Aktien oder Tweets: Immer der Herde nach
Netzwerke Tweets und Aktiengeschäfte zeigen ähnliche Dynamik
Das Internet ist eine Fundgrube für Forscher. Suchanfragen bei Google beispielsweise enthüllen die Ausbreitung von Grippewellen . Als besonders ergiebig haben sich soziale Netzwerke erwiesen. So konnten Forscher bei einer Facebook-Studie nachweisen, wie groß der Einfluss der besten Freunde auf eigene Entscheidungen ist. Und auch der Erfolg von Kinofilmen lässt sich anhand von Tweets vorhersagen.
Ein internationales Wissenschaftlerteam hat nun die Dynamik von Kurznachrichten auf der Plattform Twitter mit dem Handelsvolumen von Aktien verglichen. Joachim Mathiesen von der University of Copenhagen und seine Kollegen zählten dabei, wie oft ausgewählte Markennamen wie IBM, Apple, Nokia und Toyota auf Twitter erwähnt wurden. Diesen Daten stellten sie die Zahl gehandelter Aktien von drei ausgewählten Unternehmen gegenüber: Apple, Nokia und Green Mountain Coffee Roasters.
"Die Handelsaktivitäten am Aktienmarkt ähneln den Aktivitäten von Twitter-Nutzern", schreiben Joachim Mathiesen und seine Kollegen im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" . Auf der Plattform Twitter wie auf dem Börsenparkett gibt es demnach immer wieder Momente, in denen die Aktivität kurzzeitig nach oben schnellt. Entweder werden deutlich mehr Aktien pro Sekunde gehandelt - oder viel mehr Tweets geschrieben.
Dabei gilt nach Erkenntnissen der Forscher eine mathematische Faustformel. Wenn man die Tweet-Rate beziehungsweise das Handelsvolumens pro Zeit mit g bezeichnet, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Rate g proportional zu 1/g3. Das heißt: Je größer Tweet-Rate oder Handelsvolumen sind, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit dafür.
"Typisches Herdenverhalten"
Es gibt allerdings auch eine Art Grundrauschen in beiden Systemen, also eine bestimmte Menge Aktien und Tweets, die ständig gehandelt oder über die laufend geschrieben wird. Erst wenn g dieses Grundrauschen überschreitet, geht die Wahrscheinlichkeit mit 1/g3 nach unten.
"Wir haben längere Intervalle mit konstanten Aktivitäten beobachtet", sagt Mathiesen. Dann aber habe plötzlich eine explosive Dynamik eingesetzt: Lawinenartig hätten Tweets und die Zahl gehandelter Aktien zugenommen - doch nur für kurze Zeit. "Statistisch gesehen sehen wir auf Twitter wie auf den Finanzmärkten das typische Herdenverhalten - also können die beiden sozialen Systeme gar nicht so unterschiedlich sein."
Eine interessantes Detail beobachteten die Wissenschaftler bei Twitter: Offenbar wird die Bedeutung von sogenannten Retweets überschätzt. Bei einem Retweet schickt ein Twitter-Nutzer eine Nachricht eines anderen Nutzers an seine eigenen Follower weiter. Nach Angaben der Forscher machen Retweets aber nur einen kleinen Teil aller Tweets aus.
"Nur sehr wenige Tweets erzeugen überhaupt eine große Kaskade von Retweets", schreiben sie. Es gebe vielmehr Informationswege außerhalb des Twitter-Netzwerks, die viele Nutzer dazu brächten, nahezu gleichzeitig über dasselbe Thema zu twittern. Ein kurzzeitiger Twitter-Sturm über ein bestimmtes Thema ist also nicht allein mit Retweets zu erklären. "Die Informationsausbreitung im Netzwerk besteht meist aus einer einstufigen Kaskade", heißt es in der Studie.
Die Ähnlichkeiten der komplexen Dynamiken auf Twitter und auf den Finanzmärkten können Mathiesen und seine Kollegen zwar im Detail nicht erklären. Sie glauben aber, dass letztlich in beiden Fällen ähnliche Entscheidungsprozesse von Menschen dahinterstehen.