Tierische Evolution Am Anfang war der Kragen
Die Evolution im Tierreich verlief äußerst kreativ: Meeresbewohner und Beherrscher der Lüfte, Winzlinge und Riesen, Raubtiere und Pflanzenfresser - sie alle haben sich im Laufe der Zeit entwickelt. Und alle stammen mehr oder weniger direkt von ihren Urahnen, von einzelligen Lebewesen ab.
Doch während die Entwicklung der heutigen Tiere mittlerweile recht gut verstanden ist, diskutieren Biologen noch immer die Frage, wie die ersten Tiere aus ihren einzelligen Vorfahren entstanden sein können. Forscher von der University of Wisconsin in den USA glauben nun, ein "Fenster in die frühe Entwicklung der Tiere" geöffnet zu haben, wie sie im Wissenschaftsmagazin "Science" schreiben.
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Auf der Suche nach dem möglichen Urvater hat die Gruppe um Sean Carroll einen alten Verdächtigen genauer untersucht: Der Choanoflagellat, ein spermienartiger Einzeller mit einem hauchdünnen Kragen aus Wimpern und einer langen Geißel zur Fortbewegung, ist schon seit 150 Jahren als Vorgänger höherer Tiere in der Diskussion. Jetzt haben Carroll und Kollegen, die sich schon früher mit dieser Theorie beschäftigt haben, neue genetische Beweise gefunden.
Demnach gleicht das Kragengeißeltier bestimmten Zellen, die nur in komplexeren Organismen vorkommen. Die Winzlinge besitzen Gene, die sich vielerorts in der Tierwelt wiederfinden, nicht aber bei anderen Einzellern. Die von diesen Erbmerkmalen produzierten Proteine haben bei den Mehrzellern spezielle Aufgaben übernommen: Sie sind beispielsweise für das Zusammenspiel der Zellen und die Signalverarbeitung zuständig.
Offensichtlich, so die Genetiker in "Science", erfüllten die Gene in unseren einzelligen Vorfahren noch ganz andere Aufgaben. Erst im Laufe der Evolution wurden sie für ihre heutigen tierischen Aufgaben ausgewählt. So könnten die Proteine, die heute bei Tieren für die Abwehr von Krankheitserregern zuständig sind, früher den Einzellern bei der Suche nach Beute und bei deren Fang geholfen haben.
Noch ist erst ein kleiner Teil der Choanoflagellaten-Proteine erkundet. Die Forscher sind aber zuversichtlich, weitere Gene zu finden, deren Aktivität sich einzig bei den heute lebenden Tieren wiederentdecken lässt. Besonders interessant scheinen in diesem Zusammenhang Proteinfamilien, die für die Entwicklung und Zellteilung der Tiere verantwortlich sind: Sie könnten letztlich darüber Auskunft geben, wie aus einfachen Einzellern komplexe Zellgebilde entstanden sind.
Alexander Stirn