Kekulés Kolumne: Rettet Kyoto! - DER SPIEGEL
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Kekulés Kolumne Rettet Kyoto!

Besser ein schlechtes Klima-Abkommen als gar keins: Nur wenn Europa dem Großverschmutzer USA entgegenkommt, gibt es noch Hoffnung für das Kyoto-Protokoll.
Von Alexander S. Kekulé
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann bekanntlich Stürme auslösen und das Klima umschlagen lassen. Dass das auch mit einem Baseballschläger funktioniert, hat US-Präsident George W. Bush vergangene Woche in Camp David vorgeführt: Japans Premierminister Junichiro Koizumi, der vor seiner Abreise noch über die Klimapolitik der USA gewettert hatte, solidarisierte sich nach dem gemeinsamen Baseballspiel unvermittelt mit dem Gastgeber - und versetzte damit dem Klimaprotokoll von Kyoto den Todesstoß.

Bis zuletzt hatten die Europäer an dem Plan gearbeitet, die 1997 von 168 Staaten unterzeichnete Vereinbarung notfalls auch ohne die USA zu ratifizieren. Dazu müssten 55 Länder mitmachen, die zusammen für mindestens 55 Prozent des globalen Kohlendioxid-Ausstoßes im Bezugsjahr 1990 verantwortlich waren. Ohne die USA, die knapp ein Viertel des Treibhausgases produzieren, wäre die Bedingung gerade noch zu erfüllen gewesen. Mit dem Ausstieg Japans könnten die EU und ihre Verbündeten zwar rein rechnerisch noch 55,07 Prozent erreichen - praktisch wäre ein Abkommen ohne die beiden Hauptverschmutzer unter den Industriestaaten jedoch wertlos.

Ist die Klimaschutzkonferenz damit gescheitert, noch bevor sie am kommenden Donnerstag in Bonn fortgesetzt wird? Endet der lange Weg von Rio, wo beim Umweltgipfel 1992 die Klimakonvention unterzeichnet wurde, über Kyoto und Den Haag nun kläglich in Bonn-Bad Godesberg?

Wenn die EU ihre harte Linie gegenüber den USA weiter verfolgt, wird es wohl so kommen. Präsident Bush will die in Teilen des Landes drohende Energiekrise sogar durch Erschließung neuer Öl- und Gasvorkommen abwenden und steigende Energiepreise auf jeden Fall vermeiden. Premier Koizumi braucht die Unterstützung der USA für sein Programm zur Restrukturierung der angeschlagenen japanischen Wirtschaft.

Das bittere Medikament zur Rettung von Kyoto heißt daher: Klein beigeben. Ein ratifiziertes Protokoll mit abgeschwächten Vorgaben ist allemal besser als ganz von vorne anzufangen - zumal die Erde nicht gleich im Kohlendioxid-Nebel erstickt, wenn die Einwände der USA berücksichtigt werden.

Das Kyoto-Protokoll verlangt eine Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes der Industrieländer um durchschnittlich 5,2 Prozent im Zeitraum 2008 bis 2012 gegenüber den Vergleichswerten von 1990. Die Vorgaben für die einzelnen Staaten variieren beträchtlich: Die USA müssen sieben, Europa acht Prozent reduzieren; Australien dagegen darf den Ausstoß um acht Prozent steigern. Entwicklungsländer wie China - der zweitgrößte Kohlendioxid-Produzent nach den USA - und Indien haben überhaupt keine Vorgaben bekommen.

Daher wird sich auch bei Erfüllung der Kyoto-Kriterien der jährliche Ausstoß des Treibhausgases bis 2010 um 26 Prozent auf 7,3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff erhöhen - statt auf 7,8 Milliarden Tonnen ohne Kyoto. Das Wichtigste an dem Abkommen ist daher nicht die ökologische, sondern die psychologische Wirkung: Mit der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls hätte die Staatengemeinschaft zum erstem Mal in ihrer Geschichte ein Instrument zur Bekämpfung eines ernsten globalen Umweltproblems geschaffen.

Die Europäer könnten den USA die - zwar wissenschaftlich unhaltbare - Anrechnung ihrer Waldbestände als "Kohlendioxid-Senken" zugestehen, an der die letzte Konferenz in Den Haag hauptsächlich gescheitert ist. Dadurch würden de facto die Zielvorgaben abgemildert - die jedoch sind nach vernünftigem Ermessen in der verbleibenden Zeit ohnehin nicht mehr erreichbar.

Das zweite Argument des US-Präsidenten, das Kyoto-Protokoll mache ohne Einbindung der großen Entwicklungsländer keinen Sinn, ist langfristig sogar berechtigt. Die Großverschmutzer China und Indien wurden jedoch bewusst ausgespart, da sie sich nicht so schnell anpassen können und die Technologien zur Vermeidung von Treibhausgasen zuerst von den Industrieländern entwickelt werden sollten.

Allerdings spricht nichts dagegen, den Vorschlag der USA aufzugreifen und die Entwicklungsländer mit längeren Zeitvorgaben schrittweise in die Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes einzubinden. George W. Bush, dem auch zuhause Umweltaktivisten von Bianca Jagger bis Robert Redford schwer zusetzen, könnte damit das Image des "bad guy" abschütteln - die psychologische Wirkung von Kyoto ist eben wichtiger als die ökologische, so oder so.

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