Evolution: Eidechsen entwickeln sich blitzartig - DER SPIEGEL
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Evolution Eidechsen entwickeln sich blitzartig

Die karibische Anolis-Eidechse galt jahrzehntelang selbst renommierten Forschern als Modell für die Entstehung neuer Arten. Ausgerechnet ein Student fand jetzt derart große genetische Unterschiede innerhalb einzelner Spezies, dass sicher geglaubte Erkenntnisse über die Evolution ins Wanken geraten könnten.
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Dem bloßen Auge zeigen sich die karibischen Eidechsen eher uniform - so uniform, dass sie offenbar selbst namhafte Forscher täuschen konnten. So war es Richard Glor, ein Student der Washington University in St. Louis, dem nun eine erstaunliche Entdeckung gelang: Die Anolis-Eidechsen der karibischen Inseln weisen ungeahnte genetische Unterschiede auf, die so groß sind, dass bisher einer Spezies zugerechnete Tiere möglicherweise mehreren unterschiedlichen Arten angehören.

"Wir haben ein Ausmaß an Biodiversität entdeckt, das weit größer ist als alles, was zu erwarten gewesen wäre", sagt Glor. Unter den von Glors Entdeckung Überrumpelten gehört auch Jonathan Losos, Biologie-Professor an der Washington University, der seit mehr als 15 Jahren die Anolis-Eidechsen der Karibik studiert. "Diese Eidechsen waren für über 30 Jahre ein Modellsystem für evolutionäre Diversifikation", sagt Losos, "und das selbst für berühmte Wissenschaftler."

Dennoch sei es seinem Studenten Glor als erstem gelungen, "eine völlig neue Ebene der Diversifikation" der Anolis-Eidechsen zu entdecken. "Es ist durchaus möglich, dass eine Gruppe nicht aus einer, sondern aus sechs oder acht Spezies besteht", mutmaßt Losos. "Die mindeste Erkenntnis daraus lautet, dass innerhalb der Arten genetische Unterschiede existieren, von denen wir zuvor keinen Schimmer hatten." Glors Entdeckung, glaubt Losos, könnte unter Evolutionsbiologen für einigen Wirbel sorgen und zu neuen Erkenntnissen über die Gründe genetischer Veränderungen führen.

Glor fand unter elf von zwölf weit verbreiteten Anolis-Arten deutliche genetische Unterschiede, je nachdem, auf welcher Karibik-Insel die Eidechsen zu Hause waren. Die Untersuchungen hätten gezeigt, dass etwa eine auf Hispaniola beheimatete Art sich bereits vor Jahrmillionen von ihren Artgenossen auf Kuba fortentwickelt habe. Doch selbst in unterschiedlichen Regionen ein- und derselben Insel war die Evolution der Tiere offenbar derart schnell vonstatten gegangen, dass Glor signifikante genetische Unterschiede feststellen konnte.

Die Forscher wollen aus ihren Erkenntnissen Theorien zum Anlass genetischer Veränderungen ableiten. Potenzielle Faktoren könnten laut Glor und Losos bereits die Entstehung von Gebirgszügen und Flusstälern oder Veränderungen des Meeresspiegels sein. Die Inseln der Karibik bieten den Wissenschaftlern ideale Bedingungen: Die Anolis-Eidechse krabbelt praktisch überall, und alle Inseln haben laut Glor unabhängig voneinander gleiche Ökosysteme entwickelt, obwohl sie unterschiedlich groß sind.