Preußens Aufstieg Wie Friedrich II. zum Großen wurde
Voltaire rieb sich verwundert die Augen. "Jemand müsste etwas darüber schreiben, was da gerade geschieht", notierte der Philosoph 1757, als sein Freund, der Preußenkönig Friedrich der Große, gleichzeitig gegen drei Großmächte Krieg führte: gegen Österreich, Frankreich und Russland.
"Es wäre von einigem Nutzen", meinte Voltaire, "wenn man erklären könnte, wie es dazu kam, dass das sandige Land Brandenburg so mächtig geworden ist, dass man mehr Streitkräfte gegen Brandenburg mobilisiert hat als jemals gegen Ludwig XIV." - den "Sonnenkönig", der Frankreich mit militärischer Gewalt zum europäischen Hegemon gemacht hatte.
Sieben Jahre, von 1756 bis 1763, währte der Krieg, den Preußens expansionslüsterner Herrscher nach einem Pakt mit England angezettelt hatte. Mehrmals schien die preußische Armee geschlagen. Dass Friedrich mit heiler Haut davonkam, verdankte er zwei wundersamen Ereignissen, die als "Mirakel des Hauses Brandenburg" berühmt wurden: Nach der katastrophalen preußischen Niederlage bei Kunersdorf 1759 verschonten die Sieger die Hauptstadt Berlin, anstatt sie zu erobern. Und 1762 starb mit nur 52 Jahren die russische Zarin Elisabeth, deren Nachfolger Peter III. Frieden mit Friedrich schloss.
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Preußen etablierte sich als fünfte europäische Großmacht. Und so erstaunlich wie dieser Krieg gestaltete sich der gesamte Aufstieg des Landes im Lauf der Jahrhunderte.
Im Anfang herrschten Anarchie und Chaos in Brandenburg, nachdem die dort regierenden Askanier 1320 ausgestorben waren. Die Landadligen befehdeten einander und betrieben Raubrittertum. Um wieder Ordnung zu schaffen, gab der römisch-deutsche König Sigismund 1415 dem Nürnberger Burggrafen Friedrich VI. aus dem ursprünglich schwäbischen Geschlecht der Hohenzollern Brandenburg als Lehen. Damit erwies er seine Dankbarkeit, denn der Franke hatte seine Wahl zum König maßgeblich unterstützt und ihm zuvor bereits im Kampf gegen die Türken beigestanden.
Das Land war arm, aber sexy: Der Besitz der Markgrafschaft bedeutete, als einer von sieben Kurfürsten den Herrscher des Heiligen Römischen Reiches wählen zu dürfen.
Ein glücklicher Umstand führte zur ersten Gebietserweiterung. 1511 wurde ein Verwandter der brandenburgischen Regenten, Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach, zum Hochmeister des Deutschen Ordens gewählt. Und so regierte ein Hohenzoller von Königsberg aus das Land zwischen Weichsel und Memel, das vom einstigen Deutschordensstaat übrig geblieben war. Martin Luther persönlich bewog Albrecht, sein Territorium in ein evangelisches Erbherzogtum umzuwandeln.
Doch die direkte Erbfolge riss schon in der nächsten Generation ab. Der geisteskranke Sohn Albrechts, an dessen Stelle ein Administrator das Land verwaltete, starb 1618 ohne männliche Nachkommen. Durch Heiraten und Erbvereinbarungen war indes Vorsorge getroffen worden, dass das Herzogtum Preußen den brandenburgischen Kurfürsten zufiel.
Damit bildeten Brandenburg und Preußen ein gemeinsames, wenn auch räumlich getrenntes Staatswesen. Außerdem waren vier Jahre zuvor, weit entfernt am Niederrhein, das Herzogtum Kleve sowie die Grafschaften Mark und Ravensberg dank geschickter Heiratspolitik in den Besitz der Brandenburger gekommen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gehörten die Hohenzollern bereits zu den mächtigsten Fürsten im Reich. Ihre Residenzstadt Berlin blühte auf, Adel und Bürgertum kamen zu Wohlstand. Doch mit dem Dreißigjährigen Krieg nahm der Aufschwung ein jähes Ende.
Kein anderes Land litt mehr unter den Feldzügen, jeder zweite Einwohner Brandenburgs kam ums Leben.
