Amelia Earhart: Forscherteam sucht Überreste der verschollenen Pilotenlegende im Pazifik - DER SPIEGEL
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Forschungsreise Pilotenlegende Amelia Earhart verschwand vor 89 Jahren spurlos über dem Pazifik. Eine Expedition will nun ihr Flugzeug finden

Die Abenteurerin Amelia Earhart überflog bei ihrer Weltumrundung 1937 den Pazifik, sie verschwand ohne ein Lebenszeichen. Nun haben Forscher Hinweise, wo sich ihr Flugzeug befinden könnte.
Pilotin Amelia Earhart 1928 in Southampton
Pilotin Amelia Earhart 1928 in Southampton

Pilotin Amelia Earhart 1928 in Southampton

Foto:

AP / dpa

Als erster Mensch der Geschichte wollte Amelia Earhart die Erde mit einem Flugzeug am Äquator umrunden. Im Jahr 1937 machte sie sich in einem silbernen Doppelmotor-Flugzeug auf den Weg, absolvierte Zwischenlandungen in Brasilien, Westafrika und Indien. Den Großteil ihrer Reise hatte Earhart schon hinter sich, als sie am 2. Juli 1937 über den Pazifik flog – und spurlos verschwand.

Earhart war die erste Frau, die allein den Atlantik überflog, ein Vorbild für Generationen von Pilotinnen. Ihr Versuch, als erste Frau die Erde zu umrunden, machte sie zur Legende – ihr Verschwinden zum Mythos. Seitdem ranken sich Spekulationen um das Schicksal der damals 39-jährigen Flugpionierin: Stürzte sie ins Meer? Strandete sie auf einer Insel? Oder wurde sie gar gefangen genommen?

Jetzt wollen Forscher Klarheit schaffen: Am Samstag startet eine 17-köpfige Expedition zum winzigen Nikumaroro-Atoll im Inselstaat Kiribati, etwa auf halber Strecke zwischen Hawaii und Australien. Dort könnte sich – so hoffen die Wissenschaftler – das Wrack von Earharts Lockheed Electra 10E befinden.

Pilotin Earhart und ihre Lockheed Electra 10E vor ihrem letzten Flug

Pilotin Earhart und ihre Lockheed Electra 10E vor ihrem letzten Flug

Foto: AP / dpa

»Ich bin sehr dankbar, in der Lage zu sein, vielleicht eines der größten Rätsel aller Zeiten zu lösen«, sagte Expeditionsleiter Richard Pettigrew. Eigentlich war die Reise bereits im vergangenen Jahr geplant, wurde dann aber wegen logistischer Hürden und fehlender Genehmigungen verschoben.

Ausgangspunkt der Suche ist eine auffällige Struktur auf Satellitenbildern, das sogenannte »Taraia-Objekt«. Es liegt in der flachen Lagune von Nikumaroro und misst etwa zehn Meter. Das ist in etwa so lang wie der Rumpf von Earharts Flugzeug. Das Gebilde wurde nach einem Wirbelsturm 2015 erstmals auf Satellitenbildern sichtbar, nachdem Sedimente weggespült worden waren. Seither taucht es mal deutlicher, mal schwächer auf – als heller Schimmer unter dem türkisfarbenen Wasser. Der Name »Taraia-Objekt« stammt von der Taraia-Halbinsel, die von der Nordseite der Lagune nach Südwesten ragt.

Wissenschaftler der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana – Earharts einstiger akademischer Heimat – wollen mit einem Team der gemeinnützigen Organisation Archaeological Legacy Institute (ALI) vor Ort untersuchen, was sich wirklich unter der Oberfläche verbirgt.

