Zukunft."
Eltern könnten ihre Nachkommen im Labor genetisch "verbessern" lassen: Frauen würden Designer-Babys gebären, die ihre neuen Eigenschaften weitervererbten, phantasiert Serhal.
Doch solche Eingriffe in die menschliche Keimbahn verbietet in Deutschland das Embryonenschutzgesetz. Auch in den Vereinigten Staaten hat eine Arbeitsgruppe des Amerikanischen Verbandes zur Förderung der Wissenschaft solche ethisch heiklen Experimente im vergangenen September strikt abgelehnt.
"Gott verbietet, dass wir die Technik beim Menschen einsetzen", sagt denn auch Schatten. Er habe lediglich das Ziel, beteuert der Mediziner, ganze Horden gentechnisch veränderter Affen zu züchten, um an ihnen menschliche Krankheiten zu studieren: "Andi und seine künftigen Cousins und Brüder und Schwestern werden uns helfen, unsere Wissenslücke zu schließen."
Tatsächlich sind Rhesusaffen in vielerlei Hinsicht weitaus bessere Modelltiere als die ungezählten Mäuse, Ratten, Schafe, Rinder und Schweine, die bisher für unterschiedliche medizinische Zwecke gentechnisch verändert wurden. Wie die Menschen gehören Rhesusaffen zur Ordnung der Herrentiere (Primaten); die bisher entdeckten Gene von Rhesusaffen und Menschen sind zu 95 Prozent identisch. So ist auch das Affenhirn ähnlich strukturiert wie das des Homo sapiens. Hirnleiden wie Alzheimer und Parkinson ließen sich deshalb in genmanipulierten Rhesusaffen trefflich simulieren.
Andi, dessen Name rückwärts gelesen "inserted DNA" (eingefügte DNS) bedeutet, taugt allerdings nicht zum medizinischen Modelltier. Er wurde bloß geschaffen, um zu beweisen, dass der Eingriff ins Affen-Erbgut machbar ist.
Zu diesem Zweck schleusten Schatten und seine Teamkollegen Quallen-Gene in 224 Rhesusaffen-Eizellen. Das neu eingefügte Gen stellt ein Protein her, das grünlich leuchtet, wenn man es mit UV-Licht bestrahlt.
Ein grünes Schimmern verriet den Forschern folglich, welche der Eizellen das fremde Leucht-Gen aufgenommen hatten. In diese Eizellen spritzen die Gelehrten dann jeweils ein Spermium. Die 40 vitalsten der entstandenen Embryonen verpflanzten sie in 20 äffische Leihmütter.
Gut fünf Monate später wurden schließlich drei Affen geboren. Aber nur Andi trägt das fremde Gen im Erbgut; bei seinen zwei Spielgefährten, mit denen er jetzt im Gehege balgt, hat die Manipulation nicht geklappt.
Und zur Enttäuschung seiner Schöpfer leuchtet Andi selber nicht. Das Quallen-Gen hat sich zwar dauerhaft in sein Erbgut eingefügt, doch aus noch rätselhaften Gründen stellt es nicht das gewünschte Protein her.
Gleichwohl dürfte Andi nun eine "neue Ära der genetischen Manipulation" einläuten, wie Reproduktionsmediziner Serhal glaubt. Denn obwohl die amerikanischen Forscher nicht kontrollieren konnten, an welcher Stelle im Erbgut das eingeschleuste Fremd-Gen schließlich landete, hat der Embryo sich völlig normal entwickelt. Allem Anschein nach ist Andi ein putzmunteres Äffchen.
Dass dieser Durchbruch andere Forscher ermuntern könnte, Ähnliches auch beim Menschen auszuprobieren, mag selbst Schatten nicht ausschließen. "Wir lehnen eine solche Ausweitung ab und haben das auch nicht im Sinn", sagt er. Es gebe aber "keine Kristallkugel, mit der sich vorhersagen ließe, wie neue Techniken gebraucht oder missbraucht werden".
Schon jetzt melden sich Forscher, die keinerlei Skrupel plagt. "Ich hätte überhaupt keine Probleme, ein gentechnisch verändertes Menschenbaby herzustellen", behauptet Fortpflanzungsmediziner Serhal. Von Affen zu Menschen sei es nur ein kleiner Schritt.