Ermittlungen Charité-Professor unter Verdacht der Untreue und Bestechlichkeit
Charité-Professor Kiesewetter: Ermittlungen ausgeweitet
Foto: DDPDie Berliner Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen gegen den umstrittenen Medizin-Professor Holger Kiesewetter deutlich ausgeweitet. Neben dem Verdacht des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz stehen nun auch Vorwürfe wegen Untreue und Bestechlichkeit im Raum, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft SPIEGEL ONLINE sagte.
Mitte August sei es zu einer ganzen Reihe von Durchsuchungen gekommen: Beamte seien in Kiesewetters Büro, im von ihm geleiteten Institut für Transfusionsmedizin der Charité sowie in Wohn- und Firmenräumen in Berlin und im Saarland vorstellig geworden. Dabei habe man Dokumente sichergestellt. Es werde auch gegen weitere Personen ermittelt, so der Sprecher. Kiesewetter wollte inhaltlich zu den aktuellen Vorwürfen keine Stellung nehmen.
Der Professor war in den vergangenen Jahren wiederholt in die Schlagzeilen geraten. Dabei ging es unter anderem um dreistes Finanzgebaren, medizinische Studien von zweifelhafter Seriosität und öffentliche Werbung für dubiose Mittelchen. So wurde an seinem Institut eine klinische Studie über ein angebliches Bio-Potenzmittel durchgeführt. Der Wirbel um "Plantagrar" erwies sich später als PR-Coup.
Die Charité distanzierte sich öffentlich von der Studie und schaltete den Ombudsmann für gute wissenschaftliche Praxis sowie ihre Innenrevision ein, um mögliche "wirtschaftliche Interessenkonflikte" aufzuspüren. Zugleich erstattete die Klinikleitung Strafanzeige - und löste so die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aus.
Anfangs war davon die Rede, die Potenzmittel-Studie sei möglicherweise ohne die notwendigen Genehmigungen durchgeführt worden. Inzwischen wird dies nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch bei einer weiteren Kiesewetter-Studie geprüft. Zudem geht es in den Ermittlungen auch um Bestechlichkeit und Untreue: Es bestehe der Verdacht, dass Kiesewetter für die "Plantagrar"-Studie Zuwendungen empfangen und zugleich Personal und andere Ressourcen der Charité genutzt habe. Kiesewetter hatte bisher bestritten, dass die Potenzmittel-Studie mit Drittmitteln finanziert wurde.
Zuletzt hatte sich Kiesewetter von der unter Dopingverdacht stehenden Eisschnellläuferin Claudia Pechstein dafür bezahlen lassen, auf einer Pressekonferenz als Experte aufzutreten. Kiesewetter behauptete bei dem Auftritt am 6. August, das Messen von Retikulozyten sei als Dopingnachweis "absolut ungeeignet". Fachleute auf dem Gebiet - darunter der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel und der Dopingexperte Werner Franke - widersprachen Kiesewetters These allerdings deutlich.