Notstand im Biostall
Wenn ein Schwein ökologisch produziertes Kleegras, Getreide und Stroh frisst, wenn es sich im Schlamm suhlen und raus auf die Weide kann, wann immer es will - ist dieses Schwein dann glücklicher? Gesünder? Und schmeckt sein Fleisch auch besser?
Bioschweinefleisch ist in Deutschland eine echte Rarität: Obwohl die Nachfrage nach Bioprodukten stetig steigt und Schweinefleisch mit Abstand das meistverkaufte Fleisch ist, beträgt der Anteil aus ökologischer Produktion nur 0,4 Prozent. Der Rest stammt aus konventioneller Schweinemast; von Tieren, die ohne Auslauf, Tageslicht und frische Luft ihr Dasein fristen, zusammengepfercht auf harten Holz- oder Betonböden ohne Strohbelag.
Bei Rindfleisch und Geflügel sieht es ähnlich aus: Das meiste, was auf deutschen Tellern landet, stammt von industrialisiertem Hochleistungsvieh, das mit Hilfe von Kraftfutter, Leistungsförderern und Antibiotika darauf getrimmt wird, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel fettarmes Fleisch anzusetzen.
Und die Biotiere? Die sind leider gar nicht so viel gesünder als ihre Artgenossen auf den konventionellen Bauernhöfen. Eher im Gegenteil: Bei einer Befragung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover kam heraus, dass Hühner in Freilandhaltung häufiger krank werden und früher sterben. Sie infizieren sich leichter mit Viren, Salmonellen und Würmern. Außerdem scheint sie die Freiheit manchmal zu überfordern. Im freien Gelände rupfen sie sich gegenseitig die Federn aus oder hacken sich gar zu Tode.
Auch Bioschweine sind offenbar zu bedauern: Untersuchungen des Kasseler Agrarprofessors Albert Sundrum an Schweinekadavern ergaben, dass bei Bioschweinen die Leber häufiger krankhaft verändert war als bei konventionellen Mastschweinen. Viele litten zudem unter Parasiten; nur ein Drittel war ganz gesund.
Für all das gibt es eine ziemlich simple Erklärung - und sie lautet natürlich nicht, dass Biohaltung schlechter für die Tiere ist. »Leider müssen Biobauern oft mit Nutztierrassen arbeiten, die für die Bioproduktion nicht besonders gut geeignet sind«, sagt Gerald Wehde, Sprecher von Bioland, dem größten ökologischen Anbauverband in Deutschland. »Die großindustrielle Produktion hat weltweit zu einer genetischen Verengung bei den Tierrassen geführt.«
Die gängigen Rassen, die den Markt beherrschen, sind für maximale Leistung bei konventioneller Haltung konzipiert worden - und nicht für das Leben auf einem Biohof. Auf Eigenschaften wie Robustheit und normales Sozialverhalten haben die Züchter keinen besonderen Wert gelegt. Dennoch seien auch Biobauern gezwungen, diese Rassen zu nutzen, sagt Wehde, »denn das Zuchtmaterial liegt oft in den Händen von Monopolisten«.
Am schlimmsten sei es beim Geflügel: »Da gibt es weltweit gerade noch vier relevante Zuchtfirmen«, sagt Wehde. Fast ausnahmslos nutzten auch deutsche Landwirte die Hybridlinien dieser Konzerne; extrem selektierte Tiere, die entweder 300 Eier pro Jahr legen oder sich innerhalb von fünf Wochen schlachtreif mästen lassen. Weil die Tiere ihre Eigenschaften nicht vererben können, müssen die Bauern stets neue nachkaufen. So bestimmen die Großkonzerne das Angebot auf dem Weltmarkt.
»Die Tiere sind so extrem auf Brust gezüchtet, dass sie kaum noch laufen können«, sagt der Agrarberater Bernd Kuhn aus Bad Bevensen. Bei den Puten sei wegen der gewaltigen Brust gar keine natürliche Begattung mehr möglich. »Die fallen um, wenn sie besprungen werden.«
Das Hochleistungsfedervieh kann zudem das natürliche, weniger gehaltvolle Biofutter nur schlecht verwerten; es ist auf das in der konventionellen Landwirtschaft übliche, angereicherte Kraftfutter ausgerichtet. Und es wurde für die Haltung in kühlen, abgedunkelten Ställen selektiert; darf es auf einmal ins Freie, wird es vom Sonnenlicht ebenso irritiert wie von Hitze oder Kälte. Und so hacken die Tiere mitunter vor lauter Stress aufeinander ein, bis Federn fliegen und Blut fließt.
