Resistente Malariaerreger: Mensch gegen Moskito - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Resistente Malariaerreger Mensch gegen Moskito

Malariaerreger entwickeln immer neue Resistenzen gegen Medikamente. Nun hat ein zuvor hochwirksames Mittel seine Wirkung verloren. Im Kampf gegen die Parasiten wollen Forscher jetzt auf Laserwaffen und intelligente Insektizide setzen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn sich die Dämmerung über Kambodscha legt und die Menschen im Schatten der Tempelanlagen von Angkor Wat ausruhen, wird der Feind aktiv. Hier, wie in vielen Teilen Asiens, Afrikas und Südamerikas, sticht die Anopheles-Mücke zu, sucht sich ihre blutige Nahrung in menschlicher Haut. Dabei hinterlässt sie oft ein gefährliches Andenken: sichelförmige, einzellige Parasiten, die Malaria auslösen. Jedes Jahr sterben mindestens eine Millionen Menschen an den Folgen der Krankheit.

In weiten Teilen Kambodschas ist das Risiko einer Malariainfektion zwar etwas geringer als in den meisten Ländern Afrikas südlich der Sahara. Doch aus dem südostasiatischen Staat kam vor einigen Monaten eine erschreckende Nachricht, die sich jetzt nach einem Bericht der BBC  bestätigt: Der Erreger namens Plasmodium falciparum hat seine Struktur so verändert, dass er gegen das Medikament Artemisinin resistent geworden ist.

Diese Erkenntnis ist bitter, galt die Arznei unter Seuchenbekämpfern doch in den vergangenen Jahren als einzig sicher wirksames Mittel gegen das gefährliche Wechselfieber. Das Extrakt aus den Blättern und Blüten des Einjährigen Beifußes produziert vermutlich freie Radikale, die die Plasmodien töten. Mittlerweile gibt es von unterschiedlichen Pharmafirmen gleich mehrere Mono- und Kombinationspräparate, die Artemisinin oder daraus abgeleitete synthetische Wirkstoffe enthalten.

Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte zwar schon vor Jahren davor gewarnt, dass auch diese Arznei auf Dauer kein Allheilmittel sein könne. Dass die Waffe allerdings so schnell abstumpft, bedeutet einen herben Rückschlag im Kampf gegen die wandelbaren Parasiten: Von Ausrottung der Erreger kann keine Rede sein, jedes Jahr erkranken weltweit mehr als 250 Millionen Menschen, 90 Prozent von ihnen leben in Afrika südlich der Sahara. Vor allem für Schwangere, Kranke und kleine Kinder endet die Infektion oft tödlich: Alle 30 Sekunden stirbt ein afrikanisches Kind an der heimtückischen Krankheit.

Malaria

"Ich befürchte, dass es nie ein Medikament geben wird, gegen das die Parasiten keine Resistenzen entwickeln", sagt Egbert Tannich, Leiter der Sektion Parasitologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Das Problem ist - ähnlich wie bei bakteriellen Infektionen - die Anwendung: Schluckt der Kranke seine Arznei zu kurz, können die Parasiten überleben und sich an das Mittel anpassen. "Außerdem wissen wir jetzt, dass ein Arzt immer eine Kombination aus zwei Wirkstoffen wählen und sich nicht mehr nur auf ein Medikament verlassen sollte", sagt Tannich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Da wurden viele Fehler gemacht."

In der Tat wurde Artemisinin nach seiner Entdeckung oft als Monopräparat eingesetzt. Dabei hätte der Blick in die Vergangenheit zeigen können, dass eine Arznei allein dem Erreger auf Dauer nicht den Garaus machen kann: Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Medikament Chloroquin über Jahre wirksam gegen die Parasiten, doch in den fünfziger Jahren entwickelten sich in Asien und Afrika erste Resistenzen. Heute ist Chloroquin allein wirkungslos, wenn der Kranke an der gefährlichsten Form der Tropenkrankheit, der Malaria tropica, leidet.

Weil die Waffen immer stumpfer werden, suchen Forscher rund um den Globus nach neuen Strategien, wie sie die Parasiten besiegen könnten. Besonders erfolgversprechend scheint, bei den Überträgern der Erreger, der Anopheles-Mücke anzusetzen: Wenn Moskitonetze und Hauswände mit Insektiziden besprüht werden, besteht ein doppelter Schutz. Zudem ist die Entwicklung von neuen Insektiziden deutlich billiger als die Herstellung von innovativen Medikamenten.

Laserwaffe und Designer-Mücke

Ein Forscherteam um Andrew Read von der Pennsylvania State University beschrieb kürzlich in der Fachzeitschrift "PLoS Biology" die Idee, Insektizide zu entwickeln, die nur ältere Mücken töten , da Insekten erst nach einer Lebensdauer von 14 Tagen einen Menschen infizieren können. Eine spannende Idee hatten zudem US-Physiker vom Lawrence Livermore National Laboratory: Sie wollen die Insekten mit Lasern attackieren und ihnen so den Garaus machen.

Andere Forscher haben vorgeschlagen, die Anopheles-Mücke genetisch so zu verändern, dass sie den Plasmodien keinen Lebensraum mehr bietet. Ein durchaus bedenkenswerter Ansatz: Im Laborversuch vermehrten sich derartig genveränderte Mücken besser als ihre normalen Artgenossen. Auch mit radioaktiver Strahlung glauben Wissenschaftler, das Malariaproblem womöglich lösen zu können. Die Bestrahlung sterilisiert die männlichen Insekten und verhindert so die Fortpflanzung.

Auch an der Entwicklung einer Impfung arbeiten Forscher noch immer - trotz herber Rückschläge. Mindestens ein Präparat jedoch scheint sich auf dem richtigen Weg zu befinden: Ein Impfstoff der Pharmafirma GlaxoSmithKline hat bei der Erprobung an über 1400 Kindern gezeigt, dass er zumindest einen Teil von ihnen schützen konnte und die Erkrankungen weniger heftig verliefen im Vergleich zu ungeimpften Kindern. "Für die Bevölkerung der Südhalbkugel könnte die Immunisierung helfen, für Reisende gibt es aber noch keinen sichtbaren Nutzen", meint Egbert Tannich.

Die Pipeline ist also zumindest nicht leer, und das ist vor allem Verdienst der kontinuierlichen Aufklärungsarbeit der WHO und anderer Uno-Organisationen sowie zahlreicher Non-Profit-Unternehmen, die sich für das Leiden der Armen stark machen. Finanzielle Unterstützung erhalten sie von Stiftungen wie der Bill-and-Melinda-Gates-Foundation oder der Weltbank. "Seit einigen Jahren ziehen auch Pharmafirmen mit, stellen kostenlos Medikamente zur Verfügung und stecken Gelder in die Erforschung von neuen Arzneien", sagt Tannich. "Das verbessert das Image der Konzerne." Und von diesem Prestigegedanken profitieren in diesem Fall vielleicht am Ende sogar die Kranken in armen Entwicklungsländern.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel