Numerator Fußballmythen entzaubert
Das Schöne am Fußball ist, dass jeder dazu eine Meinung haben kann. War das wirklich Abseits? Hat der tatsächlich noch Mumm, einen Elfer reinzumachen? Wo ist denn die Viererkette? Als Aufhänger für aufgeregte Debatten taugt das Gekicke auf zwei Tore allemal.
Doch wie alles Schöne hat auch Fußball einige Makel. Das sind nicht nur Spiele, die völlig zu Unrecht verlorengehen, sondern vor allem die Plattitüden, die Reporter wie laut kommentierende Zuschauer immer wieder von sich geben. Auch bei der bevorstehenden Europameisterschaft wird das wieder geschehen.
Fußballmythen sind eben nur schwer als solche zu entlarven. Doch es gibt Hoffnung: Auch unter Wissenschaftlern ist die Begeisterung für das Gebolze weit verbreitet, egal ob millionenschwere Profis oder Amateure dem Leder hinterher jagen. Und wenn Forscher sich für etwas interessieren, dann fangen sie auch schon mal an zu rechnen.
Der Dortmunder Physiker Metin Tolan ist einer der Enthusiasten, der Fußball gar zum Thema einer abendfüllenden Vorlesung macht und eine Bundesliga simuliert, in der allein der Zufall über den Spielausgang entscheidet. Aber auch Psychologen und Ökonomen interessieren sich für den Sport, gleicht er doch mitunter auch dem, was sonst ihr Hauptuntersuchungsgegenstand ist: Das Entstehen von Meinungen und Legenden, die das Marktgeschehen beeinflussen.
Was ist ein Mythos? Und welche angebliche Fußballerweisheit ist tatsächlich eine? Die Antwort darauf finden Sie hier:
1.
Das Runde muss ins Eckige.
2.
Fußball ist ungerecht.
3.
Ein Spiel dauert 90 Minuten.
4.
Der Gefoulte sollte einen Elfmeter nicht selbst schießen.
5.
Ein Tor kurz vor der Halbzeit ist wichtiger als eins zu Beginn.
6.
Nach einem geschossen Tor steigt die Gefahr eines Gegentors.
7.
Wer beim Elfmeterschießen beginnt, ist im Vorteil.
8.
Mit einem neuen Trainer läuft's besser.
9.
40 Prozent aller Tore fallen rein zufällig.
10.
Seit es drei Punkte für einen Sieg gibt, fallen mehr Tore.
11.
Der Torwart kann den Schützen beim Elfmeter manipulieren.
12.
Teams in Rot gewinnen häufiger als Teams in andren Farben.
13.
Mit Effet geschossene Bälle überfordern das Hirn.
14.
Bei Eckbällen schindet die führende Mannschaft gern Zeit.
15.
Wer zu Hause spielt, hat bessere Siegchancen.
Das Runde muss ins Eckige.
Stimmt höchstens näherungsweise.
Warum? Weil das Runde ja eigentlich gar nicht richtig rund ist, auch wenn der Hersteller des offiziellen WM-Leders "Europass" seine perfekte Kugelform lobt. Doch Geometrie-Verstehern ist es ein Rätsel, wie man aus 14 Einzelstücken eine ideale Kugel zusammenbauen soll - genau das macht Adidas jedoch, übrigens genau wie beim Ball der WM 2006 "Teamgeist".
Eine perfekte Kugel - soviel ist klar - bleibt ein unerreichbares Ideal. Das weiß niemand besser als Arnold Nicolaus von der Physikalischen Bundesanstalt in Braunschweig, der gemeinsam mit Kollegen die nach seinen Angaben bestmögliche Kugel der Welt hergestellt hat - aus einem Siliziumkristall. Die perfekten Rundungen dienen einem ambitionierten Ziel: Die Braunschweiger Physiker wollen das in Paris lagernde Urkilogramm ersetzen.
Fazit für das EM-Turnier: Das Eckige muss ins Eckige.
Fußball ist ungerecht.
Stimmt!
Grundsätzlich gilt: Je mehr Punkte, Körbe oder Tore beim Spiel einer Sportart durchschnittlich erzielt werden, desto weniger beeinflusst der Zufall den Spielausgang. In einem Fußballspiel schießt ein Team im Schnitt 15 bis 25 Mal aufs Tor, mitunter ohne einen einzigen Treffer. Beim Basketball beispielsweise gibt es hingegen Dutzende Körbe pro Spiel - das individuelle Können und die Stärke einer Mannschaft beeinflusst das Ergebnis deshalb stärker als beim Fußball.