Mal waren es die kaiserlichen Heerscharen oder die Truppen der katholischen Liga, mal die schwedische Armee, die dort brandschatzten und plünderten. Das Land, militärisch ohnmächtig, war ein Spielball im Machtkampf der großen europäischen Nationen.
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Immerhin gewann Brandenburg im Westfälischen Frieden 1648 einige Ländereien hinzu. Wichtig war vor allem Hinterpommern, das Brandenburg einen Zugang zur Ostsee verschaffte. Das strategisch und für den Handel weitaus wichtigere Vorpommern mit Stettin und der Odermündung schanzten die bei den Friedensverhandlungen tonangebenden Franzosen jedoch den Schweden zu, ihren wichtigsten Verbündeten.
Mit großem Eifer ging der seit 1640 regierende Kurfürst Friedrich Wilhelm daran, die zersplitterten Teile seines Herrschaftsgebiets, die ein reges Eigenleben führten, miteinander zu verklammern. Die Stände, die organisierten Interessenvertretungen der regionalen Eliten von Adel, Klerus und Bürgertum, wehrten sich erbittert gegen Beschränkungen ihrer Mitspracherechte.
Friedrich Wilhelm paktierte mal mit diesen, mal mit jenen, weshalb man in Europa über sein "Wechselfieber" lästerte
Wegen seines weit verstreuten Besitzes und der geografischen Mittellage auf dem Kontinent war Brandenburg, ein Binnenstaat ohne natürliche Grenzen, auch für Angriffe von außen anfällig. Die Kehrseite des unerwarteten Aufstiegs war das ständige Gefühl, verwundbar zu sein. Um ihr Land besser sichern zu können, strebten alle preußischen Herrscher nach strategisch günstigen Veränderungen ihres Territoriums.
Militärisch ließ sich auch einiges tun. Friedrich Wilhelm baute als erster ein schlagkräftiges stehendes Heer auf. Zu Beginn seiner Regierungszeit verfügte die brandenburgische Armee über kaum mehr als 3000 Mann; als der Kurfürst 1688 starb, standen bereits 30.000 Soldaten fest unter Waffen.
Außenpolitisch nutzte er flexibel die Spielräume, die ihm andere, stärkere Staaten ließen. Er paktierte mal mit diesen, mal mit jenen, weshalb man in Europa über das "Wechselfieber" des Brandenburgers lästerte. Im Nordischen Krieg (1655 bis 1660) zwischen Polen und Schweden verbündete sich der Kurfürst zunächst mit dem schwedischen König Karl X. Gustav, der ihm die volle Souveränität über Preußen versprach, das noch polnisches Lehen war. Als Friedrich Wilhelm erkannte, dass ihm auch die Polen Preußen überlassen würden, er das ganze Pommern den Schweden aber nur mit Waffengewalt abringen konnte, kämpfte er an der Seite Polens.
Im Frieden von Oliva 1660 bekam Friedrich Wilhelm zwar nicht das begehrte Vorpommern - Frankreich sorgte dafür, dass Schweden den deutschen Brückenkopf behielt. Aber der polnische König übertrug den Hohenzollern die uneingeschränkte Herrschaft über das Herzogtum Preußen. Dadurch machte Brandenburg, wie der preußische Historiker Otto Hintze 1915 formulierte, "einen gewaltigen Fortschritt auf der Bahn zu einer selbstständigen Machtstellung".
Friedrich Wilhelm wechselte die Partner noch öfter. So zog er mit dem Habsburger-Kaiser gegen Frankreich in den "Holländischen Krieg" (1672 bis 1679), dann verbündete er sich wieder mit Ludwig XIV. Seit der Schlacht bei Fehrbellin 1675, wo seine Armee die erneut in die Mark eingedrungenen Schweden vernichtend schlug, wurde er der "Große Kurfürst" genannt. Die einst unbedeutende Markgrafschaft Brandenburg war zu einem Mitspieler auf der europäischen Bühne geworden.
Weil Friedrich Wilhelm seine Jugend teilweise in den Niederlanden verbracht hatte und mit einer Oranier-Prinzessin verheiratet war, wollte er der großen Seefahrernation nacheifern. Die Niederlande waren durch überseeische Kolonien und eine große Handelsflotte zu einer globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Der Kurfürst war deshalb überzeugt, dass "Handlung und Seefahrt die fürnehmsten Säulen eines Staates" seien.
