Seltsamer Vogel: Der Dodo tappt im Taubenland - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Seltsamer Vogel Der Dodo tappt im Taubenland

Dem komischen Vogel aus "Alice im Wunderland" stand die Wissenschaft lange hilflos gegenüber. Nun wollen britische Forscher die Herkunft des ausgestorbenen Dodos endgültig geklärt haben.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Dodo wusste immer eine Lösung: Als Alice - nass und zerzaust - am Ufer eines Tränenpfuhls stand, schlug das seltsam aussehende Federvieh vor, beständig im Kreis zu laufen. Nach einer halben Stunde war die Gruppe trocken, der Dodo hatte seine Klugheit bewiesen. So zumindest hat es in Lewis Carroll in "Alice im Wunderland" niedergeschrieben, dem meistverkauften Kinderbuch der Welt.

Alice ist Fiktion, doch der Dodo (Raphus cucullatus) existierte wirklich. Bis zu seiner Ausrottung vor gut 300 Jahren spazierte der große, schwerfällig aussehende Drontevogel über die Insel Mauritius - auch wenn das real existierende Tier wohl wenig mit seinem literarischen Nachfahren zu tun hatte.

Als europäische Augen den Vogel im Jahre 1581 erstmals erblickten, beschrieben die Entdecker das flugunfähige Tier mit seinem langen Hakenschnabel als hässlich und dumm; weil es keine natürlichen Feinde hatte, flüchtete es nicht vor den jagdwütigen Menschen. Die gaben ihm den Namen Dodo, der wahrscheinlich auf das portugiesische "diodo" (töricht, tollpatschig) zurückzuführen ist.

Nur hundert Jahre später, wahrscheinlich um 1681, war der Dodo ausgerottet. Zwar bezeichneten die Eroberer dessen Fleisch als zäh, ranzig und einfach widerlich, von der Jagd auf den ungelenk fliehenden Bodenvogel wollten sie dennoch nicht ablassen. Gleichzeitig setzten mitgebrachte Schweine und Ratten den Dronte-Eiern zu. Da kein einziger ausgestopfter Dodo existiert, ist heute nicht einmal die exakte Farbe des Gefieders bekannt.

Auch die Evolutionsgeschichte des Dodo ist alles andere als gut erforscht. Die ungewöhnliche Größe und die Flugunfähigkeit haben viele charakteristische Merkmale verschleiert. Und so wurde der Dodo im Laufe der Jahrhunderte in verschiedene Schubladen - von den Laufvögeln über die Tauben bis hin zu den Greifvögeln - gesteckt.

Seit einiger Zeit scheint jedoch klar: Der Dodo gehört, genauso wie sein enger Verwandter, der Rodriguez-Einsiedler, zur Ordnung der Taubenvögel. Offen blieb allerdings, wo genau er innerhalb der mehrere hundert Tiere umfassenden Gattung anzusiedeln ist.

Ein Team um Beth Shapiro von der Universität im britischen Oxford hat sich nun ganz dieser Frage verschrieben. Die Zoologen haben, wie sie in der aktuellen Ausgabe des US-Wissenschaftsmagazins "Science" berichten, die DNS 37 verschiedener Tauben entnommen - darunter auch die eines Dodo-Exponats, das Lewis Carroll als Inspiration gedient haben soll.

Das Ergebnis: Der Dodo und der Rodriguez-Solitär, ein bis zu einem Meter großer Einzelgänger mit langem Hals und Truthahn-ähnlichen Füßen, sind Geschwister und gehören beide - welche betrübliche Nachricht - zur Familie der eher ungeliebten Tauben. Als engste noch lebende Verwandte gilt die im Südosten Asiens sesshafte Kragentaube (Caloenas nicobarica) - eine maximal einen halben Meter große Erdtaube mit schillerndem Gefieder, die ebenfalls schwer unter den Menschen gelitten hat.

Shapiro und Kollegen ist es zudem gelungen, die zeitliche Entwicklung der großen Taubenfamilie näher zu bestimmen. Demnach setzten sich Dodo und Solitär vor rund 43 Millionen Jahren von den restlichen Tauben ab. Die beiden seltsamen Vögel gingen ihrerseits vor etwa 25 Millionen Jahren getrennte Wege.

"Aus biogeografischen Gründen ist das sehr interessant", schreibt die Zoologin in "Science". Schließlich tauchte Mauritius erst vor rund sieben Millionen Jahren aus dem Meer auf. Und Rodriguez, die Heimat das Solitärs, ist gerade einmal etwas mehr als eine Million Jahre alt. "Es erscheint", so Shapiro, "äußerst unwahrscheinlich, dass die großen genetischen Unterschiede zwischen den beiden Vögeln auf das jeweilige Inselleben zurückzuführen sind."

Ein anderes Ereignis, das ebenfalls vor 25 Millionen Jahren eintrat, könnte Aufschluss geben. Exakt zu dieser Zeit sind die Erhebungen in der Nähe des heutigen Madagaskar im Ozean versunken. Die Zoologen gehen daher davon aus, dass sich Dodo und Solitär langsam von neuer Insel zu neuer Insel fortbewegt haben und dabei ihr unterschiedliches Aussehen entwickelten.

Wie allerdings der Solitär trockenen Fußes auf die junge Insel Rodriguez kam, können auch die Forscher nicht sagen. Möglicherweise, so der Versuch einer Erklärung, konnte er vor einer Million Jahren noch fliegen. Eine kluge Idee, um das Gefieder zu trocknen, hätte er dann - anders als der Dodo aus "Alice im Wunderland" - gar nicht erst gebraucht.

Mehr lesen über