Winterblues: So trotzen Sie dem Blues – Tipps von einer Psychologin - DER SPIEGEL
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Tipps gegen Winterblues »Es geht um Ruhe, Gelassenheit, um positive Emotionen«

Mit der Zeitumstellung im Herbst beginnt für viele Menschen die dunkle Jahreszeit, sie fühlen sich niedergeschlagen und antriebslos. Die Psychologin Kari Leibowitz verrät, wie es gelingt, dem Winterblues zu trotzen.
Ein SPIEGEL-Gespräch von Maik Großekathöfer
• aus DER SPIEGEL 44/2025
Blick über Tromsø, Norwegen: »Wenn Sie spazieren gehen, nehmen Sie die Natur mit allen Sinnen wahr«
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Foto: Jakub Porzycki / NurPhoto / IMAGO

SPIEGEL: Frau Leibowitz, mit der Zeitumstellung beginnt für viele Menschen die dunkle Jahreszeit, einigen schlägt sie aufs Gemüt, manche fühlen sich von ihr bedroht. Warum zieht uns der Winter so herunter?

Leibowitz: Das hat mit unserer biologischen, evolutionären Reaktion auf Wärme und Kälte, Licht und Dunkelheit zu tun. Der Winter schränkt uns ein. Es ist kalt, regnet, hagelt, graupelt, schneit, der Wind bläst aus allen Richtungen. Der Winter kann ein endloses, tristes Grau sein. Wir gehen im Dunkeln aus dem Haus zur Arbeit und kommen im Dunkeln wieder zurück. Wir fühlen uns träge, sind ständig müde. Das Wetter hält uns davon ab, aktiv zu sein, was unsere Antriebslosigkeit noch verstärkt. Wir fühlen uns niedergeschlagen und sind nicht annähernd die optimale Version von uns selbst.

Zur Person
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Jussi Puikkonen / DER SPIEGEL

Kari Leibowitz, 36, ist Gesundheitspsychologin und Autorin. Die US-Amerikanerin promovierte an der Stanford University in Kalifornien, wo sie erforschte, wie innere Einstellungen unsere Gesundheit und das Wohlbefinden beeinflussen. Um herauszufinden, wie der Mensch durch den Winter kommt, ohne in ein Stimmungstief zu fallen, recherchierte sie unter anderem in Tromsø und Kopenhagen, im Norden Finnlands, auf Island und den Äußeren Hebriden vor der Küste Schottlands.

SPIEGEL: Das hört sich furchtbar an.

Leibowitz: Wie wir durch den Winter kommen, ist eine Frage der Denkmuster. Wir neigen dazu, uns ein Bild vom Winter anhand seiner schlimmsten Tage zu machen. Wenn wir meinen, der Winter sei einfach nur deprimierend, dann wird er es auch sein. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Man sollte sich nicht über den Winter beschweren, sondern sagen: Der Winter ist wunderbar, ich kann ihn genießen. Es konnte wissenschaftlich gezeigt werden: Wer optimistischer auf den Winter blickt, ist mit seinem Leben zufriedener und erlebt öfter positive Emotionen.

DER SPIEGEL 44/2025

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SPIEGEL: Was für Möglichkeiten gibt es, die Zeitumstellung erträglicher zu gestalten?

Leibowitz: Ich feiere den Beginn der Winterzeit, indem ich Kerzen anzünde, wenn ich mit meinem Mann frühstücke. Und abends koche ich meine Lieblingssuppe. Die Woche nach der Zeitumstellung ist ein Probelauf für den Winter. Es wird eine Stunde früher dunkel, das stört unseren zirkadianen Rhythmus, unsere innere Uhr. Wir haben einen Jetlag, und das sollte man akzeptieren. Es ist in Ordnung, früher ins Bett zu gehen, unnötige Termine zu verlegen und auf dem Sofa zu bleiben, statt Freunde zu besuchen, damit man sich an die veränderten Verhältnisse gewöhnen kann. Man sollte seine Vorräte an Kakao und Tee auffüllen, die warme Wäsche nach vorn in den Schrank räumen. Wer einen Kamin hat, sollte Holz kaufen. Bereiten Sie alles vor, damit Sie es sich später im Winter gemütlich machen können, bauen Sie sich ein Nest.