Im Auftrag des Brandenburgers unternahm der niederländische Kaufmann Benjamin Raule im Sommer 1680 eine erste Expedition nach Westafrika. Raule sollte dort Gold, Elfenbein und Sklaven erwerben und in Portugal oder Spanien gewinnbringend verkaufen. An der Küste des heutigen Ghana errichtete Raule 1683 die kleine brandenburgische Kolonie Groß Friedrichsburg.
Im Jahr zuvor war die Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie (BAC) gegründet worden, die erste deutsche Aktiengesellschaft. Die BAC verlegte bald ihren Sitz von Königsberg nach Emden. Das war möglich geworden, weil Brandenburg den Ständen Ostfrieslands als Schutzmacht beigesprungen war und dadurch einen Hochseehafen an der Nordsee bekommen hatte. Neben Groß Friedrichsburg besetzten die Brandenburger 1685 die Insel Arguin vor der Küste des heutigen Mauretanien.
Die Kolonialherrschaft blieb ein kostspieliges Intermezzo. Friedrich Wilhelms gleichnamiger Enkel betrachtete "dieses Afrikanische Commerzien-Wesen" geringschätzig "als eine Chimäre" und verkaufte die Kolonie 1721 an die Niederländer.
Kurz vor seinem Tod 1688 zog der Große Kurfürst Bilanz: "Jeder weiß, in wie trauriger Zerrüttung das Land gewesen, als ich die Regierung begann; durch Gottes Hilfe habe ich es in besseren Stand gebracht." Eine Meinung, die später auch Friedrich der Große teilte.
Fast aber hätte der Große Kurfürst die Einheit seines Reiches gleich wieder verspielt. Testamentarisch hatte er verfügt, dass Brandenburg-Preußen unter allen seinen Söhnen aufgeteilt werden solle - neben Kurprinz Friedrich aus seiner ersten Ehe sollten auch dessen vier Stiefbrüder aus zweiter Ehe auf bevorzugte Weise ("Sekundogenitur") bedacht werden. Doch Friedrich konnte sich juristisch dagegen durchsetzen.
Allerdings litt der neue Kurfürst, Friedrich III., seit frühester Kindheit an einer Rückgratverkrümmung. Der Berliner Volksmund nannte ihn daher den "schiefen Fritz". Vielleicht führte das körperliche Gebrechen dazu, dass er zeitlebens einen starken Hang zu Prunk und Pathos hatte. Geradezu besessen strebte Friedrich III. nach Höherem: Er wollte König werden.
Mit diesem Wunsch stand er nicht allein. Viele deutsche Fürsten wetteiferten in jener Zeit darum, irgendwo eine Königskrone zu ergattern. 1697 wurde der Kurfürst von Sachsen zugleich König von Polen. Der Kurfürst von Hannover hatte als mütterliches Erbe den englischen Königsthron in Aussicht, den er 1714 bestieg. Und der Kurfürst von Bayern erhob, allerdings vergebens, Ansprüche auf die spanische Krone.
Jahrelang bedrängte Friedrich den habsburgischen Kaiser Leopold I., ihm die Königswürde zu gewähren. Zum Dank dafür, dass ihm der Kurfürst für den bevorstehenden Krieg gegen Frankreich um die spanische Thronfolge 8000 Soldaten zu stellen versprach, gab der Kaiser schließlich seine Zustimmung. König durfte Friedrich aber nur in dem außerhalb des Reiches gelegenen Preußen werden. Nachdem sich der Brandenburger 1701 in Königsberg die Krone selbst aufgesetzt hatte, nannte er sich Friedrich I., "König in Preußen". König von Preußen durfte er nicht sein, weil es noch ein Stück Preußen gab, das zu Polen gehörte.
Die Königswürde trug erheblich dazu bei, die Einzelteile des zerklüfteten Staatswesens einander anzugleichen. Der Historiker Heinrich Leo urteilte 1864 mit zeittypischem Patriotismus: "Das Hineinwachsen der Einheit in die brandenburgischen Länder begann im Augenblick der Krönung." Den Behörden und der Armee sei dadurch ein "unaufhaltsamer Trieb zur Einheit des Ganzen eingepflanzt" worden.