Dies hat Eli Ben-Naim vom Los Alamos National Laboratory bereits vor Jahren bei einem Vergleich der Premier League mit typischen US-Sportarten wie Eishockey, Basketball oder American Football gezeigt. Seine Analyse von 300.000 Einzelspielen, darunter 43.000 aus der britischen Premier League, ergab, dass es beim Kicken mit Abstand die meisten Überraschungen gibt. 45 Prozent aller Spiele werden vom vermeintlichen Underdog gewonnen, der laut Rangliste eigentlich verlieren müsste. Beim Basketball beträgt die Überraschungsquote gerade mal 36 Prozent. Genauso vorhersehbar ist American Football (NFL) mit 36 Prozent.
Fazit: Fußball ist ungerecht, dafür aber auch spannend.
Ein Spiel dauert 90 Minuten.
Falsch!
Wenn man nur die Sekunden addiert, in denen tatsächlich gespielt wird, der Ball also vom Schiedsrichter freigegeben ist, dann dauert ein Spiel im Schnitt nur 55 Minuten. Dies haben Sportwissenschaftler der Universität Augsburg festgestellt, als sie sämtliche Unterbrechungen in der WM-Endrunde 2006 analysierten. Die Endrunde umfasst alle 16 Spiele vom Achtelfinale bis zum Finale und das Spiel um Platz drei.
Allein die durchschnittlich 39 Freistöße pro Spiel verursachten insgesamt knapp 14 Minuten Unterbrechungszeit, fanden Martin Lames und seine Kollegin Claudia Augste heraus. Alle Unterbrechungen zusammen nehmen ungefähr 35 Minuten in Anspruch - pro Partie wohlgemerkt.
Der Gefoulte sollte einen Elfmeter nicht selbst schießen.
Ein Mythos!
Statistisch gesehen ist es egal, wer den Elfer tritt, haben Wissenschaftler der Universität Halle-Wittenberg herausgefunden. Sie werteten alle 835 Foulelfmeter der Bundesliga-Statistik von August 1993 bis Februar 2005 aus. Etwa jeder achte, nämlich 102 davon, wurden vom gefoulten Spieler selbst ausgeführt. Das Ergebnis: Die Erfolgsquote der Gefoulten lag bei 73 Prozent, die der nichtgefoulten Schützen bei 75.
"Dieser Unterschied liegt im Rahmen der zufälligen Schwankung und lässt nicht auf einen echten Effekt schließen", sagte der Biometriker Oliver Kuß, der seine Erkenntnis in der Fachzeitschrift "Journal of Sports Sciences" veröffentlicht hat.
Also, Gefoulte: Immer ran an den Elfer, er geht statistisch gesehen genauso oft rein wie beim Kollegen!
Ein Tor kurz vor der Halbzeit ist wichtiger als eins zu Beginn.
Nein!
Es klingt ja irgendwie einleuchtend, dass es die Moral stärkt, wenn man erst kurz vorm Pausentee den Ball im Netz versenkt. Doch die These ist falsch. Ein Treffer kurz vor der Halbzeit hat keinen größeren Effekt auf den Spielausgang als ein Tor am Anfang der ersten Hälfte, hat der Wirtschaftsforscher Peter Ayton von der City University London festgestellt, der Spiele aus der englischen Premier League analysierte.
Fazit: Es kommt nicht so drauf an, wann es klingelt, sondern ob. Das ist dann aber wirklich eine Plattitüde.
Falsch!
Auch dieser Mythos wurde vom Briten Peter Ayton als solcher entlarvt - auf Basis von Statistiken aus der Premier League. Wer in vorangegangenen Spielen Tore gemacht hat, erhöht dadurch nicht die Wahrscheinlichkeit, im kommenden Spiel wieder Treffer zu landen. Doch das Gerede vom "guten Lauf" ist nicht zu stoppen. Ist es Neid, weil einem selbst nur selten etwas gelingt - im Unterschied zu Luca Toni? Oder ist es schlicht Aberglaube? Statistisch belegen lässt sich der "gute Lauf" (englisch: hot foot) jedenfalls nicht.
Nach einem geschossen Tor steigt die Gefahr eines Gegentors.
Stimmt nicht!
Statistiken der Premier League bestätigen nicht, was mancher Reporter als dunkle Vorahnung verbreitet, während die Mannschaft noch über ihr gerade geschossenes Tor jubelt. Der Londoner Wirtschaftswissenschaftler Peter Ayton hat auch diese These widerlegt, die jeder Hobbypsychologe sofort für richtig halten würde.
Wer beim Elfmeterschießen beginnt, ist im Vorteil.
Falsch!