»Viele Leute denken, dass die Winterdepression eine Art Depression light ist. Das stimmt aber nicht.«

SPIEGEL: Sie sind aus dem subtropischen Atlanta im US-Bundesstaat Georgia für ein Jahr nach Norwegen gezogen, knapp 350 Kilometer nördlich des Polarkreises, um an der Universität Tromsø die Beziehung des Menschen zum Winter zu erforschen. Sie wollten verstehen, wie die Leute damit klarkommen, einen der dunkelsten Winter auf der Welt durchleben zu müssen, schreiben Sie in Ihrem Buch*. In Tromsø geht zwischen Ende November und Mitte Januar die Sonne nicht auf. Wie haben Sie sich zu der Zeit gefühlt?

Leibowitz: Ich hatte Angst vor der Polarnacht, und als sie begann, habe ich gedacht: Was hast du nur getan? In Tromsø war ich permanent müde. Forschungen zeigen, dass der REM-Schlaf, der wichtig für die geistige Regeneration ist, im Winter etwa 30 Minuten länger dauert. Das ist erst mal nicht weiter schlimm. Problematisch wird es, wenn wir uns gegen diesen Effekt der Dunkelheit stemmen. Ich bin nach Norwegen gegangen, um mich mit Winterdepressionen zu beschäftigen. Meine These lautete: »Dort ist es stockdunkel und bitterkalt, dort werden viele Menschen eine Winterdepression haben.« Freunde von mir meinten, ich bekäme sicher selbst eine. Aber dann habe ich festgestellt, dass die Einwohner von Tromsø deutlich seltener an Winterdepressionen leiden als die von London, Berlin und New York.

SPIEGEL: In Deutschland gaben bei einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Statista vor ein paar Jahren 59 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an, in ein Stimmungstief zu fallen und zumindest manchmal trübsinnig, lustlos und melancholisch zu sein.

Leibowitz: Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sich selbst eine Winterdepression zuschreibt, hat wahrscheinlich etwas, was ich als Winterblues bezeichnen würde. Viele Leute denken, dass die Winterdepression eine Art Depression light ist. Das stimmt aber nicht. Um die klinische Diagnose »Winterdepression« zu bekommen, der Fachbegriff lautet »saisonale affektive Störung«, muss man zwei Wochen lang täglich mindestens fünf Symptome einer ausgewachsenen Depression erleben, die die Lebensqualität erheblich verschlechtern. Sich im Winter müder zu fühlen, ist normal. Im Winter weniger motiviert zu sein, ist normal. Sich ausruhen zu wollen, mehr essen zu wollen, es langsamer angehen lassen zu wollen, das ist alles normal. Wir können sagen, dass wir uns an die Jahreszeit anpassen. Oder wir interpretieren es als Zeichen dafür, dass wir depressiv sind. Zu viele Menschen tun Letzteres. In gewisser Weise ist es eine Ausrede dafür, warum man sich im Winter nicht so toll fühlt.

Tasse mit Kakao im norwegischen Tromsø: »Die Menschen, die weiter nördlich leben, lassen sich vom Winter nicht bedrücken, im Gegenteil: Sie wissen, wie man sich an ihm erfreut«

Tasse mit Kakao im norwegischen Tromsø: »Die Menschen, die weiter nördlich leben, lassen sich vom Winter nicht bedrücken, im Gegenteil: Sie wissen, wie man sich an ihm erfreut«

Foto: NurPhoto / IMAGO

SPIEGEL: In Tromsø denken und handeln die Menschen offenbar anders.