Auch die biologische Aufzucht von Schweinen, Kühen und Rindern hat ihre Tücken. Jahrzehntelang haben die Zuchtunternehmen an genetisch optimierten Kreuzungen gefeilt, die immer noch mehr Fleisch oder Milch liefern können. »Hochleistungskühe sind immer mehr in Richtung Kraftfutterverwertung gezüchtet worden«, sagt Kuhn. »Für den ökologischen Landbau ist das natürlich schlecht.« Außerdem seien die Kühe extrem krankheitsanfällig. Den Schweinen wiederum sei systematisch das Fett weggezüchtet worden; mageres Fleisch verkauft sich eben besser. »Aber je weniger Fett sie haben, desto stressanfälliger sind sie.«
Insgesamt, da sind sich die Experten einig, ist die Situation äußerst unbefriedigend. »Man müsste im großen Stil investieren und Zuchtprogramme starten«, sagt Agrarberater Kuhn. »Wir sollten die Biodiversität auch bei den Nutztierrassen schützen«, findet Bioland-Sprecher Wehde.
Bisher haben allerdings nur wenige Biobauern versucht, an besser geeignetes Vieh zu kommen. Neue Rassen zu züchten ist riskant, aufwendig und teuer. Wer nimmt das freiwillig auf sich?
Einer, der es versucht, ist Siegmar Götze vom Nutztierwissenschaftlichen Zentrum Merbitz der Universität Halle. Seit über zehn Jahren kreuzt er Hühner von Kleintierzüchtern der ehemaligen DDR mit kommerziellem Geflügel, derzeit mit Exemplaren der Hochleistungsrasse »White Rock«. »Unsere Hühner erreichen zwar nicht ganz die Leistungsziele der kommerziellen Rassen, aber sie verwerten das Futter besser und sind weniger aggressiv«, berichtet Götze. Bisher liefert der Wissenschaftler die Tiere ausschließlich an die »Domäne Mechtildshausen«, einen Biohof bei Wiesbaden. »Aber das Huhn ist inzwischen in einem Zustand, dass es breiter genutzt werden könnte«, sagt Götze.
Im westfälischen Laer lässt sich noch eine andere, einfachere Alternative zum empfindlichen Hochleistungsvieh besichtigen: alte, widerstandsfähige, sozial kompetente, beinahe ausgestorbene Landrassen. Die Biobauern Maria und Martin Büning sammeln sie alle auf ihrem »Naturland- und Archehof": Vorwerkhühner, Westfälische Totleger, Bayerische Landgänse, Diepholzer Gänse, Cröllwitzer Puten, Bronzeputen, Rotes Höhenvieh und Bunte Bentheimer Schweine.
Eine wundersame Idylle ist das dort: Schwarz getüpfelte Schlappohrschweine, so weit das Auge reicht, sie suhlen sich im Schlamm und spazieren auf der großen Weide umher. In der Ferne grast friedlich eine Herde rotbrauner Kühe, die Hörner nicht gestutzt, und daneben, in einem weitläufigen Obstgarten, stolziert buntes Federvieh umher, einträchtig und ohne Anzeichen von Aggressivität. Auf den Dächern der Ställe prangen Solarzellen, rund um das Anwesen stehen Windräder; die Bauern der Gemeinde haben sie gemeinsam errichten lassen.
Ist das die Lösung? Sieht so die Zukunft der Biolandwirtschaft aus?
Maria Büning ist eine drahtige Frau mit raspelkurzen, grauen Haaren, sie trägt ein blaues Trägershirt, Jeans und Birkenstocksandalen, mit denen sie behände über Schlammpfützen springt, ohne sich die Füße schmutzig zu machen. »Die alten Rassen wurden vom Markt verdrängt, weil sie weniger leistungsfähig sind«, sagt sie, »aber sie sind ganz einfach robuster und stabiler und nicht so krankheitsanfällig. Deshalb besinnt man sich in letzter Zeit immer mehr auf sie zurück.«
Anfangs hätten auch sie es mit konventionellen Schweinen versucht, erzählt Büning. »Aber die konnten kaum laufen. Man musste das regelrecht mit ihnen üben!« Ganz anders die Bunten Bentheimer: Sie mögen Auslauf, sind genügsam, brauchen keine Heizung, keine Infrarotbestrahlung und keine Antibiotika. Ihre Speckschicht, dreimal so dick wie bei anderen Schweinen, macht sie besonders robust - und ist zugleich ihr Problem. »Die Leute vergessen, dass Fett ein hervorragender Geschmacksträger ist«, klagt Büning. Viermal pro Woche verkauft sie Fleisch und Wurst direkt auf den Märkten in Münster und Nottuln. »Am Anfang musste ich dort so viel erklären, dass ich dachte, ich hätte Fransen an den Lippen!«
Manchmal schenkt sie skeptischen Kunden auch einfach zwei Nackenkoteletts. Das habe bisher noch jeden überzeugt: »Spätestens in der nächsten Woche kommen die wieder und kaufen bei mir ein.«