Psychologie Faules Hirn denkt sich Gewöhnliches schön
Durchschnittliches gilt nicht gerade als attraktiv. Dabei findet unser Gehirn durchschnittliche Typen viel besser als außergewöhnliche, haben Evolutionswissenschaftler und Psychologen längst bestätigt. Ein komplett spiegelbildliches Gesicht sieht zwar unnatürlich aus, aber eine hohe Symmetrie lässt das Antlitz attraktiver erscheinen. Die Frage ist nur: Warum bevorzugt unsere Schaltzentrale Durchschnittstypen und findet komplizierte Bilder, Muster mit Schnickschnack oder unsymmetrische Gesichter weniger anziehend?
Evolutionspsychologen meinen: "Abweichungen von der Symmetrie sind ein Hinweis auf Defizite in der Fitness, also der reproduktiven Tauglichkeit", sagt Harald Euler. "Viele genetische Störungen machen asymmetrisch, und Störungen in der Entwicklung, zum Beispiel bei Mangelernährung, ebenso", so der Evolutionspsychologe von der Universität Kassel. Ein durchschnittliches Gesicht - wie es zum Beispiel durch das Verschmelzen mehrerer Porträtbilder entsteht - erscheint gesünder. Ein Allerweltsgesicht ist ein Zeichen dafür, dass eine Person nicht aus der Norm fällt und genetisch stabiler ist als die Mitmenschen. Deswegen kann diese Person besser überleben und ihre Gene weitergeben - so die evolutionsbiologische Sichtweise.
Der Psychologe Piotr Winkielman aber meint: Prototypen, also durchschnittlich aussehende Objekte und Grundmuster, "sind attraktiv, weil sie einfach zu verarbeiten sind".
Bekannte und Allerweltsgesichter werden "flüssiger" erkannt
Dahinter steckt ein simpler Funktionsmechanismus: die Leichtigkeit der Verarbeitung, von Experten auch als "Ease of Processing" bezeichnet. Je durchschnittlicher ein Muster, ein Gesicht oder ein Gegenstand aussieht und je bekannter dieses Objekt ist, desto einfacher kann es das Gehirn verarbeiten - und desto flüssiger läuft dieser Prozess auch ab. Dementsprechend kann man das Objekt schneller erkennen.
"Man kann ein Bild, auf dem die eigene Frau zu sehen ist, schneller verarbeiten als das Bild einer unbekannten Person", erläutert Helmut Leder, der an der Universität Wien die Psychologie der Ästhetik erforscht. Norbert Schwarz von der University of Michigan ergänzt: "Die Leichtigkeit der Erkennung oder Verarbeitung wird als emotional positiv erlebt und resultiert in positiveren Bewertungen."
Je leichter ein Objekt erkannt wird, als desto attraktiver wird es eingestuft: Das berichtete der aus Deutschland stammende Schwarz bereits vor zweieinhalb Jahren in einem Übersichtsartikel für das Fachmagazin "Personality and Social Psychology Review" - zusammen mit Rolf Reber von der Universität Bergen (Norwegen) und Piotr Winkielman von der University of California.
Die drei hatten in einer früheren Studie Studenten Bilder von Alltagsgegenständen gezeigt, etwa von einem Schreibtisch. Einige Probanden sollten die Dinge so schnell wie möglich erkennen, andere deren ästhetischen Reiz beurteilen. Wenn vor den Bildern noch kurz die Konturen des Objekts präsentiert wurden - was den Probanden nicht bewusst wurde -, dann hätten sich die Teilnehmer schneller an den Gegenstand erinnert beziehungsweise ihn schöner gefunden, schrieb Schwarz vor kurzem.
Auf der Suche nach weiteren Erklärungen
Der Mechanismus der leichten Verarbeitung lässt sich also leicht manipulieren. Unklar blieb jedoch: Welche anderen Antwortmöglichkeiten gibt es noch auf die Frage, warum wir Prototypen und Bekanntes attraktiver finden?
Offensichtlich keine. Das lässt sich aus Winkielmans neuesten Forschungsergebnissen schließen. Die Publikation, erschienen im Fachmagazin "Psychological Science", sei "eine überzeugende Demonstration, dass die entscheidende Variable die Leichtigkeit der Verarbeitung ist", meint Norbert Schwarz. Was andere Erklärungen ausschließe.
Piotr Winkielman - einst Student von Schwarz und mittlerweile in die Reihe der hochangesehenen Attraktivitätspsychologen aufgestiegen - hat mit drei Kollegen Dutzenden Probanden jeweils mehrere Punktmuster gezeigt. Diese Muster hatten Bild für Bild immer weniger mit dem - nicht gezeigten - Prototypen gemein. So wurde in einem Experiment ein aus acht Punkten dargestelltes Quadrat zunehmend verzerrt. Je weniger das Punktmuster nach dem ursprünglichen Quadrat aussah, umso langsamer wurde es klassifiziert, schreiben die Forscher. "Und ein deformiertes Quadrat dürfte als unattraktiv bewertet werden, weil es ein mieses Quadrat ist."
Prototypische Quadrate (links) und deren Verzerrungen: Deformierte Quadrate waren so "mies" (rechts), dass sie als unattraktiv eingeschätzt wurden
Foto: Winkielman / psychological scienceIn einem weiteren Experiment wurde den Versuchsteilnehmern dann der Prototyp eines Punktmusters gezeigt. Damit das Gehirn es "flüssiger" verarbeiten konnte, zeigten die Wissenschaftler vorher immer mehr dem Prototypen angeglichene Muster. Dabei konnten die Forscher sogar eine psychophysiologische Reaktion feststellen: Ein Muskel der Wange wurde aktiver - nach Meinung der Forscher ein Zeichen dafür, dass man wirklich Prototypen bevorzugt und es nicht einfach nur sagt. "Bemerkenswerterweise kam diese Antwort sofort und hielt eine Weile an, so dass wir davon ausgehen, dass die gefühlsbezogene Reaktion spontan und robust war", berichtet Winkielmans Team.
Faules Gehirn: "Bekanntes ist positiv, Unbekanntes negativ"
"Das Bekannte ist positiv. Und das Unbekannte ist negativ, womöglich gar gefährlich", fasst Leder im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Bewertungsmechanismus in unserem Kopf zusammen. Ist unser Gehirn also schlichtweg zu faul, auch Außergewöhnliches, Andersartiges, Unbekanntes als attraktiv einzuschätzen?
"Es spart sich kognitiven Aufwand, aber das ist wohl eine Umschreibung für faul", sagt Ästhetikpsychologe Leder. Piotr Winkielman ist da anderer Meinung: "Statt faul zu sein, belohnt unser Gehirn erfolgreiches und effizientes Verarbeiten." Ein Durchschnittsmuster sei leichter zu erkennen - und unser Hirn "happy", weil es "das Puzzle so schnell gelöst hat und sich anderen wichtigen Aufgaben widmen kann", sagt Winkielman. Daraus resultiere die bessere Bewertung.