Doch bald folgte ein herber Rückschlag. Als 1709/10 in Ostpreußen gleichzeitig Pest und Hungersnot ausbrachen, stürzte die junge Monarchie in ihre erste ernste Krise. Die Epidemie kostete rund 250.000 Menschen das Leben, das war etwa ein Drittel der dortigen Bevölkerung. Weder die Zentral- noch die Provinzverwaltung waren imstande, wirksame Maßnahmen gegen die Katastrophe zu ergreifen.
Das Desaster in Ostpreußen zeigte die Ineffektivität der Ämter und die Korruptheit der Minister und leitenden Beamten. Bei einer offiziellen Untersuchung wurden Veruntreuungen und Unterschlagungen riesigen Ausmaßes aufgedeckt. Der Kronprinz war entsetzt: "Es ist der tollste Haushalt von der Welt."
Nach dem Tod seines Vaters 1713 wurde er als Friedrich Wilhelm I. neuer König und packte sofort institutionelle Reformen an. Binnen weniger Jahre krempelte er die brandenburgisch-preußische Verwaltungslandschaft um, indem er zum Beispiel konkurrierende Behörden vereinigte.
Man nannte ihn den "Soldatenkönig" wegen seiner Leidenschaft für das Militär. Erst fast 200 Jahre später, so der nationalkonservative Preußen-Experte Hans-Joachim Schoeps 1966, habe sich das Bild des Königs gewandelt, "als man die Bedeutung der inneren Verwaltung und der harten Selbstzucht besser verstand, die er seinem Volke auferlegte, um es zur angestrebten Größe zu befähigen".
Theodor Fontane ließ in seinem Roman "Der Stechlin" am Ende des 19. Jahrhunderts einen Pastor rückblickend urteilen: "Friedrich Wilhelm I. hat nicht bloß das Königtum stabilisiert, er hat auch, was viel wichtiger ist, die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit gesetzt."
Bislang war das Generalfinanzdirektorium dafür zuständig gewesen, die Kontribution, die Abgaben der Bauern auf dem Lande, einzutreiben, während das Generalkriegskommissariat die Abgabe der städtischen Verbrauchsteuern zu organisieren hatte. Beide Behörden hatten aber nicht nur fiskalische, sondern auch wirtschaftspolitische Aufgaben. Während die eine die Landwirtschaft und die Infrastruktur auf dem Land förderte, setzte sich die andere für die gewerblichen Interessen der Städter ein. Die Folge war ein mit Intrigen und Beleidigungsklagen geführter Behördenkrieg, den der König 1723 durch ein Machtwort beendete: Er legte die beiden Konkurrenten zu einem Superministerium mit dem sperrigen Titel "General-Ober-Finanz-Kriegs-und-Domänen-Direktorium" zusammen.
Der König befahl die allgemeine Schulpflicht, doch in vielen Landstrichen blieben seine Edikte unbekannt
Geradezu revolutionär war die Einführung einer kollegialen Struktur der Entscheidungsfindung an der Spitze des Generaldirektoriums, wie die im Berliner Stadtschloss untergebrachte Behörde kurz und bündig genannt wurde. Neu war auch die Aufteilung in Ressorts, die freilich nicht nur nach Fachbereichen gegliedert waren, sondern zugleich die Aufsicht über bestimmte Provinzen innehatten.
Von reibungsloser Effizienz war die preußische Bürokratie dennoch weit entfernt. Ein markantes Beispiel ist das Schuledikt von 1717, das die allgemeine Schulpflicht in Preußen einführen sollte. In Magdeburg und Halberstadt wurde der königliche Erlass gar nicht erst publik gemacht; die Regierung nahm die Unbotmäßigkeit hin und gab sich damit zufrieden, dass es in diesen Provinzen bereits Schulverordnungen gab. Aber auch dort, wo das Edikt veröffentlicht wurde, setzte man es nur teilweise um. 1736 beklagte Friedrich Wilhelm in einem "Erneuerten Edikt", dass "diesem Unserem heilsamen Edicto nicht nachgelebt" werde. In weiten Teilen des Hohenzollernreichs blieben beide Edikte gänzlich unbekannt; es sollte noch viel Zeit vergehen, bis wirklich alle preußischen Kinder in die Schule gingen.
So stieß der Absolutismus des Herrschers immer wieder an Grenzen. Nur ganz allmählich gelang es dem König, bei der Besetzung wichtiger Ämter mitzureden. Nepotismus und Ämterkauf blieben weitverbreitet und halfen den lokalen Eliten, ihren Einfluss zu wahren.
Auch wirtschaftlich war das Land nach wie vor zerrissen. Selbst innerhalb Brandenburgs wurden beim Transport von Gütern an den Provinzgrenzen weiterhin Zölle erhoben, und man tat wenig, die peripheren Regionen im Westen und Osten zu integrieren; sie wurden wie ausländische Fürstentümer behandelt.
Als wichtigster Maßstab wirtschaftlicher Blüte galt die Einwohnerzahl. "Menschen achte ich vor den größten Reichtum", erklärte Friedrich Wilhelm I. Durch "Peuplierung" sollte in dünn besiedelten Gebieten die Ökonomie angekurbelt werden. Daher warb der König, wie schon der Große Kurfürst, um Einwanderer, nicht nur aus anderen deutschen Ländern, sondern auch aus dem Ausland. Vor allem Glaubensflüchtlinge folgten dem Ruf: Hugenotten aus Frankreich, Reformierte aus Böhmen, Lutheraner aus dem Salzburger Land.
Den maroden Staatshaushalt, den sein Vater hinterlassen hatte, glich Friedrich Wilhelm nicht nur aus, er erzielte sogar einen Überschuss. Zwei Drittel der Staatseinnahmen investierte der Soldatenkönig in sein Heer, das er von 38.000 auf 83.000 Mann vergrößerte - bei zweieinhalb Millionen Einwohnern. Es war, nach den Armeen Russlands, Frankreichs und Österreichs, das viertgrößte in Europa, obschon Preußen flächenmäßig nur an 10. und nach der Bevölkerung an 13. Stelle stand.
Der König rechtfertigte die enormen Ausgaben damit, dass nur eine starke, selbst finanzierte Armee ihm außenpolitische Bewegungsfreiheit verschaffen könne, unabhängig von Entscheidungen des Kaisers. "In gewisser Weise war das Heer jedoch ein Selbstzweck", schreibt der Historiker Christopher Clark: "Friedrich Wilhelm schreckte zeitlebens davor zurück, sein Heer tatsächlich einzusetzen, um ein außenpolitisches Ziel zu erreichen."
Nur einmal führte er einen kurzen Feldzug: Während des Großen Nordischen Krieges (1700 bis 1721), in dem Russland, Polen-Sachsen und Dänemark-Norwegen gegen Schweden um die Vorherrschaft im Ostseeraum kämpften, zwangen preußische Truppen, im Verein mit Dänen und Sachsen, nach fünfmonatiger Belagerung Stralsunds die schwedischen Besatzer 1715 zur Kapitulation.
"Königskuchen" als Satire auf den Wiener Kongress Zeitgenössische Lithografie
Foto: bridgemanimages.comSein Nachfolger, Friedrich II., setzte die Armee gleich ganz anders ein. Kaum hatte seine Regierungszeit (1740 bis 1786) begonnen, ließ er seine Truppen in Schlesien einmarschieren, um dieses bevölkerungsreiche und wirtschaftlich starke habsburgische Land seinem Staat einzuverleiben. Damit begann der preußisch-österreichische Dualismus, der Kampf der beiden führenden deutschen Mächte um die Vorherrschaft im Reich.
In seinem Politischen Testament von 1768 bezeichnete es Friedrich II., seit den beiden Schlesischen Kriegen "der Große" genannt, unverhohlen als sein Ziel, Niederdeutschland vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation loszulösen und daraus ein selbstständiges Reich zu formen. Durch die Gründung des Deutschen Fürstenbundes 1785, der eine Machtausweitung der Habsburger in Süddeutschland verhindern sollte, erhielt Friedrichs Idee bereits politische Konturen. Den Bund mit dem Hohenzollern-König als Oberhaupt rühmte der preußische Staatshistoriker Leopold von Ranke 1871 als "geniale Vorwegnahme des Bildes vom Deutschen Reich". Er blieb aber Episode, weil sich die Fürsten von Wien bis Berlin bald gegen einen gemeinsamen Feind, das revolutionäre Frankreich, zusammentaten.
Die Zeit von 1789 bis zu Napoleons Sieg über Preußen 1806 wurde zu einer der "unrühmlichsten Epochen in der Geschichte der preußischen Monarchie", so Christopher Clark. Schwache Könige trugen daran einen erheblichen Anteil.
