Antarktischer Salzsee: Überlebenskünstler tummeln sich unterm Eis - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Antarktischer Salzsee Überlebenskünstler tummeln sich unterm Eis

Die Brühe ist kalt, äußerst salzig und liegt unter dickem Eis: Die Bedingungen im antarktischen Lake Vida könnten kaum extremer sein. Dennoch beherbergt der See, wie Forscher entdeckt haben, lebensfähige Kreaturen.
Von Martin Paetsch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Lake Vida galt bislang als besserer Eisblock: Wissenschaftler hatten angenommen, dass er wie viele andere antarktische Seen das ganze Jahr lang bis auf den Grund durchgefroren sei. Doch das fünf Kilometer lange Extremgewässer ist, so hat ein US-Forscherteam herausgefunden, keineswegs starr und leblos. Unter der kalten Kruste existiert Wasser - und womöglich eines der außergewöhnlichsten Ökosysteme der Erde.

Eine trostlosere Umgebung für Leben lässt sich kaum vorstellen: Der Lake Vida liegt in der McMurdo-Region, einer trockenen Eiswüste mit einer mittleren jährlichen Temperatur von minus 30 Grad Celsius. Radarmessungen hatten allerdings ergeben, dass sich 19 Meter unter der Seeoberfläche ein Salzwasserreservoir befinden muss. Das Team um den Geologen Peter Doran von der University of Illinois in Chicago beschloss daher, Bohrungen vorzunehmen.

Im Oktober 1996, zur Zeit des antarktischen Frühlings, zogen die Forscher bei klirrender Kälte zwei 14 und 16 Meter lange Eissäulen aus dem See. Am unteren Ende der Proben fand sich matschiges Salzwassereis, ein Hinweis auf die wenige Meter tiefer beginnende Wasserwelt. Zudem enthielten die Bohrkerne organische, mindestens 2800 Jahre alte Ablagerungen, schreiben Doran und Kollegen jetzt im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Wie die Analyse zeigte, haben in den Sedimenten seltsame Mikroorganismen überdauert. Kamen die scheintoten Bakterien und Algen in Kontakt mit flüssigem Wasser, erwachten sie aus ihrem Kälteschlaf. Nach Ansicht der Wissenschaftler lebten die widerstandsfähigen Mini-Kreaturen früher nahe der Seeoberfläche, bis sie einfroren und von nachströmendem Wasser mit einer Eisschicht überzogen wurden.

Tief im Lake Vida tummeln sich womöglich ganze Kolonien solcher Organismen. Ihre Lebensumstände wären jedoch extrem: Die finstere Brühe ist minus zehn Grad Celsius kalt - sie gefriert nur deshalb nicht, weil sie siebenmal salziger ist als Meerwasser. Dennoch sind Partien des Sees einem Zyklus aus Einfrieren und Auftauen unterworfen. Doran vermutet deshalb, dass die Mikroben über bislang unbekannte Frostschutzmechanismen verfügen müssen.

In Zusammenarbeit mit der US-Raumfahrtbehörde Nasa wollen die Forscher demnächst mit einem Spezialbohrer Proben direkt aus dem tiefer gelegenen Salzwasser entnehmen. "Wir werden dabei vorgehen, als wären wir auf einer Planetenmission", sagt Doran. Das hat seinen Grund: Lake Vida könnte, so glauben die Wissenschaftler, als Modell für außerirdische Ökosysteme dienen.

Ähnliche Bedingungen könnten zum Beispiel in vergangenen Zeiten auf dem Mars geherrscht haben, als die Wasservorräte des jungen Nachbarplaneten einzufrieren begannen. Möglicherweise sind Sonden in der Lage, in der roten Wüste noch heute Hinweise auf solche Lebenswelten zu entdecken: "Wenn dort Salzwasser austritt", so Doran, "dann könnte es aus einem unterirdischen Lake Vida stammen."

Mehr lesen über