Textilforschung Pillen aus der Unterhose
Ziehen wir uns in Zukunft Socken gegen eine Erkältung an? Oder ein Hemd gegen Mückenstiche? Möglich wäre das, sagen zumindest Textilwissenschaftler: Eine neu entwickelte Substanz des Deutschen Textilforschungszentrums Nord-West (DTNW) soll Stoffe so verändern, dass sie langsam Medikamente an die Haut abgeben können.
Die Substanz sieht aus wie Puderzucker und heißt Cyclodextrin, genauer: Mono-Chlor-Triazenyl-Cyclodextrin. Gewonnen wird sie aus Stärke. Um Textilien damit zu imprägnieren, tunken Stoff-Firmen ihre Wäsche einfach in eine Lösung. Die Kleidungsstücke müssen abschließend nur noch kurz gekocht werden: "Wir empfehlen fünf Minuten auf 140 Grad Celsius", sagt Cyclodextrin-Entwickler Dierk Knittel vom DTNW.
In der Wäsche soll Cyclodextrin dann seine Wirkung entfalten: "Es ist ein rundes Molekül, das innerlich einen Hohlraum hat. Deshalb können andere Moleküle eingelagert werden", erklärt Knittel. Medikamente zum Beispiel. Oder Parfüm.
"Auch Jod geht gut, und Nikotin würde ebenso passen", sagt der Chemiker. Schließlich hänge es nur von der Größe ab, ob sich eine Substanz in die Kleidung einbauen könne.
Selbst körpereigene Stoffe kann der Cyclodextrin-Ring aufnehmen - und dadurch Schweißgeruch unterbinden: "Die Haut produziert allerlei Dinge im Schweiß. Diese Produkte werden von Bakterien gefressen, die daraus dann Stinkendes machen", so Knittel.
Sein Anti-Schweiß-Pulver nehme den "Bakterien einfach das Futter weg", weil die vom Körper hergestellten Schweißsäuren in den Cyclodextrin-Ring wanderten. Wo Bakterien keine Nahrung finden, entfaltet sich auch kein übler Geruch.
Das Cyclodextrin geht mit der eingelagerten Substanz keine chemische Bindung ein. So können die Stoffe leicht von Wassermolekülen aus ihrer Höhle verdrängt werden. Sind beispielsweise Medikamente im Cyclodextrin-Ring eingelagert, dann sorgt die Hautfeuchtigkeit dafür, dass die Arzneisubstanzen langsam an die Haut gelangen.
Der gleiche Verdrängungsmechanismus funktioniert auch in der Waschmaschine: Das gilt für Schweißsäuren ebenso wie für Duftstoffe. Das Cyclodextrin selbst bleibt für etwa 50 Wäschen im Gewebe, danach ist seine Wirkung dahin.
Zwei Produkte mit dem neu entwickelten Stoff sind bereits auf dem Markt: Anti-Schweiß-Bettwäsche und ein Plüschteddy. Letzterer ist auf der Nürnberger Spielwarenmesse zu bewundern. Dem zottigen Bär entströmt Parfümgeruch, sobald er von schweißigen Kinderhänden getätschelt wird. "Sie können den Teddy aber auch fürchterlich anhauchen", sagt Knittel und lacht. Dann beginne er auch schon zu duften.