Leibowitz: Sie nutzen die Chancen, die der Winter bietet. Es ist nicht so, dass es dort gar keine Menschen mit echter Winterdepression gibt. Angesichts des extremen Winters sind es nur erstaunlich wenige. Die Bewohner sind im Winter nicht angespannter, hoffnungsloser, deprimierter als im übrigen Jahr. Das gilt übrigens auch für die Menschen, die auf Spitzbergen und Island, in Finnland und Schweden leben. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Breitengrad und der Haltung zum Winter: Die Menschen, die weiter nördlich leben, lassen sich von ihm nicht bedrücken, im Gegenteil: Sie wissen, wie man sich an ihm erfreut.

SPIEGEL: Was machen die Skandinavier besser?

Leibowitz: Sie folgen dem Rhythmus der Natur, statt gegen ihn anzukämpfen.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Leibowitz: Die Menschen verstehen den Winter als Auszeit, um sich zu regenerieren. Für sie ist es selbstverständlich, mehr zu schlafen und sich seltener zu verabreden. So wie manche Tiere einen Winterschlaf halten oder in Winterstarre verfallen. Sie sammeln Kraft für den Frühling und Sommer. In der Botanik kennen wir die Vernalisation: Bestimmte Pflanzen brauchen einen Kältereiz, einen Frostzyklus, damit sie nach der Winterruhe blühen und Samen bilden können: Pfirsiche, Aprikosen, Zwiebelblumen wie Tulpen und Narzissen, gewisse Getreidesorten. Im Winter sieht die Natur tot aus, in Wahrheit ist es eine Zeit, die neues Leben ermöglicht. Das ist eine wichtige Lektion für uns Menschen weiter südlich, in der gemäßigten Klimazone.

»Der Winter sollte für uns eine Zeit der Entschleunigung sein. Wir sollten es langsamer angehen lassen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben.«

SPIEGEL: Warum?

Leibowitz: Unsere Leistungsgesellschaft würdigt Produktivität und Wachstum. Stillstand gilt als schlecht, sich auszuruhen als noch schlechter. Anstatt sich den Jahreszeiten anzupassen, wie fast alle anderen Lebewesen, glauben wir Menschen, an unseren Routinen festhalten zu müssen. Wir haben angeblich unverrückbare Zeitpläne. Der Winter sollte aber auch für uns eine Zeit der Entschleunigung sein. Wir sollten es langsamer angehen lassen, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben.

SPIEGEL: Die Skandinavier arbeiten im Winter nicht weniger.

Leibowitz: Aber ihre Arbeitszeiten sind oft flexibel und lange Arbeitstage unüblich.

SPIEGEL: Sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen – das ist leichter gesagt als getan. Wir alle haben wahrscheinlich Pflichten, beruflich und familiär, die es uns selten erlauben, mit Einbruch der Dämmerung auf dem Sofa zu liegen. Nach der Arbeit machen wir Hausaufgaben mit den Kindern, kaufen ein, die Wäsche muss gemacht, die nächste Besprechung vorbereitet und die Spülmaschine ausgeräumt werden.

Leibowitz: Man muss nach den kleinen Gelegenheiten suchen. Ich glaube, dass viele Menschen Dinge tun, die sich nicht optional anfühlen, aber optional sind. Was würde passieren, wenn wir ein Experiment machen: Ich sage eine Woche lang, vielleicht in der Woche vor Weihnachten, zu allem Nein, zu dem ich Nein sagen kann. Die Leute sind oft überrascht, was da zusammenkommt. Andere Möglichkeiten können sein: An einem Abend in der Woche legt man sein Handy weg, man schaut am Wochenende nicht in die sozialen Medien oder beantwortet keine E-Mails. Die Pausen summieren sich und machen einen Unterschied aus.

Verschneiter Englischer Garten in München: »Was für Möglichkeiten habe ich im Winter, die ich sonst nicht habe?«

Verschneiter Englischer Garten in München: »Was für Möglichkeiten habe ich im Winter, die ich sonst nicht habe?«

Foto: MONK / RelaXimages / picture alliance

SPIEGEL: Welche Ergebnisse hat Ihre Forschung über die dunkle Jahreszeit und darüber, wie die Nordeuropäer mit ihr umgehen, noch ergeben?