Zu Beginn wollen die Forscher das Gebiet mit Video- und Fotoaufnahmen dokumentieren, anschließend planen sie, den Meeresboden mit Magnetometern und Sonar zu erkunden. Anschließend soll das Objekt mithilfe einer hydraulischen Saugvorrichtung vorsichtig freigelegt werden. Auch das umliegende Ufer wird systematisch nach angeschwemmten Trümmern abgesucht. Sollte sich die Struktur als Flugzeugteil erweisen, wäre das eine der spektakulärsten archäologischen Entdeckungen der Luftfahrtgeschichte.

Amelia Earhart in einem Cockpit

Amelia Earhart in einem Cockpit

Foto: Zuma Press / dpa

Wer war Amelia Earhart?

Ein großer Teil von Earharts Popularität rührte von ihrem Charisma her, schon als Kind galt Earhart als Draufgängerin. Als sie 1922 ihre Fluglizenz bekam, war allein schon das eine Schlagzeile wert. 1928 war sie die erste Frau, die den Atlantik überquerte, allerdings noch als Passagierin. Sie sei nur Fracht gewesen, »wie ein Sack Kartoffeln«, ärgerte sie sich später. Doch zumindest war sie nun eine Nationalheldin und konnte mit ihrer Popularität ihr eigentliches Herzensprojekt angehen: selbst über den Atlantik zu fliegen.

Und das tat sie. Reibungslos verlief der Flug über den Ozean allerdings nicht: Wegen versagender Ausrüstung und eines undichten Tanks endete die Überquerung fast in einer Katastrophe. Earhart kämpfte mit Müdigkeit, Flammen und Eis auf den Flügeln. Doch sie brachte die Maschine wieder unter Kontrolle und landete schließlich auf einem Feld in Nordirland.

Der weltweite Ruhm war ihr danach sicher. Die Pilotin wurde ein Medienstar, war regelmäßig Gast im Weißen Haus. Und sie nutzte ihren Einfluss auch, um immer wieder für Frauenrechte einzutreten, denn sie war »der männlichen Dominanz überdrüssig«, wie sie sagte.

Aber wie konnte sie die tollkühne Atlantiküberquerung noch toppen? Ihre Antwort: ein Flug um die Welt, den sie 1937 in Angriff nahm. Nach zahlreichen Zwischenlandungen sollte sie nach der Umrundung des Globus wieder auf US-Boden landen. Doch der Stichtag verstrich, ohne dass Earhart oder ihr Navigator Fred Noonan auftauchten.

Pilotin Earhart am Steuer eines Flugzeugs

Pilotin Earhart am Steuer eines Flugzeugs

Foto: AFP

Knochenfunde auf Nikumaroro

Nikumaroro ist kein neuer Name in der langen Suche nach Earhart. Schon seit den Achtzigerjahren vermuten Forscher, dass die Pilotin dort notlandete, nachdem sie das winzige Howland Atoll – ihr eigentliches Ziel – verfehlt hatte und der Treibstoff knapp wurde. Mehrere Expeditionen fanden auf der Insel Überreste, die aus den Dreißigerjahren stammen könnten: etwa Teile eines Damenschuhs und eines Spiegels, Knöpfe und Acrylglas. Indizien, die in die Zeit von Earhart passen, aber nie eindeutig belegt wurden.

Auch waren auf Nikumaroro schon 1940 Knochen entdeckt worden, die aber später nicht mehr aufzufinden waren. 2018 veröffentlichte der amerikanische Anthropologe Richard L. Jantz in der Fachzeitschrift »Forensic Anthropology« eine Studie, wonach die Maße der menschlichen Überreste gut zu den Körpermaßen Earharts passen könnten.

Das Taraia-Objekt gibt Anlass zur Hoffnung auf Antworten. Expeditionsleiter Pettigrew nannte die Mission die vielleicht größte Chance überhaupt, das Mysterium endlich aufzuklären. »Amelia Earharts Flugzeug, die ›Electra‹, zu finden, wäre eine einmalige Entdeckung«, sagte er. Das Team will zunächst nur dokumentieren, nicht bergen. Erst eine zweite Mission könnte später Wrackteile heben und wissenschaftlich analysieren.

ptz/dpa