Das Duell Schütze gegen Torwart ist psychologisch aufgeladen - keine Frage. Aber beim Elfmeterschießen ist es weder ein Vorteil noch ein Nachteil für ein Team, wenn es den ersten Ball treten muss. Das hat der Wirtschaftswissenschaftler Matthias Sutter von der Universität Innsbruck gemeinsam mit Kollegen herausgefunden. Die Analyse von Elfmeterkrimis präsentierte er auf der Tagung , die wenige Tage vor Start des Turniers im EM-Spielort Innsbruck stattfand.
Mit einem neuen Trainer läuft's besser.
Ein Wunschtraum!
David Forrest von der englischen University of Salford hat Trainerwechsel in Argentinien unter die Lupe genommen. Ergebnis: Neue Besen kehren nicht besser, Coachwechsel haben überhaupt keinen Effekt, berichtete Forrest auf der Konferenz in Innsbruck. Ganz wirkungslos ist ein neuer Trainer freilich nicht: Zumindest das heimische Publikum ist mit dem eigenen Verein versöhnt und unterstützt das Team wieder besser, fand der Ökonomieprofessor heraus.
40 Prozent aller Tore fallen rein zufällig.
Stimmt!
Wissenschaftler vergleichen Spielprognosen gern mit Wettervorhersagen, obwohl Meteorologen in der Regel genauer liegen als vermeintliche Fußballexperten. Aber nicht nur der Spielausgang ist zufällig, auch das Toreschießen selbst, hat der Augsburger Sportwissenschaftler Martin Lames berechnet. 40 Prozent aller Tore fallen zufällig - beispielsweise weil der Ball unglücklich abgefälscht wird oder ein Abpraller einem Stürmer genau vor die Füße rollt.
Wegen dieser großen Bedeutung des Zufalls hat Lames sogar empfohlen, diesen gezielt zu suchen. Es könne nicht nur darum gehen, schematisch Angriffe vorzutragen, sondern es gelte vielmehr auch, .
Seit es drei Punkte für einen Sieg gibt, fallen mehr Tore.
Schön wär's!
Luis Garicano, Professor für Wirtschaft an der University of Chicago hat die Auswirkungen der Drei-Punkte-Regel untersucht - und dabei Unschönes festgestellt: Zwar gibt es verstärkte Offensivbemühungen, zugleich wird aber das Spiel der gegnerischen Mannschaft auch stärker als früher sabotiert. Ergebnis: Die erhoffte Toreflut, die das Spiel attraktiver machen sollte, ist ausgeblieben. Geändert hat sich aber trotzdem etwas: Sobald ein Team in Führung liegt, agiert es vorsichtiger als noch vor Jahren. Es wird stärker verteidigt, das Spiel regelrecht zerstört.
Fazit: Drei Punkte für einen Sieg sind schön für den Sieger - aber nicht zwangsläufig auch für den Zuschauer.
Der Torwart kann den Schützen beim Elfmeter manipulieren.
Ja, tatsächlich!
Kann ein Fußball-Torwart beeinflussen, in welche Ecke der Ball beim Elfmeter fliegt - ohne dass der Schütze die Manipulation bemerkt? Rich Masters von der University of Hong Kong glaubt, dass es funktioniert. Sein Team hat 200 Videoaufzeichnungen von Strafstößen der Fußball-WM 2006, der Europameisterschaft, des Afrika-Cups und der Uefa Champions League analysiert und dabei den Psychotrick der Keeper entdeckt.
Der Torwart muss sich nur ein Stück weit rechts oder links der Tormitte positionieren, zwischen 6 und 10 Zentimetern von der Mitte entfernt, wie die Forscher herausgefunden haben. Der Schütze könne eine so kleine Abweichung kaum erkennen. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass er in die offenere Ecke schießt, beträgt laut Masters immerhin 60 Prozent. Wenn der Torwart sich aber zu offensichtlich für eine Ecke entscheidet, wird er vom Schützen durchschaut und der Trick funktioniert nicht mehr.
Teams in Rot gewinnen häufiger als Teams in anderen Farben.
Leider falsch!
Jürgen Klinsmann mochte die roten Shirts besonders, aber ein Siegfaktor sind sie nicht. Das haben Martin Kocher von der Ludwig-Maximilians-Universität München und sein Innsbrucker Kollege Matthias Sutter festgestellt, als sie die 306 Spiele der Bundesliga-Saison 2000/01 auswerteten. Die verbreitetste Dressfarbe war Weiß (29 Prozent), gefolgt von Rot (23 Prozent), Blau (21 Prozent), der Kombinationen Rot-Weiß (9 Prozent), Grün und Schwarz-Gelb (je 6 Prozent). Einen Zusammenhang von T-Shirt-Farbe und Siegen konnten die Forscher allerdings nicht feststellen.