Leibowitz: Man muss nicht nur lernen, den Winter zu mögen, man muss ihn auch zu etwas Besonderem machen. Eine Ausgangsfrage könnte lauten: Was für Möglichkeiten habe ich im Winter, die ich sonst nicht habe?

SPIEGEL: Welche Chancen bieten denn Dunkelheit und Kälte?

Leibowitz: Man kann für eine außergewöhnliche Stimmung sorgen. Die Dänen haben ein Wort für diese Atmosphäre: »hygge«. In Norwegen sagen die Leute »koselig« dazu.

SPIEGEL: Beides bedeutet auf Deutsch so etwas wie »gemütlich«.

Leibowitz: Aber es ist so viel mehr als Wohnlichkeit. Es geht um Ruhe, Gelassenheit, Genügsamkeit, um positive Emotionen mit geringem Erregungsgrad. »Hygge« und »koselig« stehen weniger für eine gewisse Ästhetik als für einen inneren Gemütszustand, ein Gefühl von Zufriedenheit.

»Bei den großen Festtagsritualen kann man in eine Falle tappen. Man hat das Gefühl, sie abhalten zu müssen, obwohl sie einem mehr Stress als Freude bereiten.«

SPIEGEL: Und wie erreiche ich das?

Leibowitz: Schalten Sie das Deckenlicht aus, wenn es dunkel ist. Sorgen Sie für eine weiche Beleuchtung, etwa mit Lichterketten, am besten aber mit Kerzen oder einem Kaminfeuer. Das entspannt uns. Schon wenn man ein Video von einem Kaminfeuer sieht, sinkt der Blutdruck. Ein Däne verbrennt im Jahr durchschnittlich 3,5 Kilogramm Kerzen, 60 Prozent der Bevölkerung zünden regelmäßig eine Kerze an. Normales Licht am Abend hemmt die Melatoninausschüttung, man schläft später schlechter ein. Wenn wir uns um ein Feuer versammeln, führen wir eher persönliche, gehaltvolle Gespräche. Es sollte warm im Zimmer sein. Ziehen Sie flauschige Hausschuhe an, kuscheln Sie sich in eine Decke, trinken Sie einen Tee, essen Sie Kekse. Sie können den Winter mit einem bewussten, gemütlichen Fernsehabend mit der Familie aufwerten. Auf die Frage »Was machst du heute Abend?« kann man antworten: »Nichts. Ich bleibe bloß zu Hause.« Das klingt freudlos. Die Norweger sprechen stattdessen vom »fredagskos«, dem faulen Freitag. Das klingt nach freudiger Erwartung. Die Dunkelheit schafft Platz für Intimität, Heimeligkeit.

SPIEGEL: Geruhsame Tage planen viele Leute in Deutschland vor allem an Weihnachten, und dann fühlen sie sich doch gehetzt.

Leibowitz: Bei den großen Festtagsritualen kann man in eine Falle tappen. Man hat das Gefühl, sie abhalten zu müssen, obwohl sie einem mehr Stress als Freude bereiten. Man sollte sich in dem Fall fragen: Warum ist dieses Ritual für einen wichtig? Erfüllt es immer noch seinen Zweck? Wenn nicht, sollte man es verändern.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?

Leibowitz: Unsere Familie hat eine 30-jährige Tradition umgestoßen. Statt uns gegenseitig an Weihnachten zu beschenken, spenden wir Geld für wohltätige Zwecke. Jetzt haben wir keinen Druck mehr, für alle etwas zu besorgen, nur damit man ein Paket in der Hand hält.

Eisbadende auf Spitzbergen in Norwegen: »Setzt Glücksgefühle frei«

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Foto: Marc Dozier / hemis / laif

SPIEGEL: Wie machen Sie den Winter zu etwas Besonderem?

Leibowitz: Ich habe in Tromsø das Eisbaden für mich entdeckt. Inzwischen lebe ich in Amsterdam und gehe auch hier im Winter in einer Gracht bei mir um die Ecke schwimmen. Das kalte Wasser setzt Glücksgefühle frei und kann den Winterblues vertreiben. Eisbaden kann die Insulinresistenz reduzieren und so vor Diabetes schützen, es stimuliert das Immunsystem, indem es die Zahl weißer Blutkörperchen erhöht. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass Eisbaden dazu führen kann, braunes Fettgewebe zu produzieren.