Friedrich Wilhelm II., ein Neffe des kinderlosen Friedrich II., zog 1792 mit Österreich in den Kampf gegen die Franzosen, um dort die Monarchie wieder einzuführen. Als der Vormarsch bei Valmy in einem Fiasko endete, ließ er seinen Verbündeten im Stich. Wichtiger war ihm eine Gebietserweiterung Preußens im Osten: Nach der ersten Teilung Polens 1772 erhielt Preußen nun, 1793, ein weiteres Stück polnischen Landes, das die Lücke zwischen Schlesien und Ostpreußen verkleinerte. Zum ersten Mal gewann Preußen einen großen nichtdeutschen Bevölkerungsanteil hinzu, der sich bei der dritten Teilung Polens 1795 noch einmal vergrößerte.
Preußens Staatsgebiet war nun größer als je zuvor. Es erstreckte sich über mehr als 300.000 Quadratkilometer (fast so viel wie das heutige Deutschland mit 357.000 Quadratkilometern), davon lag jedoch mehr als die Hälfte jenseits von Oder und Neiße. Die Einwohnerzahl schnellte von 5,4 auf 8,7 Millionen hoch.
Der ab 1797 regierende König Friedrich Wilhelm III. setzte sich mit seiner Neutralitätspolitik indes zwischen alle Stühle. Er wollte sich mit Napoleon gut stellen, verhandelte aber zugleich auch mit Russland und Österreich, als diese schon zum Krieg gegen Frankreich entschlossen waren. Preußen taumelte in einen von Napoleon provozierten Krieg, den es in der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 katastrophal verlor.
Diesmal blieb das brandenburgische Mirakel zunächst aus. In Tilsit musste Friedrich Wilhelm III. im Juli 1807 einen demütigenden Diktatfrieden unterschreiben. Das Territorium Preußens und die Zahl seiner Untertanen wurden halbiert. Sämtliche Gebiete westlich der Elbe gingen verloren. Aus den Ländereien, die Preußen durch die polnischen Teilungen erworben hatte, entstand ein Herzogtum Warschau als Vasallenstaat Frankreichs. Dass eine Hohenzollern-Herrschaft überhaupt noch existierte, war nur dem Umstand zu verdanken, dass Frankreich und Russland, obwohl nun verbündet, einen Pufferstaat zwischen sich behalten wollten.
Der Schriftsteller Johann Wilhelm von Archenholz, der am Siebenjährigen Krieg teilgenommen und die Kriegstaten Friedrichs des Großen gerühmt hatte, stellte "Betrachtungen am Grabe der Preußischen Monarchie" an: Das "alte preußische Königtum" müsse "auf ewig aus allen Gemütern getilgt, auf ewig von Preußens Gefilden entflohen" sein.
Doch wie Preußen nach dem Dreißigjährigen Krieg aus einer Wüstenei entstanden war, erholte es sich in erstaunlich kurzer Zeit von dem Debakel. Zusammen mit anderen deutschen Heeren drängte die preußische Armee Napoleon aus Deutschland hinaus. Beim Wiener Kongress 1815 war Preußen wieder als eine der fünf in Europa maßgebenden Großmächte präsent. Der schwarze Adler, das Wappentier Preußens, hatte sich wie Phönix aus der Asche erhoben.
Diejenigen unter den deutschen Patrioten, die als Folge der Befreiungskriege einen geeinten, von Preußen geführten Nationalstaat ersehnt hatten, wurden jedoch enttäuscht. Preußen erklärte seinen Beitritt zum "Deutschen Bund", einer losen Föderation von 35 souveränen Fürsten und vier Freien Städten.
Dennoch stand Preußen fortan im Zentrum der wirtschaftlichen und politischen Einigung. Als Ausgleich für die 1807 verlorenen Gebiete aus der zweiten und dritten polnischen Teilung erhielt es erhebliche Zuwächse im Westen, vor allem Westfalen und die Rheinprovinz. Der Schwerpunkt des zweigeteilten Landes verlagerte sich deutlich nach Westen.
Der Historiker Thomas Nipperdey sah darin eine Vorentscheidung für den späteren deutschen Einigungsprozess: "Die Versetzung Preußens an den Rhein", schrieb er am Ende des 20. Jahrhunderts, "ist eine der fundamentalen Tatsachen der deutschen Geschichte, eine der Grundlagen der Reichsgründung von 1866/1871."