Ganz anders ist die Situation übrigens bei Wrestling, Judo, Taekwondo und Boxen. Hier haben frühere Studien ergeben, dass die Farbe sehr wohl mit dem Ausgang eines Duells korreliert. Rote und blaue Shirts gelten hier als Erkennungsmerkmal der Sieger - zumindest statistisch.
Fazit: Beim Boxen sind Rotgekleidete im Vorteil, aber dafür gibt's beim Fußball normalerweise eine rote Karte.
Mit Effet geschossene Bälle überfordern das Hirn.
Stimmt!
Der Ball scheint zunächst ganz normal zu fliegen - doch dann dreht er plötzlich ab, als hinge er an einem Gummiband. Es ist verdammt schwer, die Flugbahn eines Spielgeräts mit Effet richtig vorherzusagen. Cathy Craig von der Queen's University in Belfast hat bereits vor zwei Jahren untersucht, wie Menschen eine solche gekrümmte Flugroute wahrnehmen. Ihr Team zeigte einigen erfahrenen Fußballern Computersimulationen von Freistößen mit und ohne Seitwärtsdrall. Dabei mussten die Kicker ihre Augen auf die Mitte des virtuellen Tors fixieren und jeweils vorhersagen, ob der Freistoß ein Treffer sein würde.
Das Ergebnis entlastet auch gescholtene Torhüter: Selbst professionelle Spieler scheiterten an der korrekten Torprognose, während sie bei geradeaus fliegendem Leder kaum Probleme hatten. Das Abdrehen der Bälle geht übrigens auf den sogenannten Magnus-Effekt zurück: Wenn sich eine Kugel um die eigene Achse dreht und dabei von Luft umströmt wird, wirkt auf sie eine seitwärts gerichtete Kraft.
Bei Eckbällen schindet die führende Mannschaft gern Zeit.
Falsch!
Es klingt zunächst logisch: Wer vorn liegt, verzögert wo er nur kann. Aber ausgerechnet bei Eckbällen lässt sich nicht allzu viel Zeit herausholen. Muss eine Mannschaft ein Tor schießen, dann rücken bei einem Eckstoß kopfballstarke Abwehrspieler auf, was nach einer Analyse Augsburger Sportwissenschaftler im Schnitt 25 Sekunden dauert. "Wenn kurz vor Schluss eine Führung verteidigt werden soll, geht man das Risiko aufgerückter Verteidiger nicht mehr ein und greift eher zu einer kurzen Ecke, wie frühere Untersuchungen gezeigt haben", sagt Claudia Augste, selbst ehemalige Bayern-Auswahlspielerin.
Wahre Experten in Sachen Zeitspiel sind hingegen die Männer im Kasten: "Besonders die Torhüter zeigen ein ausgeprägtes Zeitgefühl", berichtet Sportwissenschaftler Martin Lames. "Während ein Abstoß bei Rückstand in der letzten Viertelstunde gerade mal 12 Sekunden beansprucht, findet man bei Vorsprung etwa den doppelten Wert." Ähnliches gelte für Einwürfe, an deren Dauer man theoretisch während des gesamten Spiels ablesen könne, ob die einwerfende Mannschaft in Führung liege oder nicht.
Wer zu Hause spielt, hat bessere Siegchancen.
Das stimmt immer seltener.
Der Heimvorteil wegen der Unterstützung durch ein begeistertes Publikum wird immer unwichtiger. Das hat die angehende Diplom-Statistikerin Eva Heinrichs von der Universität Dortmund herausgefunden - in ihrer Abschlussarbeit mit dem Titel "Mythos Heimvorteil". Laut ihrer Analysen spielte das Phänomen in den Siebzigern und Achtzigern durchaus noch eine Rolle, mittlerweile aber kaum noch.
Heinrichs hatte alle Spiele der 1. Bundesliga seit 1963, die Begegnungen der spanischen, italienischen und englischen ersten Ligen seit 1963 sowie die Partien der 2. Bundesliga seit 1974 analysiert - insgesamt 71.000 Partien. Ihr Fazit: "Weniger als die Hälfte aller Spiele werden im heimischen Stadion noch gewonnen - von Heimvorteil kaum noch eine Spur." Für den Effekt macht die junge Frau unter anderem die generell gesunkene Anzahl von Toren pro Spiel verantwortlich. Heinrichs sagt, dass die zunehmende Leistungsdichte im Profifußball den Heimvorteil schmälert. Länderspiele hat die Statistikerin zwar nicht explizit untersucht, aber sie glaubt an die Gültigkeit ihrer Ergebnisse auch hier: "Ich vermute, dass es sich ähnlich verhält."