SPIEGEL: Was ist braunes Fettgewebe?

Leibowitz: Weißes Fett speichert Energie, braunes Fett stellt sie bereit und wandelt sie in Wärme um. Säuglinge haben besonders viel braunes Fettgewebe, damit sie nicht auskühlen. Babys besitzen kurz nach der Geburt wenig Muskelmasse, sie können nicht zittern, um Wärme zu produzieren.

»Wer im Winter nur drinnen hockt, wird verrückt.«

SPIEGEL: So gesund Eisbaden sein mag, nicht jede oder jeder wohnt wie Sie am Wasser.

Leibowitz: Dann legen Sie sich in die kalte Badewanne oder duschen Sie kalt, das funktioniert auch! Oder man geht in die Sauna. In Finnland fragt sich niemand, ob er in die Sauna geht, sondern wie häufig. Besuche in der Sauna bauen Stress ab, fördern die Durchblutung, stärken die Lungenfunktion, senken den Cholesterinspiegel. Die Finnen bezeichnen die Sauna als Apotheke des armen Mannes. Man kann auch ein heißes Bad nehmen oder heiß duschen. Wenn man aus der Wanne steigt, sinkt die Körpertemperatur schnell, was dazu führt, dass wir besser schlafen. Der Winter ist die ideale Zeit, um Körper und Geist auf diese Weise zu verwöhnen.

SPIEGEL: Der Sommer ist trotzdem schöner: die Sonne, die langen Tage, die Farben, die üppige Natur, Grillen im Garten.

Leibowitz: Ich empfehle dringend, auch im Winter nach draußen zu gehen. Und wenn es nur für 20 Minuten am Tag ist. Der Weg zur Arbeit oder zum Supermarkt zählt nicht mit. Das Problem ist, dass uns unsere Erwartungen in die Irre führen können; Psychologen sprechen vom »affektiven Vorhersagefehler«. Wir denken, wir werden uns draußen in den Elementen unwohl fühlen, also setzen wir uns ihnen nicht aus. Aber man wird es fast immer angenehmer finden, als man dachte. Hinterher fühlt man sich besser. Machen Sie in der Mittagspause einen Spaziergang, trinken Sie einen Kaffee auf dem Balkon statt in der Küche. Und wenn Sie spazieren gehen: Nehmen Sie die Natur mit allen Sinnen wahr. Gehen Sie ehrfürchtig spazieren.

SPIEGEL: Was verstehen Sie darunter?

Leibowitz: Wie riecht die Winterluft? Wie hört sich der Schnee, der Regen auf der Straße an? Handy aus und Ausschau halten nach kleinen Wundern: Man kann über die Intensität der Stürme staunen oder darüber, wie unverwüstlich manche Pflanzen sind. Der norwegische Lyriker und Dramatiker Henrik Ibsen hat den Begriff »friluftsliv« geprägt. Gemeint ist, Freiheit im Leben draußen zu entdecken. In Norwegen gehört das zur kulturellen Identität. Der Ansatz wird in den Schulen gelehrt und macht den Aufenthalt in der Natur zu einem festen Bestandteil des täglichen Lebens. Wer im Winter nur drinnen hockt, wird verrückt.

SPIEGEL: Der Winter wird oft mit Sterben und Tod assoziiert. Was lehrt uns der Umgang mit dem Winter darüber, wie wir uns in anderen dunklen Zeiten verhalten sollen: in Zeiten der Trauer und des Verlusts?

Leibowitz: Wir alle werden Zeiten erleben, die schwer für uns sind. Wir werden Menschen verlieren, die wir lieben. Wir werden krank werden. Wie finden wir Gelegenheiten, uns an jemanden zu erinnern? Wie können wir uns entschleunigen, wenn wir krank sind? Ich glaube, der Winter ist ein freundlicher Raum, um das zu üben.

SPIEGEL: Frau Leibowitz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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